Hört mir bloss mit der Digitalisierung auf
Quelle: Häfliger Media Consulting

Blickpunkt Häfliger

Hört mir bloss mit der Digitalisierung auf

Von Markus Häfliger

12. Mai 2018

     

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich nehme als Beobachter aus Kommunikationssicht immer häufiger wahr, dass ob der ganzen Digitalisierungsthematik ein gewisser Überdruss entstanden ist. Ein Überdruss, der eigentlich erstaunlich und bedauerlich ist, denn immerhin soll ja bekanntlich (und wird wohl auch) die aktuelle digitale Revolution unser aller Leben komplett auf den Kopf stellen. Das Problem an der Sache ist aber meines Erachtens, dass bei Veränderungen gern so getan wird, als würde alles von heute auf morgen geschehen. Und da bekanntlich die Voraussetzung aller Digitalisierung die Cloud ist, tut man jüngst so, als wäre damit alles andere, was an Technologie so im Einsatz ist, auf einmal obsolet.

Plötzlich sind alle Digitalisierer

Aber eben, es geht eigentlich alles immer langsamer, als von selbsternannten Experten und Einflüsterern behauptet wird. Ein Beispiel, das dies veranschaulichen kann und an das ich mich erinnere, als wäre es gestern gewesen: Vor schätzungsweise 20 Jahren schrie alles nach Thin Computing. Sie wissen schon, die "dünnen" Computer, die auf dem Arbeitsplatz stehen und kaum mehr Rechenleistung benötigen, weil die Anwendung eben auf dem "fetten" Server läuft. Und jetzt, wo alles nach der Cloud schreit und scheinbar die ganze Welt nichts anderes mehr will: Wo sind sie geblieben, die dünnen PCs? Genau, sie haben sich nie wirklich durchgesetzt. Manchmal findet eine Entwicklung aber nicht nur langsam, sondern gar nicht statt. So sind ja plötzlich einfach alle Anbieter Digitalisierer, selbst Lieferanten von Rechenzentrumsleistungen oder Betreiber von Software-Installationen, die mit der aktuellen digitalen Revolu­tion gar nichts am Hut haben.

Digitization vs. Digitalization

Kürzlich hat mir ein Kunde zur formalen Gestaltung einer Case Study gesagt, man möchte doch bitte Buzzwords wie Digitalisierung und das "Disruptiv Zeugs" vermeiden. Ich glaube, solchen Überdruss verspüren nicht wenige, und das ist gefährlich. Das Problem an der Verallgemeinerung der Sache dürfte aus meiner Sicht aber nicht nur die inflationäre Verwendung des Begriffs, sondern auch ein sprachliches sein. Denn im Gegensatz zum Englischen gibt es im Deutschen nur ein Wort dafür – die Digitalisierung. Was aber eigentlich mit der aktuellen digitalen Revolution gemeint ist, heisst im Englischen "Digitalization". Gartner benennt damit im Zusammenhang mit der "dritten digitalen Revolution" die Nutzung von digitalen Technolo­gien, um neue Geschäftsmodelle und Opportunitäten für Mehrumsätze zu generieren. Im Gegensatz dazu ist laut dem Marktforscher mit "Digitization" ganz banal die Transformation von analog nach digital gemeint. Dass bei uns das Thema Digitalisierung eine Überdrussreaktion auslöst, ist indes bedauerlich. Denn nachdem die Informatik lange Zeit ein Mauerblümchendasein fristete, wird ihr Wert für unsere Gesellschaft mittlerweile von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen und anerkannt. Bleibt zu hoffen, dass der Überdruss an Digitalisierung sich nicht negativ auf die Berufswahl der kommenden Generationen auswirkt.

Zum Autor

Markus Häfliger berät als Gründer und Inhaber von Häfliger Media Consulting IT-Unternehmen in allen Belangen der Medienarbeit. Vor seinem Wechsel in die PR-Branche im Jahr 2010 war er während zehn Jahren als Redaktor und Chefredaktor von "Swiss IT Reseller" tätig und somit für den Aufbau des Branchenmagazins mitverantwortlich. www.haefligermediaconsulting.com



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