Kolumne «Think Digital»: Risiko - die Pflicht des Unternehmers
Quelle: zVg

Kolumne «Think Digital»: Risiko - die Pflicht des Unternehmers

von Joerg Schwenk

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/06

   

Unternehmer zu sein klingt oft wunderbar. Freiheit. Verantwortung. Mut. Menschen, die etwas aufbauen, Arbeitsplätze schaffen und morgens mit einer Idee aufstehen, während andere noch den zweiten Kaffee suchen. Das klingt gut. Fast romantisch. Doch sobald man den Lack abkratzt, bleibt ein Wort übrig, das in keiner Festrede besonders gut aussieht: Risiko.

Risiko ist der Eintrittspreis ins Unternehmertum. Ohne Risiko gibt es keine Unternehmen, sondern nur Verwaltung. Kein Wachstum, sondern Stillstand. Es gibt keinen Fortschritt, sondern nur die Hoffnung, dass jemand anderes zuerst springt und man selbst später bequem applaudieren kann.


Wir leben in einer Zeit, in der viele gerne profitieren möchten, sich aber selbst nicht exponieren wollen. Man erwartet Sicherheit, Förderung, Schutz, Garantien – und bitte noch eine Beratungsstelle dazu. Verdienen ja. Verlieren eher nicht. Mitreden aber unbedingt. Haften sollen lieber die anderen. Die gebratenen Tauben sollen fliegen, aber bitte mit Sauce und Beilage. Diese Haltung kann sich ein Unternehmer nicht leisten. Wenn Kunden nicht bezahlen, Lieferanten nicht liefern, Mitarbeiter fehlen, Maschinen ausfallen oder der Staat eine neue Vorschrift erlässt, landet alles zuerst auf seinem Tisch. Nicht als Diskussionspapier. Als Rechnung.

Das ist der Unterschied zwischen «über Risiko reden» und «Risiko tragen». Unternehmer spüren es nicht in Excel, sondern im Bauch. Beim Unterschreiben einer Investition. Beim Lohnlauf am Monatsende. Oder beim Auftrag, der vorfinanziert werden muss, lange bevor der Kunde auch nur ans Überweisen denkt.
Und es geht nicht nur um Geld. Unternehmer riskieren Zeit, Schlaf, Gesundheit, Reputation, Familie und manchmal sogar ihre gesamte Existenz. Ein Angestellter kann den Arbeitgeber wechseln. Ein Berater kann weiterziehen. Ein Amt kann neue Regeln schreiben. Der Unternehmer bleibt sitzen und darf freundlich nicken, während der Drucker das nächste Formular ausspuckt. Trotzdem wird er oft wie eine unerschöpfliche Quelle behandelt. Fehlt irgendwo Geld, schaut man auf jene, die angeblich noch etwas haben. Es folgen mehr Abgaben, mehr Auflagen, mehr Nachweise, mehr Kontrollen. Jede einzelne Massnahme klingt vernünftig. Zusammen wird daraus jedoch ein Rucksack, mit dem man keinen Berg mehr besteigt.

Natürlich braucht es Regeln. Natürlich braucht es Steuern. Natürlich braucht es Verantwortung. Die echten Betriebe kämpfen längst an allen Fronten: Sie leiden unter Fachkräftemangel, hohen Energiekosten, gestörten Lieferketten, Preisdruck, Digitalisierung, internationaler Konkurrenz und Kunden, die Amazon-Geschwindigkeit beim Handwerk erwarten.


Es wird gefährlich, wenn Unternehmer nicht nur Geld, sondern auch die Lust verlieren. Wenn jene, die etwas wagen könnten, innerlich kündigen. Dann verliert ein Land mehr als nur Betriebe. Fortschritt entsteht nicht aus Vollkasko. Er entsteht durch Menschen, die sagen: «Ich probiere es. Ich investiere. Ich stelle jemanden ein. Ich übernehme Verantwortung.» Diese Menschen sind nicht perfekt. Sie machen Fehler. Manchmal verdienen sie gut. Manchmal verlieren sie viel. Aber ohne sie bleibt alles stehen.

Wer Unternehmer sein will, muss bereit sein, Risiken zu tragen. Wer dieses Risiko trägt, verdient Respekt. Nicht Neid. Nicht Misstrauen. Nicht die nächste Gebührenidee mit kreativem Namen. Denn wenn niemand mehr Risiko trägt, fliegen irgendwann auch keine gebratenen Tauben mehr.
Joerg Schwenk
Joerg Schwenk verfügt über mehr als ­20 Jahre Erfahrung im Schweizer Fachhandel und ist spezialisiert auf Onlinemarketing sowie Digitalvertrieb. In seiner Kolumne vermittelt er seine Einschätzungen, Erfahrungen und Ansichten rund um den ICT-Channel und freut sich auf Ihre Kontaktnahme beziehungsweise die Vernetzung auf Linkedin.
www.linkedin.com/in/joerg-schwenk/


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