Kolumne «Think Digital»: Wahrheit wird optional
Quelle: zVg

Kolumne «Think Digital»: Wahrheit wird optional

von Joerg Schwenk

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/04

   

Wenn die Wahrheit optional ist, dann ist sie irgendwann nur noch ein Lifestyle-Accessoire. So etwas wie ein Jutebeutel mit dem Aufdruck «Meine Wahrheit zählt». Früher hiess es: «Lies ein Buch, und du erkennst ein Stück mehr von der Welt.» Heute liest du ein Buch und fühlst dich aufgeklärt. Liest du sieben, bist du komplett verwirrt, weil jedes Buch mit absoluter Gewissheit das Gegenteil behauptet. Am Ende weisst du nur noch eines sicher: irgendwer lügt. Wahrscheinlich alle. Vielleicht auch du.

Es ist ja auch anstrengend geworden mit der Wahrheit. Sie ist sperrig, widersprüchlich und manchmal unerquicklich. Selten kommt sie mit Glitzer daher. Die Lüge hingegen trägt High Heels und hat eine Social-Media-Strategie. Sie spricht klar, laut und ohne lästige Zwischentöne. Sie kennt keine Unsicherheit. Und wir lieben Sicherheit. Selbst wenn sie aus Pappe ist.


Inzwischen reicht es nicht mehr, dass etwas stimmt. Es muss sich auch richtig anfühlen. Wahrheit wird zur Geschmacksfrage. Vanille oder Schokolade? Fakten oder Gefühl? «Für mich ist das so»; ist der neue Ritterschlag der Erkenntnis. Als wäre die Realität ein Buffet, von dem man sich nur das nimmt, was zum eigenen Weltbild passt. Der Brokkoli der Vernunft bleibt liegen, stattdessen gibt es dreimal Empörung mit extra Sosse.

Und dann kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel. Sie schreibt Texte, malt Bilder und erzeugt Stimmen. Alles sieht echt aus, klingt echt und fühlt sich echt an. Nur ist «echt» kein Qualitätsmerkmal mehr, sondern eine Stilrichtung. Die Maschine halluziniert mit beeindruckender Höflichkeit. Sie irrt strukturiert. Und wir? Wir teilen begeistert. Weil es so schön in unsere Erzählung passt. Wenn die Realität nicht ins Konzept passt, wird sie eben angepasst. Oder wegdiskutiert.
Manchmal wirkt es tatsächlich so, als lebten wir in einer Art Matrix. Nicht, weil Maschinen uns versklaven, sondern weil wir uns freiwillig für die bequemere Version der Welt entscheiden. Die, in der wir immer Recht haben. Immer. Die, in der komplexe Zusammenhänge auf einen Schuldigen schrumpfen. Die, in der «die da oben» alles steuern und wir zu den wenigen Auserwählten gehören, die «es durchschaut» haben. Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich gleichzeitig als Teil einer kleinen, exklusiven Minderheit betrachten.

Verschwörungstheorien sind dabei die Netflix-Serien des Denkens: spannend, dramatisch und mit klar verteilten Rollen. Gut gegen Böse. Erwacht gegen Schlafschaf. Recherche wird durch Bauchgefühl ersetzt, Widerspruch durch Empörung. Hetze tarnt sich als Mut zur Wahrheit. Und wer widerspricht, ist entweder naiv oder gekauft. Ein praktisches System. Es erspart das Nachdenken. Dabei wäre Zweifel vielleicht das Einzige, was uns retten könnte. Nicht der zynische Zweifel an allem, sondern der ehrliche Zweifel an uns selbst. Könnte ich mich irren? Habe ich nur die Quellen gelesen, die meine Meinung bestätigen? Fühlt es sich nur gut an – oder ist es auch belegt? Aber Selbstzweifel verkaufen sich schlecht. Er hat keine reisserische Überschrift. Niemand klickt freiwillig auf «vielleicht liege ich falsch».


Also drehen wir uns weiter im Kreis aus Halbwissen, Meinungen und algorithmisch verstärkten Gewissheiten. Wahrheit wird abgestimmt, gelikt und geteilt. Und wenn genug Menschen daran glauben, fühlt sie sich fast echt an. Fast.

Vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Wahrheit ist nicht optional. Sie interessiert sich nur nicht dafür, ob wir an sie glauben. Sie bleibt. Still. Unbeeindruckt. Und sie wartet geduldig darauf, dass wir wieder anfangen, genauer hinzusehen.
Joerg Schwenk
Joerg Schwenk verfügt über mehr als ­20 Jahre Erfahrung im Schweizer Fachhandel und ist spezialisiert auf Onlinemarketing sowie Digitalvertrieb. In seiner Kolumne vermittelt er seine Einschätzungen, Erfahrungen und Ansichten rund um den ICT-Channel und freut sich auf Ihre Kontaktnahme beziehungsweise die Vernetzung auf Linkedin.
www.linkedin.com/in/joerg-schwenk/


Artikel kommentieren
Kommentare werden vor der Freischaltung durch die Redaktion geprüft.

Anti-Spam-Frage: Welchen Beruf übte das tapfere Schneiderlein aus?

GOLD SPONSOREN
SPONSOREN & PARTNER