Im vergangenen Jahr sind die Preise von Arbeitsspeicher und Flash-Speichermedien explodiert. Die Analysten von Omdia sprechen von einem durchschnittlichen Plus von 40 bis 70 Prozent. Ein Ende der Aufwärtsspirale? Kaum in Sicht. Denn auch für die kommenden Quartale rechnen die Marktbeobachter mit weiteren Zuwächsen im hohen zweistelligen Prozentbereich, während Produzenten wie Samsung, Micron und SK Hynix berichten, dass ihre Fertigungskapazitäten vollständig ausgelastet sind. Die ideale Basis für eine ausgewachsene Speicherkrise, die weit über Marktdynamiken hinausgeht.
Schuld an dieser Entwicklung tragen der aktuelle KI-Boom und der damit einhergehende, stetig wachsende Infrastrukturhunger der Datacenter-Betreiber, allem voran der Hyperscaler. So gehen Experten davon aus, dass 2026 bereits bis zu 70 Prozent der weltweit produzierten Speicherchips im Datacenter-Umfeld zum Einsatz kommen könnten. Gefragt ist hier besonders High-Bandwidth Memory (HBM), dessen Fertigung im Vergleich deutlich aufwendiger ist und somit die Kapazitäten der Produzenten in Anspruch nimmt. Klassischer DRAM, aber auch Flash-Speicher beispielsweise in Form von SSDs, und somit End- und Business-Anwender haben wiederum das Nachsehen. Dabei sorgt Künstliche Intelligenz auch auf PCs und Notebooks für einen erhöhten Ressourcenbedarf – und treibt somit von mehreren Seiten die Nachfrage nach performanten Komponenten.
Abschied aus dem Consumer-Geschäft
Wie drastisch sich diese Entwicklung schon heute auf das Marktgefüge auswirkt, zeigt sich am Beispiel Micron. Der Halbleiterhersteller hat Ende des Jahres bekanntgegeben, sich aus dem Consumer-Geschäft zurückzuziehen und seine besonders im Gaming-Bereich etablierte Marke Crucial komplett einzustellen. Stattdessen will sich Micron künftig ganz gezielt auf das Enterprise-Geschäft konzentrieren und somit vom aktuellen KI-Boom profitieren. «Das KI-getriebene Wachstum in Rechenzentren hat zu einem Anstieg der Nachfrage nach Speicher und Speicherkapazität geführt. Micron hat die schwierige Entscheidung getroffen, sich aus dem Crucial-Consumer-Geschäft zurückzuziehen, um die Versorgung und den Support für unsere grösseren, strategischen Kunden in schneller wachsenden Segmenten zu verbessern», erklärte Sumit Sadana, EVP und Chief Business Officer bei Micron, die Hintergründe der Markeneinstellung. Oder anders formuliert: Hyperscaler und andere kaufkräftige Grosskunden erhalten den Vorrang vor dem oft schwankenden Consumer-Geschäft.
Den Channel trifft diese Speicherkrise ebenfalls gleich an mehreren Stellen. Zum einen schiessen die Preise für Einzelkomponenten wie Arbeitsspeicher, SSDs und HDDs in die Höhe, während sich die Verfügbarkeit teils rapide verschlechtert. Zum anderen steigen auch die Kosten für Komplettsysteme wie PCs und Server. Denn zwar haben viele grosse OEMs wie Lenovo ihre Lager gut gefüllt und sollen auf Speicher für die nächsten Monate sitzen. Aber auch diese Bestände sind endlich und selbst die wichtigsten Hersteller können die steigenden Komponentenkosten nur teilweise abfedern. Die Folge: Auch bei PCs und Servern ist im laufenden Jahr mit massiven Preiserhöhungen und Lieferengpässen zu rechnen.
Verschärft wird diese Gemengelage nicht zuletzt durch die anhaltend hohe Nachfrage. Bereits 2025 ist der weltweite PC-Absatz um knapp 10 Prozent gestiegen, in der Schweiz legten die Notebook-Verkäufe gar um rund 12 Prozent zu (mehr lesen Sie ab Seite 28). Und auch für das laufende Jahr rechnen die Analysten mit einem grundsätzlich hohen Bedarf. Denn die Effekte des Windows-10-Supportendes sind noch längst nicht abgeklungen, Ersatzgeräte bei Privatanwendern wie Businesskunden bleiben gefragt. Ob der Markt die Nachfrage bei Systemen und Komponenten mit Blick auf eingeschränkte Lieferkapazitäten und steigende Preise aber bedienen kann, ist mehr als fraglich.
Deutlich spürbare Effekte
Weltweite Turbulenzen der Lieferkette, die auch den Schweizer Channel unter Druck setzen. «Der Anstieg der Speicherkrise und die Speicherknappheit sind bereits deutlich spürbar», berichtet Benni Möller, Product Manager Components & Storage bei
Alltron. «Dies sehen wir bereits seit einigen Monaten. Im September 2025 sind die Preise im Markt erstmals spürbar angestiegen.» Die Nachfrage sei zudem so hoch, dass der Distributor aktuell nicht alle Kundenbestellungen und -projekte bedienen könne, während die meisten Speicherhersteller aktuell ohnehin keine grösseren Projektanfragen zulassen würden.
Fabian Meier, Managing Director Schweiz
Littlebit, berichtet ebenfalls von einer herausfordernden Situation. «Unsere Businessabteilungen sind aber mit der Dynamik im Komponentenmarkt bestens vertraut – es ist ja auch nicht die erste Shortage-Situation ihrer Art, wenngleich die aktuelle Situation eine besondere Schärfe hat.» Littlebit konnte sich zusammen mit Partnern zwar früh auf das Marktgeschehen vorbereiten und einstellen, dennoch bleiben Unwägbarkeiten. «Unmittelbar sehen wir eine gewisse Tendenz, dass die Hersteller durch die Verknappung verfügbarer Chips eher bemüht sind, Produkte zugunsten des Midrange- und Highend-Bereichs zu fertigen und der Value-Markt das Nachsehen hat. Folglich ist mittelfristig ein gewisser Rückgang in Stückzahlen zu erwarten.» In welchem Masse sich das auf den Umsatz insgesamt auswirkt, müsse sich zeigen.
Auch bei Assemblierer und Distributor
Wortmann gestaltet sich die Situation trotz schneller Reaktion kompliziert. «Um unsere Lieferfähigkeit und unsere Produktionskapazitäten abzusichern, haben wir bereits frühzeitig auf die Marktentwicklung reagiert und unsere Lagerbestände proaktiv aufgestockt», sagt Country Manager Schweiz Sascha Wiebe. «Aufgrund der deutlich gestiegenen Beschaffungskosten im Einkauf lassen sich Preisanpassungen im Hardware-Bereich jedoch nicht vollständig vermeiden. Wir kalkulieren hierbei so fair wie möglich, müssen aber die aktuelle Marktsituation in unsere Preisgestaltung einfliessen lassen.» Eine Entwicklung, die bereits auf das Endkundengeschäft im Channel durchschlägt und ein strategisches Umdenken bewirkt. Sascha Wiebe geht davon aus, dass viele Unternehmen ihre geplanten IT-Investitionen im laufenden Jahr kritisch prüfen und gegebenenfalls zeitlich schieben werden, sofern sie nicht unmittelbar betriebsnotwendig sind. IT-Dienstleister müssen sich also auf Einschnitte einstellen.
Veränderungen im Marktgefüge
Herstellerseitig könnten vor allem kleinere, lokale Assemblierer in Bedrängnis geraten. Sie verfügen selten über die notwendigen Hebel, um sich in Verhandlungen mit Chip-Produzenten und Lieferanten gegen die grossen Marken zu behaupten – und so Verfügbarkeit und Preisstabilität sicherzustellen. Die Analysten von IDC gehen daher davon aus, dass sich in den kommenden zwei Jahren das Marktgefüge entscheidend verändern wird. «Grosse Consumer-Electronics-Marken sind gut positioniert, um ihre Grösse und ihren Zugriff auf Speicher zu nutzen, um kleineren und regionalen Anbietern Anteile abzunehmen», heisst es von Seiten der Marktbeobachter. Eine Entwicklung, die auch Benni Möller von
Alltron sieht: «Im PC-Markt rechnen wir mit einer Verschiebung von Stückzahlen und Umsatz von lokalen Assemblierern hin zu grossen, bekannten OEM-Herstellern.» Lediglich von einem kurzfristigen Engpass auszugehen, scheint also zu kurz zu greifen. Denn auch die Liefer- und Preissituation bei DRAM bleibe laut Möller sehr angespannt und werde sich in den kommenden Monaten voraussichtlich kaum verändern – «manche Prognosen sprechen sogar von bis zu zwölf Monaten, bis eine erste Entspannung zu erwarten ist».
Schlicht die Füsse stillzuhalten, bis, sich die Situation wieder entspannt, ist für Reseller und IT-Dienstleister bei dieser Zeitspanne also kaum eine Option. Sie sollten stattdessen frühestmöglich Massnahmen ergreifen, um gegenzusteuern. Beispielsweise kann es helfen, bei wichtigen Komponenten oder Geräten die eigenen Vorräte aufzustocken, um zumindest kurzfristige Lieferengpässe überbrücken zu können. Zudem bietet sich im Zweifel die Zusammenarbeit mit weiteren Lieferanten/Distributoren an, um zusätzliche Quellen zu erschliessen und den Handlungsspielraum zu vergrössern. «Unsere klare Empfehlung lautet: Proaktiv statt reaktiv zu agieren», unterstreicht Sascha Wiebe. «Wir raten dazu, Projekte mit ausreichendem Vorlauf zu planen und bei der Konfiguration der Systeme eine gewisse Flexibilität beizubehalten, um auf die jeweils verfügbaren Komponenten zurückgreifen zu können.» Gleichzeitig verspricht der Country Manager in Richtung der Partner: «Wir setzen alles daran, Sie kontinuierlich mit Terra-Produkten zu versorgen und dabei eine faire, transparente Preispolitik zu gewährleisten, die Ihnen Planungssicherheit bietet.»
Benni Möller von Alltron unterstreicht ebenfalls: «Wir werden die Bemühungen deutlich intensivieren, unsere Einkaufskanäle zu stärken, weitere Hersteller in unser bereits breites Portfolio aufzunehmen und bestehende Sortimente in der Breite auszubauen.» Zudem wolle der Distributor die Sortimentseinkäufe und die Marktsondierung enger takten und die Beschaffung mit kleineren Einzelmengen, aber einer deutlich höheren Anzahl der Tranchen planen. Preiserhöhungen sollen so «moderat wie möglich» ausfallen. «Wir werden alles dafür tun, dass unsere Partner und Kunden bei ihren Anschaffungen so wenig Verzögerungen und Einschnitte wie möglich haben. Leider werden wir aber nicht verhindern können, dass es zu Einschränkungen kommen wird.» Möller empfiehlt vor diesem Hintergrund, auf Artikel zurückzugreifen, die im Shop auf Lager oder zumindest mit einem konkreten Liefertermin versehen sind. Zudem sollten Kunden Beschaffungen möglichst zeitnah tätigen. Denn eine Entspannung der Situation, so der Product Manager, sei aktuell nicht in Sicht. Eine Einschätzung, die auch die Prognosen der Analysten unterstreichen.
(sta)