Anapaya lanciert mit Pathguard die erste End-to-End-Lösung auf Scion-Basis für Unternehmen. Bei Scion handelt es sich um eine an der ETH Zürich entwickelte Netzwerkarchitektur, die als nächster Evolutionsschritt nach dem Border Gateway Protocol verstanden werden kann. Daten fliessen mit Scion über festgelegte Pfade innerhalb eines isolierten Ökosystems, einem abgeschotteten Netz innerhalb des Internets, das nur für zugelassene Benutzer zugänglich ist. Für Unbefugte sind diese Pfade wiederum unsichtbar, was ein höchstmögliches Mass an Sicherheit gewährleisten soll. Das Versprechen von Anapaya und der Scion Association: Die Angriffsfläche wird auf null reduziert, da Dienste ohne entsprechenden Zugriff schlicht nicht auffindbar respektive kontaktierbar sind.
Der wesentliche Unterschied zur herkömmlichen Internetarchitektur liegt dabei in der Kontrolle über die Datenwege. Während das Border Gateway Protocol die Weiterleitung von Datenpaketen zwischen Netzwerken organisiert, ohne dass Absender deren Weg vollständig bestimmen können, erlaubt Scion die gezielte Auswahl und Überprüfung der verwendeten Routen. Unternehmen können damit beispielsweise festlegen, über welche Netzbetreiber oder geografischen Regionen ihre Daten übertragen werden dürfen. Das ist insbesondere für Organisationen interessant, die regulatorische Anforderungen an die Datenübertragung erfüllen müssen.
Etablierte Technologie
Scion ist als Technologie bereits seit Jahren etabliert und erprobt. Sie kommt unter anderem im Rahmen des Secure Swiss Health Network beziehungsweise des Health Info Net zum Einsatz, das rund 30‘000 Schweizer Ärztinnen und Ärzte nutzen. Ebenso bildet es die Basis des Secure Swiss Finance Network der Schweizerischen Nationalbank und SIX. Bisher war die Integration in bestehende Systeme aber aufwendig und auf komplexe Anwendungsfelder beschränkt. Mit Pathguard stellt das hinter Scion stehende Zürcher Unternehmen Anapaya, ein ETH-Spin-off, jetzt jedoch eine End-to-End-Lösung bereit, die die Technologie auch einer breiteren Zielgruppe öffnet.
Pathguard ist eine Produkt-Suite, die Endanwendern authentifizierten Zugriff auf Unternehmensanwendungen und -dienste im Scion-Netzwerk ermöglicht. Die Lösung soll somit den bestehenden Security-Stack ergänzen und einen neuen Sicherheitsmechanismus schaffen. Technisch setzt Pathguard dabei auf mehrere Komponenten. Ein Gateway wird vor der zu schützenden Anwendung platziert, während sich berechtigte Nutzer über einen Client oder eine entsprechend angepasste Applikation verbinden. Erst nach erfolgreicher Authentifizierung erhalten sie die notwendigen Informationen über den Netzwerkpfad zum jeweiligen Dienst. Pathguard unterscheidet sich damit von klassischen VPN- oder Zero-Trust-Network-Access-Lösungen insbesondere dadurch, dass auch der Zugangspunkt zum geschützten Dienst für Unbefugte nicht erreichbar sein soll. Andere Sicherheitsmassnahmen werden dadurch allerdings nicht überflüssig: Identitätsmanagement, Anwendungssicherheit und die Überwachung von Endgeräten bleiben weiterhin notwendig; ein Pluspunkt für potenzielle Vertriebspartner.
Interessant ist dieses Paket unter anderem für Infrastrukturbetreiber, beispielsweise von vernetzten Ladestationen, für Anbieter von Payment-Lösungen oder telemedizinischen Diensten sowie für Online-Händler, die den Datenverkehr zwischen Web-Oberfläche und CRM/ERP absichern wollen. Über entsprechende Software Development Kits stellt Anapaya die passenden Werkzeuge für diese Szenarien bereit, um Pathguard in die entsprechenden Anwendungen zu integrieren, ohne dass auf Endanwenderseite zusätzlicher Aufwand entsteht.
Interessant für Software-Häuser und Systemintegratoren
Mit der neuen Lösung erweitert Anapaya zudem den eigenen Vertriebsansatz. Bisher war Scion primär für grössere Infrastrukturbetreiber wie Swisscom, Sunrise, BT, Axpo und zuletzt Colt relevant. Mit Pathguard rücken aber verstärkt auch Softwarehäuser und Systemintegratoren in den Fokus, die Kunden dabei unterstützen können, Scion über die Software Development Kits unter anderem in Desktop- und Web-Applikationen zu implementieren. "Wir verkaufen ausschliesslich über Partner. Das sind bisher primär Provider", erklärt Martin Bosshardt (Bild), CEO von Anapaya. "Jetzt kommen Systemintegratoren und Reseller dazu."
Dabei besteht laut Bosshardt keine Schwelle für die jeweilige Grösse der Unternehmen. Pathguard sei grundsätzlich für jeden interessant, der kritische vernetzte Dienste respektive Infrastruktur betreibt. Denn gerade durch künstliche Intelligenz steige das Risiko für diese aktuell enorm. "Im Internet präsent zu sein, bedeutete schon immer, ein potenzielles Angriffsziel zu sein. Doch durch KI lassen sich exponierte Dienste weitaus leichter angreifen: Schwachstellen werden schneller entdeckt und mit geringerem Aufwand ausgenutzt. Massnahmen wie Filtern, Bereinigen und Edge-Caching reagieren lediglich auf Angriffe, beseitigen jedoch nicht die zugrundeliegende Exponiertheit", so der Anapaya-CEO. Pathguard steuere hingegen, wer Zugriff auf diese kritischen Dienste hat. "Das Ergebnis sind eine verringerte Angriffsfläche sowie eine widerstandsfähige und kontrollierte Konnektivität."
"Standard für kritische Applikationen"
Die jetzt erfolgte Öffnung von Scion für eine breitere Zielgruppe kommt nicht zu einem beliebigen Zeitpunkt. Zuvor war es dem Anbieter wichtig, in ausgewählten Szenarien aufzuzeigen, dass die Technologie "rock solid" ist und jederzeit zuverlässig funktioniert, wie Bosshardt erklärt. Mit dem Finanzsektor und dem Healthcare-Bereich hatte sich der Anbieter ohne Frage initial zwei der anspruchsvollsten Szenarien vorgenommen – und sich in diesem Rahmen bewiesen. Nach dieser Feuertaufe wolle man jetzt aber skalieren und Scion Schritt für Schritt in die Breite bringen, so der Manager gegenüber "IT Reseller". "Unser Ziel ist es, Scion zum Standard für kritische Applikationen zu machen", untermauert Bosshardt. "Wir sind davon überzeugt, dass sich die Technologie in den nächsten Jahren breit durchsetzen wird."
Dabei spielt das Partnernetzwerk eine tragende Rolle. Dieses will Anapaya nun sukzessive ausbauen und weitere Softwareentwickler und Systemintegratoren an Bord holen. Dafür stellt der Anbieter Trainings, Beratung und Projektunterstützung bereit. Zwar existiere für diese Prozesse noch kein festes Framework, die Standardisierung der Zusammenarbeit solle aber in kommender Zeit erfolgen, so der Anapaya-CEO. "Wir wollen die Arbeit mit Scion für die Applikations-Provider so einfach wie möglich gestalten."
(sta)