Devolo ist wieder auf Kurs
Quelle: Devolo

Devolo ist wieder auf Kurs

Coronabedingt ist der Powerline-Spezialist Devolo in finanzielle Schieflage geraten. Marcel Schüll, Director Corporate Communications, schildert im Interview die Probleme, deren Lösung durch die Restrukturierung im Rahmen eines Schutzschirmverfahrens in Eigenregie und die nächsten Schritte des Unternehmens.

Artikel erschienen in Swiss IT Reseller 2022/06

     

«Swiss IT Reseller»: Herr Schüll, wie kam es dazu, dass das Unternehmen Devolo neu aufgestellt werden muss?
Marcel Schüll: Kurz zusammengefasst: Die Coronapandemie hat uns einen ziemlichen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass es notwendig wurde, das Unternehmen zu restrukturieren. Man muss aber ein wenig differenzieren: Einerseits gibt es unser Endkundengeschäft, für das Devolo sehr bekannt ist. Auf der anderen Seite, und das weiss man allgemein eher nicht, sind wir auch in vielen Industrieprojekten aktiv.

Was gab es bei den Endkunden­produkten für Probleme?
Es ist ja bekannt, dass die ganze Industrie – coronabedingt – unter einem Chip-Mangel und den damit verbundenen langen Vorlaufzeiten leidet. Man musste deshalb so früh wie möglich eine genügende Menge der benötigten Chips bestellen. Das haben wir bei Devolo gemacht, auch in der Hoffnung, dass es bald wieder zu weitreichenden Öffnungen im deutschen Flächenhandel kommen wird. Dem war aber nicht so, und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Wir hatten einen sehr hohen Lagerbestand an Produkten, konnten aber über den deutschen Fachhandel nicht wie erwartet verkaufen – die Ware ist in diesen Kanälen schlicht nicht abgeflossen.


Und bei den Industrieprojekten?
Auch hier spielte die Chip-Knappheit die entscheidende Rolle. Wir sind nicht an die speziellen Chips herangekommen, die wir für diese Geräte benötigt hätten und konnten nicht wie gewünscht liefern. Zusammen mit dem schwächelnden Absatz im Endkundengeschäft ergaben sich daraus Liquiditätsprobleme, die jetzt aber sukzessive abgebaut werden, sodass wir wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen.

Hintergrund
Devolo hat im Februar ein Schutzschirmverfahren gestartet, um selbständig eine Restrukturierung einzuleiten. Im Zuge des Verfahrens sollen in Abstimmung mit Stakeholdern und Beratern Massnahmen zur Sanierung erarbeitet werden. Als Sachwalter, der die Neuaufstellung im Interesse der Gläubiger beaufsichtigt, wurde Rüdiger Weiss der Sanierungskanzlei Wallnerweiss eingesetzt.
Devolo hat sich in ein Schutzschirmverfahren begeben. Was bedeutet dies?
Ein Schutzschirmverfahren in Eigenverantwortung, wie es uns gerichtlich zugestanden wurde, hat für Devolo drei Ziele. Erstens die Erarbeitung eines Restrukturierungsplans unter Leitung unseres CEO Heiko Harbers und des Sachwalters Rüdiger Weiss, der zum Beispiel Prozessoptimierungen umfasst. Zweitens muss in kürzest möglicher Zeit wieder Liquidität aufgebaut werden, und als Drittes wollen wir uns künftig auf unser bewährtes Kerngeschäft, nämlich das Heimnetzwerk, fokussieren.

Wie sehen die Restrukturierungsmassnahmen bei Devolo aus?
Wir haben schon frühzeitig, bevor das offizielle Restrukturierungsprogramm begann, interne Prozesse optimiert, sowohl personell als auch was die eigentlichen Abläufe angeht. Diese Optimierungen entwickeln wir weiter und bauen den Restrukturierungsplan entsprechend aus. Das Zweite ist, dass wir uns entschieden haben, einige Zukunftsprojekte nicht zu realisieren, weil halt der Return on Investment zu spät eintreffen würde.


Können Sie ein Beispiel eines eingestellten Projekts nennen?
Wir verabschieden uns vom Thema Smart Grid. Devolo hat schon vor vielen Jahren begonnen, Smart Meter zu bauen. Dabei gibt es aber in unserem Hauptmarkt nach wie vor das Problem, dass diese Geräte vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert werden müssen. Aber seit ich vor rund sieben Jahren bei Devolo angefangen habe, sehe ich eine unklare Rechtslage. Es gibt viele juristische Unwägbarkeiten, unter denen der gesamte Markt leidet, nicht nur Devolo. Wir haben uns aufgrund der nicht existierenden rechtlichen Rahmenbedingungen entschieden, das Thema Smart Meter ad Acta zu legen.

Wie sieht es heute mit der Liquidität aus?
Wir haben es geschafft, erneut Liquidität aufzubauen. So können wir zuversichtlich in die Zukunft blicken und ins Kerngeschäft investieren.

Treffen Sie weitere Schritte, um die finanzielle Situation zu stärken?
Wir sind auf der Suche nach einem starken Partner. Wir suchen einen Investor, der Firmenanteile erwirbt, dazu haben wir uns entschlossen und sind auf bestem Weg dahin. Wenn ein Unternehmen in der Grössenordnung von Devolo einen Investor sucht, geht man in Deutschland üblicherweise davon aus, dass sich um die drei bis fünf Interessenten melden. Für einen Einstieg bei Devolo haben sich mehr als 30 interessiert, von denen sechs in die engere Wahl kamen. Mit denen setzen wir uns nun zusammen, sprechen über die Business-Pläne und schauen, wie gut man zusammenpasst. Mit einem Partner an der Seite werden wir in der Lage sein, weiter in die Marke zu investieren, unter anderem personell und durch eine konsequentere Vermarktung mithilfe von Omni­channel-Konzepten.


Welche Auswirkungen haben das Schutzschirmverfahren und die Neuaufstellung für die Partner und für die Kunden?
Wenn es um Endkunden geht, verändert sich im Grunde genommen gar nichts. Es läuft alles ganz normal weiter. Die Produkte sind verfügbar – der hohe Lagerbestand erweist sich damit im Nachhinein als Glücksfall, andere Unternehmen haben da vielleicht in den nächsten Monaten Probleme mit der Lieferfähigkeit. Der Support bleibt erreichbar, alle Garantien gelten weiterhin. Und auch im Partnergeschäft ändert sich nichts. Wir haben viele langjährige Partner, für die sich kaum Veränderungen ergeben.

Wie läuft das Geschäft von Devolo in der Schweiz? Gibt es Unterschiede zu anderen Märkten?
Kurz gesagt sehr gut. Es gab in der Schweiz keine geschäftlichen Probleme. Wir sind unangefochtener Marktführer im Bereich Powerline. Das hängt damit zusammen, dass Schweizer Käufer Qualitätskäufer sind. Dem Schweizer Kunden ist es wichtig, sein Netzwerkproblem mit Plug-&-Play-Produkten möglichst einfach lösen zu können und ohne kompliziertes Vorgehen «Peace of Mind» zu erreichen. Das unterscheidet den Schweizer Markt von vielen anderen Ländern. Und wie gesagt: In unserem mit Abstand grössten Markt Deutschland kam es immer wieder zu Lockdowns, und noch heute sind manche Kunden skeptisch, die Geschäfte aufzusuchen. Man kann die Absatzprobleme wirklich auf Deutschland beschränken, in den anderen Ländern wurden die Geschäftserwartungen übertroffen.


Zielen Sie mit der Neuaufstellung auch auf weitere Partner ab?
Speziell in der Schweiz sind wir im Consumer-Markt schon hervorragend aufgestellt und haben eine sehr hohe Marktabdeckung erreicht. Wenn es um andere Produktekategorien geht, sieht es etwas anders aus. Es gibt zum Beispiel ein neues Produkt namens Giga Bridge. Es ist in der Schweiz noch nicht verfügbar, weil wir für dieses spezielle Produkt noch Partner suchen. Mit der Giga Bridge lassen sich bestehende Koaxialkabel oder alte Kupfer-Telefonleitungen im Gebäude nutzen, um Glasfasersignale vom Glasfaseranschluss im Keller (ONT) über relativ grosse Distanzen bis zum Router zu bringen. Wir erreichen damit netto konstant nahezu 1 Gigabit pro Sekunde. Das Produkt ist einfach zu installieren, wir suchen aber Partner, insbesondere ISPs oder Telekommunikationsanbieter, die so das Signal vom ONT bis zum Wohnraum bringen können. In Deutschland haben wir in diesem Bereich verschiedene Stadtwerke als Partner.

Was sind die neuesten Lösungen von Devolo?
Neben der Giga Bridge bauen wir auch unser Kernportfolio weiter aus. Devolo ist ja vor allen Dingen bekannt für hervorragende Powerline-Produkte, das ist aber nur das eine. Wir möchten generell alles abdecken, was im Heimnetzwerk nach dem Router kommt. Mitte des Jahres werden wir dazu neue, sehr leistungsstarke WLAN-Repeater-Modelle vorstellen, einen Wall-Plug und einen Repeater im Desktop-Gehäuse. Wir gehen also dahin, unser Portfolio zu komplettieren. Die Idee dabei: Wer ein WLAN-Reichweitenproblem hat, soll zuerst an Devolo denken. Der Repeater-Markt ist für uns durchaus interessant.


Wie differenzieren sich die Devolo-­Lösungen von Angeboten der Mitbewerber
Die Powerline-Produkte und die Re­peater basieren alle auf der gleichen Softwareplattform, dem Devolo OS, und harmonieren bestens miteinander. Das heisst ganz konkret: Ein existierendes Powerline-Netzwerk lässt sich im Handumdrehen mit WLAN-Repeatern von Devolo ergänzen. Und wir legen Wert auf möglichst unkomplizierten Umgang mit unseren Produkten. Im Lauf des Jahres werden wir deshalb auch eine neue Home Networking App lancieren, die sich durch besondere Einfachheit auszeichnet – das war uns bei der Entwicklung sehr wichtig. (ubi)


Artikel kommentieren
Kommentare werden vor der Freischaltung durch die Redaktion geprüft.

Anti-Spam-Frage: Was für Schuhe trug der gestiefelte Kater?
GOLD SPONSOREN
SPONSOREN & PARTNER