Aufatmen im Schweizer ERP-Markt

Eine Umfrage von IT Reseller ergab, dass im Schweizer ERP-Markt wieder Optimismus eingezogen ist. Der Auftragsbestand zieht leicht an, und die Angst vor der Konkurrenz durch die Grossen schrumpft.
24. Mai 2004

     

Schweizer Hersteller und Anbieter für Business-Software können wieder aufatmen. Laut einer Studie der Fachhochschule beider Basel plane jedes vierte Schweizer KMU in diesem oder im nächsten Jahr, eine neue Business-Software einzuführen. Und in der Tat, eine Blitzumfrage von IT Reseller im Schweizer ERP-Markt ergab (wir haben 15 Antworten erhalten), dass der Grossteil der befragten Unternehmen relativ optimistisch in die nahe Zukunft blickt.
So habe sich denn auch bei zwölf von 15 der antwortenden Umfrageteilnehmer das Geschäft mit Business-Software in den letzten vier bis sechs Monaten deutlich verbessert. Die Umsätze konnten durchschnittlich um 15 Prozent gesteigert werden. Nur zwei hatten Umsatzrückgänge von 10 bis 20 Prozent zu vermelden. Für das laufende Jahr geht die Mehrheit davon aus, den Umsatz zwischen 15 und 35 Prozent steigern zu können. Im Schnitt arbeiten die Befragten an 15 laufenden, zum Teil neuen, Projekten.
Obwohl Budgets seitens der Kunden derzeit noch sehr vorsichtig gesprochen werden, so Adrian Krummenacher von Microsoft Business Solutions Schweiz, sei wieder eine steigende Nachfrage zu spüren. Auch an der Topsoft – der vom Zentrum für Prozessgestaltung Aargau veranstalteten Business-Software-Messe – sei deutlich geworden, dass das Interesse an Business-Lösungen wieder zunehme, meint auch Thomas Köberl von Abacus.
«Es kommt wieder mehr Leben in den Markt. Unternehmen erkennen immer stärker, dass Business-Anwendungen administrative Werkzeuge sind. Damit verändern sich die Anforderungen von technologiegetrieben hin zu nutzengetrieben», sagt Eric Krapf, CEO der Zuger Q3 Software.
Allerdings sei die Stimmung nicht euphorisch, da zumindest in der Schweiz die grossen Erfolge noch ausblieben, stellt Martin Bühler von Codex fest. Zudem würden vermehrt auch Beratungshäuser wie Helbling, Inova oder i2s mit Evaluationen beauftragt.
Christian Bühlmann von Info Nova beurteilt die momentane Situation im ERP-Markt als verhalten bis gut. Die Veränderung des Kundenverhaltens erfordere ein anderes Auftreten am Markt. Einige Anbieter hätten, konstatiert Bühlmann, diesen Paradigmenwechsel gut, andere weniger gut gemeistert.
Durch vorhandene Anforderungs-Spezifikationen und Projektbudgets sei ein konkreter Handlungsbedarf spürbar, sagt auch Stefan Forster, Leiter Corporate Strategy, Bison. Gefragt seien neue Lösungen, die nicht nur Kosten sparen, sondern auch einfach zu bedienen sind, stellt Hans Ryser, CEO Modan Software, fest.
«Die Nachfragesituation ist gut bis sehr gut, Entscheidungsprozesse im Moment aber noch verhalten», meint Marzio Tomasetto, Vertriebsleiter von Rotron Software, abschliessend zur allgemeinen Lage im Schweizer ERP-Markt.

Weniger Angst vor den Grossen

Dreizehn der Befragten fühlen sich durch die Konkurrenz der grossen Player wie SAP, Peoplesoft oder Microsoft, die immer mehr das KMU-Segment beackern, nicht sonderlich bedroht. Die Verunsicherung bezüglich Übernahmen und Produktausrichtung, welche die Grossen im Moment am Markt bewirken, stärke sogar mittelständische Software-Unternehmen, heisst es.
Doch der Einfluss der grossen Player im KMU-Markt sollte nicht unterschätzt werden.
Ein bedeutender Schritt in Richtung Marktkonsolidierung war ohne Frage der Merger von Peoplesoft und J.D. Edwards vor einem Jahr. Die Zusammenführung der Unternehmen scheint offensichtlich recht schnell und effektiv abzulaufen.
Die Integration dürfte demnach in naher Zukunft abgeschlossen sein und das neue Riesenunternehmen mit doppelter Wucht auch hierzulande im Teich kleinerer, lokaler Anbieter zu fischen beginnen. Auch Erzfeind Oracle, der nach wie vor an der geplanten feindlichen Übernahme von Peoplesoft festhält, könnte dem einen oder anderen Mittelstandsanbieter den Garaus machen.
Und der hierzulande noch wenig bekannte ERP-Hersteller Agilisys könnte, besonders in den Bereichen diskreter Fertigung und Prozessfertigung sowie Finanzlösungen zur Gefahr werden. Die Amerikaner haben Geld wie Heu und schlucken eine schlingernde ERP-Firma (Brain, Infor, Varial) nach der anderen.
Wenn SAP – schon jetzt vielen kleineren ERP-Anbietern ein Dorn im Auge – mit ihrer auf der Sapphire 2004 vorgestellten Integrationsplattform Netweaver (siehe Seiten 21 und 27) richtig loslegt, dürfte sich der Konkurrenzdruck aus Walldorf nochmals verstärken. Mit der auf Netweaver basierenden Enterprise Service Architecture (ESA) will SAP ihre Software künftig stärker modularisieren. Die einzelnen Bausteine sowie Applikationen von Drittanbietern sollen sich via Netweaver verknüpfen lassen. Wenn der Anwender dann überhaupt noch Lösungen von Drittanbietern benutzt und nicht gleich alles aus dem Hause SAP bestellt.
«Die Konkurrenz durch die Grossen wird zunehmen», sagt Markus Enzler von MRE Computer, «aber ich denke nicht, dass sie den KMU-Bereich in Zukunft dominieren werden. Dieser Bereich ist sehr dienstleistungsintensiv und länderspezifische Anpassungen können kleinere ERP-Produzenten schneller und kostengünstiger realisieren.»
Zumindest zwei Umfrageteilnehmer können einen gewissen gesunden Respekt vor den Big-Three nicht verbergen: Bei der Münchensteiner Codex beispielsweise fühlt man sich vornehmlich durch SAP bedroht, wegen der «sehr aggressiven Angebote».
SAP teilte IT Reseller telefonisch mit, dass man auf die Teilnahme an der Umfrage verzichten werde, da die Unternehmen in der Regel bei derartigen Umfragen bei den Ergebnissen «dunkelschwarz lügen» würden. So bleiben denn auch SAP-spezifische Zusatzfragen zum Stand der Dinge hinsichtlich «Business One» wie Anzahl Projekte/Kunden oder Fragen zum Channel-Netz in dieser Umfrage unbeantwortet.
Abacus macht die Konkurrenz durch die Grossen «den Erwartungen entsprechend» zu schaffen: «Die Grossen greifen zum Teil zu massiven Dumpingmethoden bei den Lizenzpreisen, um ihre Produkte im Markt zu plazieren», sagt Köberl.
Christian Glas, Analyst bei der Beratungs- und Marktanalystengesellschaft Pierre Audoin Consultants (PAC), konstatiert allerdings, dass die Lizenzkosten, wenn auch im Grosskundenbereich noch mehr als bei KMU, eine eher untergeordnete Rolle spielen. Ein Grossteil der Gesamtkosten fällt auf Wartung und vor allem auf das Servicegeschäft.
«Oft sind die Implementierungs-, Integrations- und Customizing-Kosten dreimal so hoch wie die Lizenzgebühren. Das bedeutet, dass die wichtigste Aufgabe für ERP-Anbieter in Zukunft die Verminderung der Komplexität des Produkts hinsichtlich des benötigten Serviceaufwands ist.»

Mobility wird überschätzt

Für über die Hälfte der Umfrageteilnehmer ist Mobility als Business-Driver für ERP kein Thema. Zwar spüren fast alle bei ihren Kunden eine zunehmende Nachfrage nach mobilen Lösungen, auch bieten alle Antwortenden bereits entsprechende Lösungen an, doch werde Mobility als Business-Driver meist überschätzt. Der Grossteil der Befragten ist sich ziemlich sicher, dass entsprechende Lösungen auch in Zukunft nur begrenzt zum Einsatz kommen und in Bezug auf ERP keine Revolution auslösen werden.
Auch sei der Zeitfaktor nicht zu unterschätzen. Bis die technischen Möglichkeiten in den verschiedenen Bereichen Fuss gefasst haben, wird also noch viel Wasser den Rhein herunter fliessen. Chancen sehen die ERP-Spezialisten höchstens in dedizierten Anwendungsbereichen wie CRM oder Kundendienst und durch vermehrte Bedürfnisse im Bereich SCM (Supply Chain Management).
Zudem werde sich, solange die Telcos die Kommunikationskosten künstlich hoch halten, das mobile Computing nicht durchsetzen, meint Hans Ryser, Modan Software. Und letztlich gibt es auch noch immer Bedenken hinsichtlich Sicherheits-Problemen.
Mit dem Thema EBPP «Electronic Bill Presentment and Payment», kurz das digitale Versenden und Bezahlen von Rechnungen, haben sich alle Befragten bereits mehr oder weniger auseinandergesetzt. Zwei Drittel sind mittlerweile EBPP-fähig, haben also beispielsweise ihre Software mit einer Schnittstelle für das Netzwerk von Paynet (Betreiber ist die Telekurs-Gruppe) ausgestattet oder sind eine Kooperation mit der Schweizerischen Post eingegangen. Aber nur drei Umfrageteilnehmer konnten seitens ihrer Kunden bisher eine Nachfrage nach EBPP feststellen.

ASP und Linux kein Thema

Noch schlechter sieht es für das einstige Hype-Thema ASP (Application Service Providing) aus. Durchs Band weg haben oder hatten alle Antwortenden ein ASP-Konzept, für mehr als die Hälfte ist es aber mittlerweile kein Thema mehr, weil die Nachfrage schlicht und einfach bescheiden sei.
Bei Codex beispielsweise habe man sich sehr mit dem Thema ASP auseinandergesetzt und mögliche Provider als Partner evaluiert, so Martin Bühler, doch zur Umsetzung sei es nie gekommen. Mit der Lösung «Proalpha» ist das Unternehmen auf eine bescheidene Server-Infrastruktur angewiesen und für Proalpha-Kunden entstehen keine Kostenvorteile.
MRE Computer, Modan Software und Q3 Software wären als Beispiele zu nennen, bei denen das ASP-Modell offensichtlich erfolgreich läuft. Von letzterer steht beispielsweise das «Smart-Client»-Konzept (Q-Business und Q-Enterprise) bei der Caritas Schweiz im ERP-Bereich im Einsatz.
Ähnlich sieht es schliesslich bei der Frage nach der Linux-Fähigkeit der Lösungen aus. Bei vier der Befragten unterstützen die ERP-Systeme bereits Linux, vier werden ihre Lösungen eventuell Linux-fähig machen, sollte die Nachfrage anziehen, sieben planen das auch in fernerer Zukunft nicht.
Zwar habe sich das Umfeld weiterhin zugunsten von Linux verändert, so werden beispielsweise Backend-Datenbank-Lösungen unter Linux betrieben, für das Frontend sei Linux momentan aber kein Thema. Grundsätzlich sei die Nachfrage seitens der Kunden noch sehr gering (zehn verspüren keine Nachfrage) und neue Umsatzquellen daher (noch) nicht auszumachen.

Betriebskosten runterschrauben

Letztlich werde für Business-Software-Anbieter in den nächsten Jahren nicht die Jagd nach neuen Funktionen die grösste Herausforderung sein, fast Christian Glas, PAC, zusammen, vielmehr müssen sie den lauter werdenden Forderung ihrer Kunden nach einer Begrenzung ihrer Betriebskosten Rechnung tragen.
«Neben den Softwarekosten an sich für Lizenzen und Wartung, stehen auch die hohen Servicekosten bei einem Release-Wechsel zur Disposition. Anbietern, denen es gelingt, diese Kosten zu reduzieren, ohne gleichzeitig den Kunden bei der individuellen Anpassung der Lösung einzuschränken, werden in den nächsten Jahren zu den Gewinnern zählen». (sk)



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