Auf Treu und Glauben war einmal. Heute sagt man das fast beiläufig wie eine nostalgische Randnotiz. Dabei verbirgt sich dahinter ein besorgniserregender Befund. Vertrauen erodiert derzeit, und das hinterlässt Spuren – in unseren Beziehungen, in der Art, wie wir arbeiten, verhandeln und zusammenleben. Nirgendwo wird das so sichtbar wie beim guten alten Handschlag.
Der Handschlag war kein romantischer Brauch, sondern ein soziales Versprechen. Er war unpraktisch, weil er schwer einklagbar war. Er war riskant, weil man sich täuschen konnte. Und genau deshalb war er so wirkungsvoll. Zwei Menschen, ein kurzer Blick, eine Bewegung, die sagte: «Ich stehe dazu.» Heute wirkt das fast verdächtig. Wer nichts Schriftliches will, hat wohl etwas zu verbergen. Wer auf Vertrauen setzt, scheint etwas nicht verstanden zu haben.
Die Folgen sehen wir überall. Gespräche beginnen heute selten mit Offenheit, sondern mit Absicherung. Man hält sich Optionen offen, formuliert vage und lässt Hintertüren offen. Zusagen werden weichgespült, Verantwortlichkeiten verdampfen. Aus einem «Ja» wird ein «Vielleicht», aus einem Versprechen ein Stimmungsbild. Und der Handschlag? Er wurde durch E-Mails ersetzt, die alles und nichts sagen und am Ende doch nur eines leisten: juristische Selbstverteidigung.
Das Misstrauen frisst sich in den Alltag. Kooperation wird zur Kosten-Nutzen-Rechnung. Jede Gefälligkeit braucht ein Gegengewicht, jede Hilfe einen Beleg. Man fragt sich nicht mehr: «Was ist richtig?» Sondern: Was kann mir daraus entstehen? Vertrauen hatte einst die Funktion, Komplexität zu reduzieren. Heute erzeugen wir Komplexität, um Vertrauen zu ersetzen. Das Ergebnis ist lähmend.
Der Verlust des Handschlags bedeutet auch den Verlust von Mut. Denn Vertrauen bedeutet, sich verletzlich zu machen. Wer zusagt, kann scheitern. Wer glaubt, kann enttäuscht werden. In einer Kultur, die Fehler gnadenlos ausschlachtet, ist das ein Risiko, das viele nicht mehr eingehen wollen. Also sichern sie sich ab, bevor sie sich bewegen. Das erzeugt zwar Stillstand, aber er fühlt sich sicher an.
Was steuern wir damit an? Eine Gesellschaft der Vorbehalte. Menschen, die sich nicht mehr festlegen wollen. Organisationen, die lieber nichts versprechen, als etwas zu halten. Beziehungen, die auf Probe laufen, bis jemand die Notbremse zieht. In dieses Bild passte der Handschlag mittlerweile nur noch störend hinein. Er war zu eindeutig, zu verbindlich, zu menschlich.
Dabei ist Vertrauen kein naiver Anachronismus. Es ist der Schmierstoff jeder funktionierenden Gemeinschaft. Wo es fehlt, wird alles schwerfälliger, teurer und kälter. Kontrolle ersetzt Haltung, Regeln ersetzen Verantwortung. Am Ende steht eine Welt, in der niemand mehr wirklich gemeint ist.
Vielleicht sollten wir uns weniger fragen, warum der Handschlag verschwunden ist, und mehr, was wir mit ihm verloren haben. Ich meine damit nicht die Geste selbst. Sondern die Bereitschaft, für etwas einzustehen, auch ohne Netz und doppelten Boden. Auf Treu und Glauben wird wohl bald ganz verzichtet werden. Ich bin gespannt, was an dessen Stelle treten wird.