Informatik hinter den Kulissen der Fan-Zonen

Ein Riesenspektakel wie die Fussball-EM kommt nicht ohne Hightech und IT aus. Hinter den Kulissen einer Fan-Zone wirkt die Technik auf den ersten Blick zwar nicht überwältigend, doch je tiefer man gräbt, desto mehr Spannendes kommt zum Vorschein.
16. Juni 2008

     

Welche Informationstechnologie braucht es, um einen Anlass wie die Fussballeuropameisterschaft an all den öffentlichen Schauplätzen zu zeigen, wie es momentan der Fall ist? Diese Frage stellte sich die Redaktion von IT Reseller einige Wochen vor Beginn des Grossanlasses und stürzte sich damit auch gerade in eine Grossrecherche. Denn schon bald sollte sich herausstellen, dass die Frage nach der Technik erst gestellt werden kann, wenn die komplexe Frage nach der Verantwortlichkeit ebenfalls gelöst ist. Nach unzähligen Telefonaten mit Veranstalter Uefa, Fan-Zonen-König UBS, Host-City Zürich und IT-Sponsor Swisscom stehen wir drei Tage vor Eröffnung mitten im Schmelztiegel des Geschehens: Auf der Baustelle der Fan-Zone Zürich, wo während der EM die Spiele auf drei Leinwänden übertragen und von zahlreichen Konzerten und Darbietungen begleitet werden. Reihenweise Arbeiter wuseln über das Gelände, sie schleppen, montieren und diskutieren. In einem Ameisenhaufen geht es wohl kaum hektischer zu und her.

IT im Baustellen-Wirrwarr

Unser Ansprechpartner ist Markus Michel, der technische Projektleiter der Fan-Zone Zürich. Michel arbeitet für die Live-Kommunikations-Agentur Standingovation und ist der Mann auf dem Platz, der die Übersicht bewahren muss. 15 Minuten Zeit habe er, kündigte er im Vorfeld an, man sei in Verzug und der Regen nahe. Vor Ort nimmt man ihm den Stress sofort ab: Ständig läutet sein Mobiltelefon und ist er nicht gerade am telefonieren, stehen die Leute Schlange, um ihn mit Fragen zu bombardieren. Schliesslich kann er sich lösen: «So, das ist die Fanzone. Sie interessieren sich für IT, oder?» fragt er, freundlich, aber im Schuss. «Nun», fährt er weiter, «IT wird von den unterschiedlichsten Firmen hier installiert. Wir haben einerseits drei Grossleinwände, die von zwei Installationsfirmen montiert werden, die eine ist - glaube ich - aus Frankreich, die andere vor allem in Deutschland aktiv. Kablex hat Glasfaserleitungen gezogen. Wir haben auf der Seeplattform 15 Plasmabildschirme von JVC, Mc Donalds hat für die Kassenabrechnung eine ADSL-Leitung installiert. Die Vernetzung wird, glaube ich, von Swisscom und Atel durchgeführt, da müssten Sie aber nachfragen. Ah ja, und irgendwo kommen noch Kameras von der Stadtpolizei rein, ich weiss aber nicht, ob Sie das schreiben dürfen.»

Schall und Rauch hinter der Kulisse

Als Nächstes wurden wir weiterverwiesen an die Firma Habegger, die seit 20 Jahren in der Eventtechnik tätig ist und neben der Fan-Zone Zürich auch alle UBS-Arenen mit Eventtechnik bedient. Hier laufen die Fäden zusammen, hier kriegen wir einen Termin, wo wir endlich erfahren, was IT für das Fest in der Fussballzone leis­tet. Raoul Ulrich, Projektleiter bei Habegger, wirkt am Sonntagabend, zweiter Spieltag, ziemlich entspannt. Draussen regnet es, deutsche Fans stimmen sich langsam ein, der Geruch von Bier und süssem Rauch dringt in die Regiekabine unter der Zuschauertribüne. Die Stimmung ist draussen bereits ausgelassen, im Regieraum immer noch gelassen. Wir haben 10 Minuten für ein Interview, bis die Partie Deutschland-Polen beginnt. Von der Hektik der Vortage ist wenig übriggeblieben. Vier Männer stehen zwischen Mischpulten, Monitoren, Racks und Apple-Notebooks. Ulrich zündet sich eine Zigarette an. «Was wollen Sie denn genau wissen?» fragt er, den Rauch gen Fanzone blasend.

IT Reseller: Herr Ulrich, die Fan-Zone Zürich ist in Betrieb, hat alles mit der Technik auf Anhieb geklappt?

Raoul Ulrich: Ja, wir hatten keine Probleme, aber wir sind schliesslich auch Profis. Schön ist, dass es zeitlich gut gepasst hat, denn die Koordination aller Lieferanten und Installateure ist aufreibender als die Technikvernetzung selbst.

Die Fan-Zone während der Euro 2008 ist ein einmaliges Festivalereignis für Zürich. Wie wichtig ist IT dabei?
Erst mal muss man definieren, was man unter IT versteht. Grundsätzlich setzen wir hier relativ konventionelle Konzerttechnik ein, dabei spielen Mikrochips aber überall eine Rolle. Insofern ist alles in unserem kleinen Regieraum IT. Dann sind da die drei Grossleinwände, eine vor der Tribüne, eine auf einem Lastwagen und eine auf der Seeplattform, auch da geht selbstverständlich nichts ohne Mikroprozessoren. Und schliesslich müssen wir halt alle Inhalte - also die Spiele, und was wir zwischendurch selbst einspielen - auf die Grossleinwände und Boxen bringen, das heisst, es braucht eine Datenverteilung. Zählt man all das zusammen, wird klar, dass ohne IT nichts geht.


Was genau steuert Ihr von hier aus alles?
Einerseits empfangen wir die Fernsehbilder der Fussballspiele via Satellit und rechnen dieses Signal in für uns verwertbare Signale um. Dann setzen wir hier im Regieraum unser eigenes Programm zusammen. Wir zeigen ja nicht einfach nur das Spiel, sondern haben auch Ansagen und vor dem Match jeweils selber produzierte Informationen zu Spielern und Mannschaften, Werbeclips von Sponsoren und so weiter. Was inhaltlich speziell ist: Wir haben auch von der Stadtpolizei Zürich Informationsmaterial erhalten, das wir im Notfall einspielen können. Dazu gehört zum Beispiel der hoffentlich nie eintretende Fall, dass eine Evakuierung notwendig wäre. Hinzu kommen die Tonabmischung und die Lichtshow für Konzerte.

In der Fan-Zone haben 45’000 Menschen Platz. Wenn die Satellitenverbindung unterbrochen wird, werden wohl nicht wenige Fans richtig sauer. Was macht Ihr dann?

Der Fall tritt mit einer Wahrscheinlichkeit von weniger als einem Prozent ein. Trotzdem sind wir abgesichert: Fürs erste kriegen wir das Signal dann über DVB-T (Digital Video Broadcasting Terrestrial), falls diese Übertragung auch versagt, was ausserordentlich unwahrscheinlich ist, verzichten wir auf Bild und spielen Digitalradio ab.

Über was für ein Signal gehen denn die Bilder an die Monitore?
Das läuft alles über Glasfaserkabel, das wir gut geschützt unter den Bodenabdeckungen an den Haupt­monitor führen. Auf die Seeplattform gehen wir über die Gerüste, die den Eingang zur Fan-Zone bilden. Verbindungsschutz ist hier das A und O. Denn die Ausfallsicherheit ist im Interesse der Stadt Zürich und auch in unserem Interesse ausserordentlich hoch.


Ihr habt drei riesige LEDs und eine Vielzahl von Lautsprechersystemen ist auf dem Gelände verteilt. Kommen die Signale alle exakt gleichzeitig an den Ausgabegeräten an?
Technisch wäre das durchaus möglich und ist eigentlich der Normalfall, allerdings haben wir künstlich minimale Verzögerungen einbauen müssen. Das war denn auch die besonders grosse Herausforderung für unseren Event-Ingenieur Elias Ruh: Ziel war, dass der Ton sich auf jedem Punkt des Geländes genau deckt, dass man also nie bemerkt, dass das Audiosignal aus verschiedenen Tonquellen kommt.

Das heisst, die Bilder auf den drei Screens laufen auch nicht parallel?

Ganz genau, möglichst einfach gesagt: Es gibt auf dem Gelände Punkte, wo man den Ton von allen drei grossen Lautsprechersystemen her hört. Der Weg von den Lautsprechersystemen zu diesem Punkt ist aber unterschiedlich lang, das menschliche Gehör hört diesen Unterschied, die Tonqualität leidet. Heisst: Die einen Lautsprecher müssen einige Millisekunden später ausstrahlen, als die anderen, sodass die Schallwellen genau gleichzeitig an diesem einen Punkt ankommen.

Weshalb muss denn das Bild auch verzögert werden?
Weil für die Zuschauer direkt vor den Monitoren sonst Ton und Bild nicht mehr deckungsgleich wären. Das mag während einem Fussballspiel nicht matchentscheidend sein, sobald wir aber jemanden beim Sprechen in Grossaufnahme zeigen, wird es kritisch. Dabei geht es um Millisekunden: Die dritte Grossleinwand bekommt das Bild 340 Millisekunden später als die erste. Sieht man beide aufs Mal, würde das auffallen. Es gibt allerdings nur sehr wenige Positio­nen, wo man Blick auf beide Grossleinwände hat. Somit ist die Illusion der Gleichzeitigkeit perfekt.


Wenn wir schon beim Thema Illusion sind: Die Grossleinwände sind gross mit JVC angeschrieben. Sind das denn auch wirklich JVC-LEDs?
JVC ist halt einer der grossen Europameisterschaftssponsoren.

JVC Schweiz wollte ein Gerücht, wonach die Monitore in der Zürcher Fan-Zone von Mitsubishi sind, nicht kommentieren. Man verwies auf die zähen Verhandlungen mit der Uefa diesbezüglich. Sind die Monitore von Mitsubishi?
(Lachend) Ich kann das auch nicht weiter kommentieren.

Die Materialschlacht an öffentlichen Schauplätzen

Die Fussball-Europameisterschaft wird an unzähligen öffentlichen Plätzen ausgestrahlt. Die prominentesten davon sind die 16 UBS-Arenen und die Fan-Zonen in den Spielstädten Basel, Bern, Genf und Zürich. Die Firma Habegger hat in allen 16 UBS-Arenen sowie in der Fan-Zone Zürich die Verantwortung über die IT-Infrastruktur. Für IT Reseller hat Francesco Stendardo, Bereichsverantwortlicher Audio und Eventengineering bei Habegger in die Materialverschleiss-Datenbank geschaut. Die Zahlen seien nicht immer genau, manche seien reine Schätzungen:
In allen 16 UBS-Arenen wurden insgesamt 700 Quadratmeter LED installiert. Im Vergleich dazu: Die Fan-Zone Zürich alleine hat etwa 150 Quadratmeter LED. Die Kabel, welche extra für die Vernetzung gelegt werden mussten, haben eine geschätzte Länge von 85 Kilometern. Für den richtigen Ton sorgen 300 Line-Array-Elemente und 150 konventionelle Boxensysteme. Für die Beleuchtung von Bühnen und Tribünen wurden schätzungsweise 3200 Fluter und 1600 Spots aufgehängt. (Claudio De Boni)



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