Kolumne «Think Digital»: Das Kommunika­tions-Paradoxon
Quelle: zVg

Kolumne «Think Digital»: Das Kommunika­tions-Paradoxon

Joerg Schwenk

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/11


Miteinander zu sprechen war schon immer schwierig. Einander zu verstehen war noch schwieriger. Früher brauchte es dafür Einfühlungsvermögen, Geduld und ein Mindestmass an sozialer Intelligenz. Drei Eigenschaften, die heutzutage in der Geschäftswelt gefühlt ungefähr so häufig vorkommen wie freiwillige Lohnkürzungen im Verwaltungsrat.

Gott sei Dank gibt es heute Künstliche Intelligenz. Sie löst ein uraltes Problem: Wie sage ich einem Mitmenschen, dass er mich in Ruhe lassen und seine Angelegenheiten selbst erledigen soll, ohne dabei wie ein ungehobelter Neandertaler zu wirken?


Früher sagte man: «Halt die Klappe und mach deinen Mist selbst!» Heute tippt man diesen Satz in die KI und ergänzt: «Bitte professionell, wertschätzend und lösungsorientiert formulieren.» Sekunden später erscheint: «Vielen Dank für deinen wertvollen Input. Ich schätze dein Engagement und möchte dich ermutigen, deine Eigenverantwortung in diesem Themenbereich weiter zu stärken. Ich bin überzeugt, dass du mit deinen Kompetenzen eine passende Lösung entwickeln wirst.» Wunderbar. Aus einer handfesten Beleidigung ist ein Führungskräfte-Workshop geworden.
Das Problem: Der Empfänger ist ebenfalls nicht von gestern. Auch er nutzt KI. Schliesslich hat niemand mehr Zeit, diese endlosen, mit Wertschätzung marinierten Textwüsten zu lesen. Also kopiert er die Nachricht in seinen digitalen Assistenten und gibt den Befehl: «Fasse zusammen. Kurz und verständlich. Was will der I*** von mir?» Die KI antwortet: «Halt die Klappe und mach deinen Mist selbst.» Damit haben zwei Hochleistungsrechner mit mehreren Milliarden Transistoren und einem beachtlichen Stromverbrauch exakt das erreicht, was früher ein einziger Satz erledigte.


Besonders gut funktioniert das bei Konflikten. Der Chef möchte sagen: «Deine Präsentation war eine Katastrophe.» Die KI hingegen formuliert: «Dein Ansatz bietet interessante Perspektiven. Gleichzeitig sehe ich Potenzial, die Kernaussagen stärker zu strukturieren und die Datenbasis adressatengerecht aufzubereiten.» Der Mitarbeiter lässt zusammenfassen: «Deine Präsentation war Mist.» Er antwortet mithilfe seiner KI: «Vielen Dank für das konstruktive Feedback. Ich nehme deine Anregungen gerne auf und freue mich auf einen vertieften Austausch.» Die KI des Chefs übersetzt: «Du kannst mich mal.» Auch in Sitzungen eröffnet diese Technologie ungeahnte Möglichkeiten. Früher sagte man: «Das ist eine völlig bescheuerte Idee.» Heute heisst es: «Ein spannender Impuls, den wir im Kontext unserer strategischen Prioritäten nochmals ganzheitlich reflektieren sollten.»
Noch nie wurden so viele freundliche Worte produziert, um so wenig Freundliches auszudrücken. Menschen lassen ihre Wut durch KI höflich verpacken, während andere selbige verwenden, um diese Verpackung wieder aufzureissen. Es ist wie ein diplomatischer Geschenkservice. Irgendwann meldet letztendlich die KI: «Die Kommunikation wurde erfolgreich abgeschlossen. Beide Parteien sind weiterhin stinksauer.» Immerhin wertschätzend, konstruktiv und auf Augenhöhe.


Vielleicht sollten wir einfach wieder direkt miteinander reden. Aber das wäre vermutlich zu unprofessionell.
Joerg Schwenk
Joerg Schwenk verfügt über mehr als ­20 Jahre Erfahrung im Schweizer Fachhandel und ist spezialisiert auf Onlinemarketing sowie Digitalvertrieb. In seiner Kolumne vermittelt er seine Einschätzungen, Erfahrungen und Ansichten rund um den ICT-Channel und freut sich auf Ihre Kontaktnahme beziehungsweise die Vernetzung auf Linkedin.
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