Channel Insight: ERP, Cloud und KI - wer wird wirklich ­obsolet?
Quelle: Opacc

Channel Insight: ERP, Cloud und KI - wer wird wirklich ­obsolet?

Christian Reiter, Opacc

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/03

   

Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie «KI ersetzt Unternehmenssoftware». Die Idee ist verführerisch: Ein Copilot hier, ein Agent dort, und schon sind die schwerfälligen ERP-Systeme überflüssig. Das ist Marketing, aber keine Architektur. KI kann Prozesse beschleunigen, Entscheidungen unterstützen und Routinearbeit automatisieren. Sie kann jedoch weder Verantwortlichkeiten noch Datenhoheit, Compliance, Buchungslogik oder die ­betriebswirtschaftliche Konsistenz «wegprompten». Genau dort liegt der Kern von ERP: als verlässliche Transaktions- und Datenplattform und nicht als «fancy» ­Oberfläche.


Tatsächlich verschiebt KI den Schwerpunkt, insbesondere bei der Art und Weise, wie wir in Zukunft mit Systemen interagieren werden. Benutzeroberflächen werden dialogorientierter, Workflows anpassungsfähiger und auch nicht vordefinierte Auswertungen sofort verfügbar. Dadurch wird die Bedeutung der klassischen und oft recht starren ERP-Bedienoberflächen sinken. KI macht ERP nicht obsolet. Im Gegenteil, es wird sichtbarer, was es immer sein sollte: das führende Referenzsystem, Single Source of Truth und Basis für Auditierbarkeit. Wer glaubt, KI könne ohne robuste Stamm- und Bewegungsdaten Wunder bewirken, wird schnell erleben, dass halluzinierte Entscheidungen in der Lieferkette oder im Finanzabschluss teuer sein können.
Oft hört man auch von den grossen Technologiefirmen, dass KI ein ERP in der Cloud voraussetzt, am besten bei einem Hyperscaler. Dem stimme ich nur in einem Punkt zu: Rechenleistung und skalierbare Services sind hilfreich. Das heisst aber nicht, dass die gesamte Kernanwendung ausgelagert werden muss. Viele Unternehmen haben gute Gründe für alternative Betriebsmodelle: Souveränität, regulatorische Vorgaben, Latenzanforderungen, Schutz von Geschäftsgeheimnissen oder schlicht Kostenkontrolle. Moderne Container-Plattformen, Private Clouds, Managed Hosting, regionale Provider oder hybride Ansätze sind sehr wohl KI-fähig.

Es geht nicht so sehr darum, ob man die Daten in der Cloud speichert oder nicht. Wichtiger ist die Qualität der Daten und die Möglichkeit, darauf effizient und sicher zugreifen zu können. KI kann nur so gut sein wie die Datenbasis. Das heisst: eindeutige Identitäten, gepflegte Stammdaten, konsistente Historien und nachvollziehbare Berechtigungen. Ein ERP, das in Silos lebt, bringt Agenten höchstens zum Stolpern. Eine Plattform, die ERP-Daten, DMS, CRM, IoT und externe Quellen integriert, schafft dagegen Kontext. Das führt zu echter Automatisierung: von der Anomalie-Erkennung bis zur vorausschauenden Disposition.


Wer strategisch plant, sollte sich daher nicht von Hypes beeinflussen lassen. KI ist eine mächtige Technologie, die in vielen Bereichen eingesetzt wird und massive Auswirkungen haben wird. Aber sie funktioniert nur, wenn die Grundlage stimmt. ERP ist nicht obsolet. Es wird als moderne Unternehmens-Plattform zur kritischen Infrastruktur, über die man auch die Kontrolle behalten sollte.
Christian Reiter

Christian Reiter engagiert sich leidenschaftlich für Software Engineering, seit er sein Studium an der ETH Zürich abgeschlossen hat. Sein Schwerpunkt lag dabei auf geschäftsrelevanten Plattformen und Systemen. 1992 gründete er das Unternehmen Reiter & Partner, welches 2006 in die Opacc-Gruppe integriert wurde. Seitdem ist er CTO für die Produkt- und Unternehmensentwicklung.


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