Im vergangenen Dezember hat Proofpoint die wenige Monate zuvor angekündigte Übernahme der deutschen
Hornetsecurity Group aus Hannover abgeschlossen. Mit einem Volumen von 1,8 Milliarden Dollar war es nicht nur für den US-amerikanischen Cybersecurity-Anbieter der bisher grösste Deal der Firmengeschichte, sondern auch für den europäischen Channel eine Schlagzeile mit Zündstoff. Immerhin arbeitet Hornetsecurity in der Region mit über 12’000 MSPs und IT-Dienstleistern zusammen, hat in der Managed-Services-Community einen hervorragenden Ruf, ist paneuropäisch etabliert. Schnell wurden im Zuge der Akquisition daher Befürchtungen laut. Einerseits stand die Frage im Raum, wie sich der Anschluss an einen investorengetriebenen Konzern (Proofpoint gehört seit 2021 zum Private-Equity-Unternehmen Thoma Bravo) auf die bisherige Zusammenarbeit auf Augenhöhe auswirken könnte. Andererseits ging es um den Verkauf eines der wenigen europäischen Cybersecurity-Anbieter mit Strahlkraft an ein US-amerikanisches Unternehmen. Unabhängigkeit, Sicherheit und gewohnte Verlässlichkeit standen aus Sicht so mancher Kritiker auf der Kippe.
Doch Proofpoint hat schnell beschwichtigt: Hornetsecurity solle künftig als eigenständige Geschäftseinheit unter bestehender Marke operieren, die sich weiterhin auf den KMU-Bereich, den Channel und MSPs weltweit konzentriere. Das Führungsteam bleibe bestehen und werde wichtige Eckpfeiler der Strategie definieren. «Kunden und Partner können eine nahtlose Fortführung von den Produkten, Service und Support erwarten – ergänzt durch zusätzliche Vorteile aus Proofpoints globalen Ressourcen, Forschung und Threat Intelligence», so das Versprechen des US-amerikanischen Anbieters in Folge des Milliardendeals.
Und auch Daniel Hofmann, CEO bei Hornetsecurity und mittlerweile zusätzlich Executive Vice President & General Manager, MSP Platform
Proofpoint, will Zweifel entkräften. Gerade in der DACH-Region werde sich nur wenig ändern. Grundsätzlich möchte Hofmann den Deal ohnehin nicht als Übernahme oder Verkauf von Hornetsecurity verstanden wissen, viel mehr als strategischen Zusammenschluss zweier Anbieter. Er vergleicht den Schritt mit dem Einstieg eines neuen Investors beim deutschen Unternehmen und versichert: Hornetsecurity agiert als Geschäftsbereich weiterhin eigenständig, Strukturen, Ansprechpartner als auch Management bleiben wie gewohnt bestehen. Lediglich der Hinweis «by Proofpoint» im Logo verweist auf die neue Zugehörigkeit der Hannoveraner.
Integration in Gegenrichtung
Entsprechend findet derzeit auch kein Integrationsprozess in Folge der Übernahme statt, Backoffice-Bereiche wie Finance und HR von
Hornetsecurity arbeiten weiterhin separat. Auch ein gemeinsames, portfolioübergreifendes Partnerprogramm soll es nicht geben. Und selbst die Entscheidungswege hätten sich nicht geändert, es gäbe bei strategischen Fragen keine Abhängigkeiten von den USA. «Hornetsecurity wird nicht integriert. Wir sind und bleiben stand alone, alle Bereiche bleiben eigenständig», erklärt Hofmann im Interview mit «IT Reseller». «Wir hätten nie zugelassen, dass Hornet einfach geschluckt wird.»
Also alles beim Alten? Wenn überhaupt, findet laut Hofmann eine Integration in entgegengesetzte Richtung statt. Denn
Proofpoint gliedert zwei komplette Geschäftsbereiche in Hornetsecurity ein: Proofpoint Essentials und Cloudmark, jene Bereiche, die sich gut in die channel- und KMU- beziehungsweise mittelstandsorientierte Strategie des deutschen Anbieters fügen. Proofpoint konzentriert sich somit verstärkt auf das Enterprise-Umfeld, Hornetsecurity wächst hingegen um eine niedrige dreistellige Zahl an neuen Kolleginnen und Kollegen, das Portfolio um weitere Lösungen für kleine und mittlere Unternehmen.
«Daten verlassen Region nur nach umfassender Prüfung»
Und auch dem wohl am kritischsten diskutierten Punkt im Zuge der Übernahme, den Datenschutzbedenken, widerspricht Hofmann. Immerhin habe
Hornetsecurity auch zuvor amerikanische Investoren gehabt. Faktisch würde sich somit unter dem Dach des US-Anbieters Proofpoint wenig ändern. Zudem verweist der CEO darauf, dass es entgegen den theoretischen Befürchtungen bisher keinerlei Anfragen von amerikanischen Behörden gegeben habe – während das bei den europäischen Pendants im Rahmen von Strafverfolgungsmassnahmen durchaus schon häufiger der Fall gewesen sei.
Ähnlich argumentiert die neue Unternehmensmutter Proofpoint in einem Statement auf der eigenen Website: «Auch wenn Proofpoint die geltenden US-Gesetze einhalten muss, arbeiten wir nach den EU-konformen Prinzipien der Datenminimierung, Verhältnismässigkeit und Transparenz. Daten verlassen ihre Region nur, wenn dies durch einen gültigen Beschluss vorgeschrieben ist, und nach umfassender Prüfung durch unsere Rechtsabteilung. Zudem haben weder Proofpoint noch Hornetsecurity jemals eine gültige Anfrage für Kundendaten gemäss Cloud Act erhalten.» Dies unterstreiche, wie begrenzt und aussergewöhnlich die Umstände seien, unter denen solche Anforderungen an Anbieter vorkommen, die keine E-Mail-Konten bereitstellen, «so wie Proofpoint und Hornetsecurity».
Aussergewöhnlich vielleicht, aber eben nicht ausgeschlossen, wie hier zwischen den Zeilen zu lesen ist. Auf Rückfragen entgegnet Daniel Hofmann jedoch, dass der Zusammenschluss in diesem Kontext sogar einen grossen Mehrwert mit sich bringe. Denn mit gebündelten Ressourcen und gestärktem Legal Budget könnten sich Hornetsecurity und Proofpoint im Fall der Fälle viel effektiver rechtlich zur Wehr setzen. «Wir können viel qualifizierter damit umgehen.» Vor diesem Hintergrund verspricht auch
Proofpoint: «Proofpoint gewährt US-Behörden keinen direkten, uneingeschränkten Zugriff auf Kundendaten. Jede Anfrage wird von unserer Rechtsabteilung bearbeitet und sorgfältig geprüft, um sicherzustellen, dass geltendes Recht eingehalten wird und die Privatsphäre der Kunden geschützt ist.»
Wachstumsfokus USA
Ohnehin scheint der Zusammenschluss mit Proofpoint für
Hornetsecurity im besten Sinne alternativlos gewesen zu sein. «In Europa haben wir bereits enorm viel erreicht. Daher mussten wir uns jetzt den nächsten Schritt anschauen», so der CEO. Und dieser Schritt führt auf den US-amerikanischen Markt beziehungsweise galt einer Intensivierung des bereits seit einigen Jahren bestehenden Geschäftes jenseits des Atlantiks. Proofpoint sei für dieses Vorhaben der ideale Partner, um weiter wachsen zu können, berichtet Hofmann. Mit deutlich grösserem ressourcentechnischen Handlungsspielraum und dem US-Marktzugang eines etablierten Players will sich Hornetsecurity nach Abschluss der Übernahme ganz gezielt darauf konzentrieren, in Nordamerika Kunden und Partner im von Proofpoint bisher nur rudimentär bespielten KMU-Umfeld zu gewinnen. «Wir sind nicht dafür angetreten, Marktführer in Europa zu werden. Sondern wir sind dafür angetreten, um weltweiter Marktführer zu sein», bekräftigt der CEO den eigenen Führungsanspruch. Diese Zukunftsorientierung und weiteres Wachstum sicherzustellen, sei letztlich die Aufgabe von ihm und dem gesamten Hornetsecurity-Management. Daher sei auch initial die Entscheidung für eine Zusammenarbeit mit Proofpoint gefallen.
Trotz der Fokussierung auf den US-amerikanischen Markt soll aber auch Europa von der gebündelten Stärke der beiden Anbieter sowie ihren Ressourcen profitieren. Unter anderem durch Entwicklungen des Produktportfolios, eine Ausweitung der Go-to-Market-Strategie, neu adressierten Märkten und den Ausbau der entsprechenden Teams. Das mache sich schon heute bemerkbar, wie Hofmann erklärt. Derzeit wachse der Channel im DACH-Raum «brutal» und geradezu sprunghaft an, teils um mehr als 200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – und das quer durch alle Branchen und Bereiche. Von Negativeffekten in Folge der Übernahme also keine Spur. «Viele Partner haben im Cybersecurity-Bereich in der Vergangenheit Erfahrungen mit Übernahmen gemacht, die nicht immer positiv waren. Aber wir haben alle Befürchtungen aufgefangen und mir ist kein Fall von einem Partner bekannt, der aufgrund der Zusammenführung abgesprungen ist», berichtet der CEO und spricht mit Blick auf alle genannten Zugewinne von einer perfekten Kombination, einem Dreamteam aus Hornetsecurity und
Proofpoint. Nicht zuletzt, da sich die beiden Anbieter an vielen Punkten ideal ergänzen. Beide setzen zu grossen Teilen (oder im Fall von Hornet zu 100 Prozent) auf den indirekten Vertrieb über Partner, doch während sich Hornetsecurity bisher primär auf das europäische KMU- und mittelständische Geschäft konzentriert hat, liegt die Stärke von Proofpoint wiederum im Enterprise-Bereich sowie im US-amerikanischen Markt. Wachstumspotenziale sind also für beide Anbieter vorprogrammiert.
Die Botschaft aus Hannover an die europäischen Partner ist gleichzeitig unmissverständlich: Hornetsecurity behält die Zügel in der Hand und will die kommunikativen Wogen der vergangenen Monate glätten. Eine Integration in die Konzernstrukturen sei nicht zu befürchten, keine Abkehr von der bisherigen Strategie und auch datenschutzrechtliche Bedenken sollen unbegründet sein. «Es gibt in Europa keine grösseren Änderungen», konstatiert Hofmann abschliessend. Vielmehr gewinnt Hornetsecurity an zusätzlichen Mitteln, das Team wächst durch die Integration der beiden Proofpoint-Geschäftsbereiche und auch weitere M&A-Aktivitäten sollen auf der Agenda stehen.
Zur Hornetsecurity-Übernahme
Quelle: Hornetsecurity
Im Mai 2025 hat der US-amerikanische Cybersecurity-Anbieter
Proofpoint die Übernahme der deutschen Hornetsecurity-Gruppe angekündigt. Hornetsecurity bringe ein leistungsstarkes Geschäft in das Portfolio ein, mit über 160 Millionen US-Dollar an jährlich wiederkehrenden Umsätzen (ARR) und einem jährlichen Wachstum von mehr als 20 Prozent. Der gerade in der Channel-Community etablierte Anbieter bietet Lösungen für mehr als 12’000 Vertriebspartner und MSPs sowie mehr als 125’000 KMU in ganz Europa. «Die Bandbreite der personenzentrierten Risiken wird immer grösser. Darum ist der Zusammenschluss mit Proofpoint ein natürlicher nächster Schritt auf unserem Weg, das stärkste globale Angebot an M365-Sicherheitsdienstleistungen aufzubauen. Durch den Zusammenschluss können wir unsere Partner und Kunden besser bedienen und den Schutz global ausweiten, um MSP weltweit dabei zu helfen, die Mitarbeiter, Daten und Abläufe ihrer Kunden zu schützen», erklärte damals Daniel Hofmann, Gründer und CEO von
Hornetsecurity.
Proofoint liess sich die Übernahme 1,8 Milliarden US-Dollar kosten. Der Konzern plant, die Hornetsecurity-Lösungen weltweit verfügbar zu machen. Hornetsecurity soll innerhalb der Gruppe dabei als Geschäftsbereich für alle MSP- und KMU-Kunden fungieren. Im Dezember 2025 erfolgte dann der Abschluss des Deals.