Draufgeschaut: Die Geheimrezepte Schweizer ERP-Anbieter
Quelle: z.V.g

Draufgeschaut: Die Geheimrezepte Schweizer ERP-Anbieter

Von Eric Scherer
7. September 2014

     

Es gibt sie noch: Anbieter von ERP-Systemen ­«Made in Switzerland». Damit meine ich nicht irgendwelche Branchentemplates für SAP- oder Microsoft-Systeme, sondern originäre, echte Anbieter von ERP-Systemen, die in der Schweiz domiziliert sind, hier entwickeln und hier ihre Kunden haben. In einer immer globaleren ERP-Welt, wo sogar im bisherigen badischen Epizentrum die Mitarbeiter mit Entlassungen konfrontiert sind, ­sicher ein Anachronismus. «ERP in Switzerland» – eigentlich schon lange tot geglaubt, aber trotzdem am Leben.
Sicher, wenn man vom Schweizer Platzhirschen ­Abacus absieht, der durch seine grosse Kunden­basis und sein umfassendes Ökosystem über eine fundierte Basis verfügt und in den letzten Jahren doch erheblich in Technologien investiert hat, bewegt sich die Mehrheit der hiesigen ERP-Anbieter nach gut eidgenössischer Manier in der Nische. Doch sie tut das ziemlich erfolgreich – ganz nach dem Prinzip: klein, fein und engagiert. Und deshalb ist es vielleicht sinnvoll, die «Geheimrezepte» dieser kleinen Anbieter zu erforschen.


Um es vorweg zu nehmen: Gerade kleine Schweizer ERP-Anbieter machen viele Dinge richtig, die andere so richtig falsch machen. Wo liegen also die Erfolgsrezepte? Was kann man da lernen? An erster Stelle sehe ich echte und vorbehaltslose Kundennähe. Kleine, lokale ERP-Anbieter kennen ihre Kunden, wissen um ihre Wichtigkeit für sie und schätzen sie. Hier wird persönlich kommuniziert, nicht über Pressemitteilungen. Hier haben Verträge Handschlagqualität, und man muss nicht in andauernder Angst vor Vertrags- und Lizenzjuristen leben. Der Anwender und Kunde wird als Partner betrachtet und nicht als Weihnachtsgans, die gerupft werden muss. Und ganz wichtig: Kleine Anbieter kennen keine Quartalsberichte und keine Börsenkurse. Das wirkt sich in vielen Bereichen positiv aus.


Schweizer ERP-Anbieter – und im Prinzip gilt das nicht nur für sie, sondern für alle lokalen und kleinen Anbieter – haben ein ganz anderes Wertesystem als viele Banken- und Investoren-getriebene Unternehmen. Die Maslow-Pyramide stimmt quasi. Es geht nicht um Verkaufsprovisionen und Sar­bannes-Oxley-kompatible Verkaufszahlen, sondern um erfolgreiche Projekte und zufriedene Kunden. Um das zu erreichen, ist ein weiteres Prinzip wichtig: das der Selbstbeschränkung. Lokale, hiesige Anbieter haben fast immer eine klare Branchenausrichtung, eine überschaubare Spannbreite bei der Firmengrösse ihrer Kunden und einen lokalen, geografischen Bezug. Diese Selbstbeschränkung erlaubt eine Fokussierung in der funktionalen Entwicklung und damit – wenn sie richtig gewählt wird – eine Art Kapilareffekt. Das heisst nichts anderes, als dass mit einer überschaubaren und nicht ausufernden Funktionalität in einem fokussierten Markt viel erreicht werden kann. Das schont am Ende auch die eigenen Finanzen und hält die Investitionen in einem überschaubaren Bereich. Womit wir bei einem weiteren Erfolgsfaktor wären: beim Geiz, oder vielleicht weniger drastisch ausgedrückt «beim verantwortungsvollen Haushalten». Kleine Anbieter können es sich gar nicht erlauben, mit der Giesskanne zu investieren und dann zu hoffen, dass der eine oder andere Kunde sich für die neuen Dinge begeistert. Viel eher erfolgt die Entwicklungsplanung nach Altvätersitte eng angelehnt an die echten Bedürfnisse des Kunden. In der Folge sind die Gesellschafter von vielen Schweizer ERP-Anbietern zwar keine Multimillionäre, haben aber Spass an ihrer Arbeit und betrachten ihr System als ihr Kind.


Ein letzter Erfolgsfaktor kommt von aussen – ist aber genauso wichtig: Die technologische Grund­lagenentwicklung hat ich in den vergangenen Jahren deutlich demokratisiert und egalisiert. Moderne Applikationen, wie etwa im Bereich Mobile ERP (gegenüber der Cloud ein deutlich nachhaltigerer Trend), basieren auf Technologien, die NICHT von ERP-Anbietern entwickelt wurden! Und noch viel besser: Diese Technologien stehen allen zur Verfügung. Spannend dabei ist auch, dass die technischen Hürden und die notwendigen Entwicklungsaufwände immer kleiner werden. Damit ist klar: Basis-Technologien an sich stehen heute allen ERP-Anbietern in nahezu gleichem Masse zur Verfügung. Auch hier haben kleine Anbieter häufig den Vorteil, dass sie einen kleineren Rucksack mit Altlasten mit sich herumtragen.
Betrachtet man also die Gleichung «Schweizer ERP-Anbieter» gleich «lokaler, kleiner ERP-Anbieter», haben Schweizer ERP-Anbieter weiterhin eine Chance in der Nische. Sie tragen zur Vielfalt am Markt bei und sind für viele ERP-Themen, und zwar nicht nur die technischen, ein wichtiges Labor für den nachhaltigen Erfolg. Die grösste Gefahr kommt leider von innen: Viele der heutigen Gesellschafter und früheren Gründer sind bereits im Rentenalter oder steuern darauf zu. Ein Genera­tionswechsel ist zwingend – wie gut dieser gelingt, wird sich zeigen. Klar ist einzig: Die neuen Gesellschafter werden sich anders verhalten und anders entwickeln als die Gründergeneration.




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