«Wir haben noch viele Ideen»
Quelle: PCP.com

«Wir haben noch viele Ideen»

Marcel Weber führt als Nachfolger von Malte Polzin seit Kurzem als CEO die PCP.com-Gruppe. Im Interview spricht er über seine Prioritäten, den Omnichannel und das Geschäft mit PCs aus eigener Produktion.

Artikel erschienen in Swiss IT Reseller 2022/10

     

Swiss IT Reseller»: Ihr Vorgänger Malte Polzin brachte viel Erfahrung im Bereich E-Commerce in den Job als CEO von PCP.com mit ein. Womit ist Ihr Erfahrungsrucksack besonders gut gefüllt?
Marcel Weber
: Mein Erfahrungsschatz liegt sicherlich im Bereich Operations – sprich in Themen wie Logistik, Einkauf, Projekt- und Prozessmanagement. Aber auch im Bereich E-Commerce habe ich in den Jahren, in denen ich für PCP.com bereits tätig bin, einige Erfahrung aufbauen dürfen – nicht zuletzt auch dank Malte Polzin, mit dem ich in den vergangenen drei Jahren zusammenarbeiten durfte. Unsere Stärken unterscheiden sich sicherlich etwas, ich denke aber, ich bin für diese neue Herausforderung gut gerüstet.

Werden sich diese unterschiedlichen Stärken auch im Fokus zeigen, den die PCP.com-Gruppe unter Ihrer Leitung haben wird?
Es gibt verschiedene Punkte, auf die ich den Fokus legen möchte – einerseits nach aussen, andererseits nach innen. Nach aussen wollen wir bezüglich Positionierung sicherlich noch ein wenig nachjustieren. Details dazu kann ich allerdings noch keine verraten. Nach innen werden wir einen Fokus auf unsere Prozesse legen, sodass wir künftig noch schlanker und optimierter agieren können. Hier gibt es unter anderem dank unserer hauseigenen IT-Lösung noch die eine und andere Stellschraube, an der wir drehen können, um uns weiterzuentwickeln.


Wie ist das Filialgeschäft von Steg Electronics durch die Pandemie gekommen?
Das Filialgeschäft wurde durch die Pandemie durchgeschüttelt, das lässt sich nicht von der Hand weisen. Nach Ende des ersten Lockdowns verzeichneten wir nach der Wiedereröffnung sehr guten Zulauf. Nach dem zweiten Lockdown hingegen war es schwieriger, wieder auf Kurs zu kommen. Es dauerte länger, bis sich das Filialgeschäft wieder normalisiert hatte – inzwischen sind wir aber wieder soweit. Was wir mit unserem starken Fokus auf Dienstleistungen und Reparaturen bei Steg auch zu spüren bekamen ist, dass sich viele Kunden in der Pandemiezeit mit Neuwaren eingedeckt haben. Auf diese Neuwaren haben die Kunden zwei Jahre Herstellergarantie, entsprechend schwierig war es, Services anzubieten. In den letzten drei, vier Monaten hat im Bereich Dienstleistungen und Reparaturen aber wieder ein deutlicher Aufschwung stattgefunden, was sehr erfreulich ist.

Vor drei, vier Jahren wurden die Steg-Filialen komplett umgebaut – Lösungsinseln anstatt Regalreihen hiess das Motto. Halten Sie an dem Konzept fest?
Unbedingt, denn mit dieser Ausrichtung wollen wir den Beratungsaspekt verstärkt ins Zentrum stellen, und das möchten wir intensivieren. Wir haben keine Ambitionen, uns wieder zum klassischen Detailhändler zurückzuentwickeln, bei dem sich der Kunde aus dem Regal bedient, bezahlt und wieder geht. Natürlich darf er das, doch unsere Stärke liegt in der Fachberatung, in der Kompetenz und in der Dienstleistung.

Also wird sich an der Positionierung von Steg als Retailer mit hoher Beratungskompetenz und grossem Serviceanteil nichts ändern.
Das ist richtig, und so viel kann ich verraten, diese Positionierung wollen wir weiter schärfen. In den Coronajahren war es schwierig, diesen Fokus voranzutreiben, umso mehr wollen wir uns hier nun noch besser ausrichten.


Aktuell zählt Steg 14 Filialen, was in etwa der Pre-Corona-­Zahl entspricht. Halten Sie an dieser Anzahl Filialen fest, oder ist allenfalls gar ein Ausbau geplant?
Diese Diskussion läuft bei uns aktuell. Eine Reduktion der Anzahl Filialen ist klar nicht das Ziel. Eine Überlegung geht dahin, mit den Filialen näher zu den Kunden zu gehen. Heute sind wir mit der einen und anderen Filiale eher auf der grünen Wiese, und es ist denkbar, dass wir diese Richtung Agglomeration oder Städte verlegen. In Luzern und St. Gallen haben wir diesen Schritt bereits erfolgreich gemacht, und es ist möglich, dass weitere Standorte dem Beispiel folgen. Ebenfalls in Diskussion ist der Ausbau des Filialnetzes. In Dübendorf haben wir vor rund einem Jahr bereits eine neue Filiale eröffnet, die sich bewährt. Das beweist, dass es auch in unserem nicht einfachen Markt möglich ist, neue Filialen erfolgreich einzuführen. Wenn die Lage stimmt, ist die Nachfrage durchaus vorhanden.

Ihr Vorgänger Malte Polzin hat in einem Interview vor drei Jahren von einem Online-­Anteil im IT- und UE-Geschäft von rund 30 Prozent gesprochen. Wie schaut die Situation bei Steg heute aus? Wie viel zum Umsatz tragen die Filialen noch bei?
Bei Steg sind wir aktuell bei rund 40 Prozent des Gesamtumsatzes, der über die Filialen generiert wird. Die Pandemie hat hier sichtbare und nachhaltige Spuren hinterlassen.

Gibt es eine Umsatzuntergrenze, an der Sie das Filialkonzept in Frage stellen?
Eine Filiale muss sich selbst rechnen, und so lange unser Konzept so funktioniert, gibt es für uns keinen Anlass, diese in Frage zu stellen. Insofern gibt es keine Umsatzuntergrenze für eine Filiale. Wie bereits erwähnt, stehen bei unseren stationären Lokalen nicht nur der Warenhandel, sondern vor allem auch die Technikdienstleistungen im Fokus.


Ende August wurde Steg Premium lanciert, ein Abo, mit dem der Endkunde gewisse Services und bessere Preise bekommt. Welche Erwartungen haben Sie an dieses Angebot?
Die ersten Reaktionen auf Steg Premium waren sehr positiv. Was mich freut ist, dass Kunden Steg Premium auch online bestellen, denn wir gingen eigentlich davon aus, dass sich das Abo nur über ein gutes Beratungsgespräch im Laden verkauft, bei dem den Kunden die Vorteile aufgezeigt werden können. Die Tatsache, dass wir rund 10 Prozent der Abos bislang online verkauft haben, zeigt, dass der Mehrwert auch ohne grossen Erklärungsaufwand für unsere Kunden erkennbar ist. Um aber auf Ihre Frage zurückzukommen: Die Erwartungen in Steg Premium sind sehr hoch. Ich glaube, wir haben hier wirklich ein Produkt entwickelt, das Mehrwert bietet, von dem der Kunde profitiert. Die ersten Rückmeldungen bestätigen dies wie erwähnt.


Mit diesem Abo, mit Same-Day-Delivery oder dem ausgeprägten Dienstleistungskonzept scheinen mir die Omni­channel-Möglichkeiten bei Steg allerdings weitgehend ausgeschöpft. Oder haben Sie noch Ideen?
Wir haben noch viele Ideen, die Möglichkeiten sind bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Filialen und den Onlineshop noch viel stärker verknüpfen können, und wir planen für die kommenden Monate auch, die eine oder andere Neuerung einzuführen. Ich bin überzeugt vom Omnichannel-Modell und davon, dass es immer noch Kunden gibt und auch in Zukunft immer Kunden geben wird, die den persönlichen Kontakt suchen, die persönlich beraten werden wollen. So lange diese Kunden nicht aussterben, so lange halten wir an Omni­channel fest.

Mit Steg-electronics.ch, Techmania.ch und PC-­Ostschweiz.ch gibt es nach wie vor drei Onlineshops aus Ihrem Haus. Halten Sie an dieser Dreifaltigkeit fest, und wie grenzen sich die verschiedenen Kanäle ab?
Unser Fokus wird in Zukunft klar auf Techmania.ch sowie auf Steg-electronics.ch liegen. Das bedeutet nicht, dass PC-Ostschweiz verschwinden wird – im Gegenteil. Aber der Fokus liegt auf den anderen beiden Kanälen. Steg-electronics.ch fungiert dabei als Online-Kanal des Omnichannel-Konzepts, über das wir eben gesprochen haben. Über Steg-electronics.ch bieten wir auch zusätzliche Optionen wie die Abholmöglichkeit im Shop, bessere Garantiebedingungen, ein Dienstleistungsportfolio, einen Kundendienst, der einfach und persönlich kontaktiert werden kann sowie den Service vor Ort. Produktseitig liegt der Fokus auf IT und PCs. Bei Techmania.ch verfolgen wir eher den klassischen Warenhausansatz. Wir entwickeln uns hier weg vom reinen IT- und UE-Onlineshop hin zu einem Komplettanbieter mit einem Haushalts- und Gartenportfolio sowie weiteren Produktkategorien.


Weshalb behalten Sie PC-Ostschweiz denn am Leben?
Es gibt keinen Grund, den Kanal einzustellen, und wir hegen keine Pläne, PC-Ostschweiz in den kommenden Monaten zu schliessen. Aber es ist natürlich schon so, dass sich Techmania.ch und PC-Ostschweiz bezüglich Sortiment, Auftritt und Leistungen sehr ähnlich sind. Wir haben uns strategisch dafür entschieden, Techmania.ch anstelle von PC-Ostschweiz zu pushen – nicht zuletzt darum, weil der Name neutraler ist.

Gerade mit Techmania.ch treten Sie im Etail aber gegen unglaublich starke Konkurrenz in Form von Digitec, Brack.ch und Microspot.ch an. Wie soll Techmania.ch hier bestehen?
Wir haben mit Techmania.ch durchaus unsere Möglichkeiten und Stärken. Wir sind uns der Konkurrenz bewusst, doch für uns sprechen die hervorragenden Einkaufsmöglichkeiten, die wir haben – unter anderem dank unseren Tochterfirmen in Deutschland und Österreich. Wir zählen allein in der EU 200 Lieferanten, und wir kommen dadurch auch sehr rasch an neue Produkte und Trends heran. Diese Einkaufskanäle können wir auch noch intensiver nutzen.

Ich komme nochmals auf das bereits angesprochene Interview mit Malte Polzin aus dem Jahr 2019 zurück. Er übte damals eine gewisse Kritik an den Herstellern, wonach diese ihren Fokus auf die grossen Händler legen würden. Dadurch sei PCP.com oft gezwungen, im Ausland einzukaufen, um bessere Preise zu bekommen. Hat sich die Situation inzwischen verbessert?
Die Situation ist auch heute noch ähnlich. Mit gewissen Herstellern unterhalten wir sehr gute, intensive Beziehungen, mit anderen ist es schwieriger. Wir versuchen unser Bestes, möglichst gute Beziehungen zu den Herstellern in der Schweiz aufzubauen und zu unterhalten. Es gibt auch Hersteller, welche gar nicht mit uns arbeiten wollen, diese arbeiten nur noch mit den grossen Händlern. Letztlich ist der Preis mit entscheidend im E-Commerce-Geschäft, weshalb wir gar keine andere Wahl haben, als unseren Einkaufskanal in der EU weiter zu nutzen und zu intensivieren. Denn sonst können wir gar nicht mithalten mit den Mitbewerbern.


Ein Wort noch zum Assemblierer-Geschäft, wo Sie mit Steg PC und Beck PC aktiv sind. Wie läuft es hier?
Bezüglich Steg PC muss ich sagen, dass wir nach der Pandemie Mühe bekundeten, die Stückzahlen wieder hochzukriegen. Denn der Steg PC wird typischerweise in der Filiale verkauft, und wenn das Filialgeschäft schwächelt, schwächelt auch der Steg PC. Eine gewisse Erholung zeichnet sich nun zumindest aber ab. Beck PC im Gegenzug läuft sehr gut, wir können Jahr für Jahr unglaubliche Wachstumszahlen verzeichnen, die Marke etabliert sich zunehmend, und das bei weitem nicht nur bei Gamern, wie viele annehmen. Den grossen Teil unseres Geschäfts machen wir mit Business-Kunden, die besondere Anforderungen bezüglich Leistung oder Widerstandsfähigkeit haben.

Auch hier die Frage: Warum unterhalten Sie fürs Assemblierer-Geschäft zwei Marken?
Weil der Steg PC und der Beck PC zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Beim Steg PC handelt es sich um ein Serienmodell, während der Beck PC zu 100 Prozent individuell gefertigt wird. Einen Beck PC verkaufen wir sogar selten so, wie ihn der Kunde ursprünglich wollte – und zwar darum, weil wir in der Beratung herausfinden, dass es noch eine bessere Konfiguration für ihn gibt. Bei Beck PC ist die Geschichte immer sehr persönlich.


Das Beck PC dabei lukrativ sein kann, kann ich mir noch vorstellen. Doch können Sie mit Steg PC gegen die global tätigen Hersteller bestehen? Hat Steg PC eine Zukunft?
Ja, und zwar aus mehreren Gründen. So assemblieren wir unsere PCs in der Schweiz, was vielen Kunden durchaus etwas wert ist. Zudem haben wir nicht zuletzt dank unserer PC-Produktion sehr gute Beziehungen zu den Komponentenherstellern, was sich auch positiv auf die Einkaufspreise auswirkt. Ausserdem ist unsere Produktion bei weitem nicht so teuer wie Sie vielleicht annehmen. Und ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass Steg PC zur Marke Steg gehört und dass sich die Marken gegenseitig stärken.

Wenn Sie auf den Rest des Jahres schauen: Wo liegt Ihre oberste Priorität, was wollen Sie als Erstes angehen?
Das eingangs erwähnte Thema Positionierung steht weit oben auf der Agenda noch für dieses Jahr. Ein grosser Fokus liegt bei uns zudem auf dem Black Friday, der unser Endjahresgeschäft einläuten und zu einem Highlight machen soll. Das wird nicht einfach, weil unsere Mitbewerber wie erwähnt stark sind. Aber auch wir haben unsere Möglichkeiten.


Stichwort Black Friday: Wie steht es um die Verfügbarkeit? Hat sich die Situation entschärft?
Es gibt noch einzelne Produkte, bei denen die Verfügbarkeit schwierig ist, doch die Situation hat sich ganz klar entschärft. Unser Chefeinkäufer zumindest ist im Moment deutlich entspannter als auch schon.

Letzte Frage: Wie stark ist Unternehmensgründer Lorenz Weber eigentlich noch ins Tagesgeschäft involviert?
Lorenz ist VR-Präsident und nimmt diese Position wahr. Das operative Tagesgeschäft stemme ich mit meinen grossartigen Kollegen, da ist Lorenz überhaupt nicht mehr involviert. Die Verantwortungen sind klar geregelt. Natürlich tauschen wir uns aus, und ich schätze diesen Austausch, wie auch das entgegengebrachte Vertrauen und die Freiheiten. Dies rechne ich Lorenz hoch an, denn nicht jeder Unternehmensgründer kann sich von seinem Baby lösen wie er das tut. Chapeau an dieser Stelle.

Zur Person

Marcel Weber hat in diesem Sommer die Nachfolge von Malte Polzin als CEO der PCP.com-Gruppe angetreten. Zum Multichannel-Anbieter PCP.com gehören der Retailer Steg Electronics, die Online-Shops Techmania.ch und PC-Ostschweiz, der PC-Hersteller Beck PC sowie die deutschen und österreichischen Onlineanbieter Comstern.de und Comstern.at. Marcel Weber ist seit 2014 bei PCP.com und hatte dabei schon unterschiedliche Funktionen inne – etwa als Leiter Logistik, Verkaufsleiter Filialen und zuletzt als COO. Davor hat der 39-Jährige von 2008 bis 2014 die Frühzustellorganisation Schazo mit Sitz in Schaffhausen operativ geleitet. Marcel Weber ist zudem auch bei Columbus.net engagiert, dem neuen Unternehmen von PCP.com-Gründer Lorenz Weber, das wir in der Juli-Ausgabe (07/2022) von «Swiss IT Reseller» näher vorgestellt haben.
(mw)


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