KANAL TOTAL: Zweites Leben gefällig?

Artikel erschienen in Swiss IT Reseller 2007/17
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8. Oktober 2007 -
Wer im echten Leben keinen Fuss in die Tür kriegt, der verlagert sich und seine Aktivitäten ins zweite Leben, neudeutsch auch Second Life genannt. Zweites Leben, dass ich nicht ­lache, wo doch die meisten nicht mal ihr erstes auf die Reihe bekommen. «In Second Life können Sie praktisch alles erschaffen oder werden, was Sie sich vorstellen können», ­heisst es da so schön. Genau, Sie können einen Millionär oder Konzernchef mimen, Gehirnchirurg oder CIA-Agent werden, Quantenphysiker, Fernsehkoch, Popstar, Model, Ehebrecher, Frauenversteher, Sadist, Masochist, erfolgreich, genial, schön, beliebt, begehrt und ewig jung, kurz: all das, was Sie nicht sind und im echten Leben nicht gebacken kriegen.
Was nützt es nun beispielsweise dem gemeinen Freak, wenn er statt 12 Stunden jetzt 24 Stunden pro Tag vor dem Computer hockt und sich eine Scheinwelt zurechtbastelt, während sich die Pizzareste unter seinem Bett zu einem Feuchtbiotop zusammenrotten? Nichts. Denn der Freak wird durch Second Life weder klüger noch reicher noch attraktiver, und die Hoffnung, einen Partner zu finden, kann er sowieso begraben. Aber vielleicht will er ja auch keinen für das reale Leben, schliesslich hat sein zweites Ich in den Weiten des World Wide Web bereits den Traumpartner mit den Traummassen im Traumhaus am Traumstrand gefunden. Gut, das ist alles nichts zum ­Anfassen, ist der Freak aber in der Regel auch nicht wirklich. Und ausserdem: Was interessieren uns die Freaks? Brenzlig wird’s erst dann, wenn die sogenannten Normalen ins zweite Leben übertreten. Wenn sie beginnen, Land zu verkaufen, was ihnen gar nicht gehört, an gesellschaftliche Anlässe gehen, die gar nicht stattfinden, mit Frauen schlafen, die gar keine Frauen sind, und ihren Provider im wirklichen Leben dann mit Linden-Dollar bezahlen wollen. Das nennt sich dann Realitätsverlust. Kann man alles auch einfacher haben, man könnte zum Beispiel Politiker werden. Der Begriff «Avatar» leitet sich übrigens aus dem Sanskrit von Avata¯ra ab. Wollen Sie wissen, was das heisst? Abstieg! Noch Fragen? Noch Lust auf ein zweites Leben? Herrschaften, Linden Lab, die Erfinder von Second Life, haben das mit dem zweiten Leben genauso ernst gemeint, wie ein Science-Fiction-Autor als Gründer einer Religion ernst zu nehmen ist. Eben nur ansatzweise. Also vergessen Sie’s einfach und konzentrieren sich auf Ihr richtiges Leben. Da gibt’s in der Regel ja genug zu tun.

Susann Klossek

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