«Open Source ist für uns eine Bestimmung»
Quelle: Open Circle

«Open Source ist für uns eine Bestimmung»

Open-Circle-CEO Stefan Escher spricht im Interview über die zunehmende Bedeutung von Open-Source-Lösungen im Kontext digitale Souveränität, den eigenen Antrieb und die Suche nach Partnern für selbst entwickelte Angebote.

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/04

   

«IT Reseller»: Herr Escher, was bedeutet aus Ihrer Sicht digitale Souveränität?
Stefan Escher:
Für Schweizer Unternehmen ist es heute entscheidender denn je, genau zu prüfen, welche Daten und Workflows wo laufen. Nicht alles ist hochkritisch. Wenn ich meinen Spesenzettel mal ein paar Wochen nicht abrechnen kann, bricht nicht gleich mein Business zusammen. Aber in der aktuellen geopolitischen Lage hat sich die Situation schlicht verändert und gerade die USA sind nicht mehr der verlässliche Partner, der sie früher einmal waren. Es ist also sinnvoll, betriebskritische Daten und Infrastruktur regional zu verarbeiten und zu betreiben, um Unabhängigkeit sicherzustellen.

Hat sich hier zuletzt etwas bewegt? Wo stehen Schweizer Unternehmen heute beim Thema ­digitale Souveränität?
Wir sehen hier klare Fortschritte, beispielsweise im Zuge des Netzwerks Souveräne Digitale Schweiz, das den Austausch zu diesem Thema zwischen Behörden, KMU und Technologieanbietern vorantreibt. Die Awareness ist auf jeden Fall da. Auch verschiedene Behörden fahren im Moment Pilotprojekte, um sich mit einem Plan B für den Notfall zu rüsten. Aber nur mit einem Piloten ist man noch nicht umgestellt. Daher ist es aus meiner Sicht wichtig, gerade für kritische Punkte schnelle Alternativen und Lösungen zu finden.


Warum hat diese Planung noch nicht viel früher stattgefunden? Auch seitens der IT-Branche? Warum wurde nicht bereits vor Jahren in diese Richtung beraten? Immerhin gab es die Notwendigkeit schon viel früher.
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, das hat viel mit der Attraktivität der Hyperscaler-Angebote zu tun. Die Lösungen sind hochpoliert, schön präsentiert und als Reseller kann ich sie enorm unkompliziert und über eine einfache Plattform vertreiben. Und wir sprechen hier von einem gewaltigen Auftragsvolumen. Zudem war auch die Awareness einfach nicht da, das weltpolitische ­Geschehen war ein anderes. Für uns ist das aber heute ein Vorteil. Wir machen seit 25 Jahren Open Source, aber bisher war digitale Souveränität noch kein wirklicher Differenzierungspunkt. Wir haben das nie nach aus­sen getragen. Heute sieht das anders aus.
Open Circle
Der IT-Dienstleister mit Sitz in Zürich bietet seit 2001 Informatiklösungen für kleine und mittlere Unternehmen und beschäftigt heute rund 40 Mitarbeitende. Mit der selbst entwickelten Swiss Business Cloud stellt Open Circle KMU eine eigene ICT-Infrastruktur aus den Datacentern in Zürich und Bern bereit, die auf Open-Source-Technologien basiert und stark auf digitale Souveränität abzielt.
Welche Rolle spielt in diesem Kontext Open Source?
Grundsätzlich geht es bei digitaler Souveränität darum, dass Systeme und Anwendungen, die ich ­einsetze, möglichst keine Abhängigkeiten haben. Das bedeutet auch, dass ich gegebenenfalls davon abhängig bin, dass ein Entwickler die von mir genutzte Anwendung zukünftig weiter unterstützt. Selbst wenn wir uns beispielsweise kommerziell nicht mehr einig sind. Hier kommt der Open-Source-Aspekt zum Tragen. Denn dieser sichert mir schon per Definition das Nutzungsrecht. Hinzu kommt das Thema Daten. Also die Frage, wer meine Open-Source-Lösung wo betreibt. Macht das eine Schweizer Firma oder kommt hier ein anderer Rechtsraum zur Anwendung? Und sobald es eine US-amerikanische Firma ist, hat sie auf Grundlage des Cloud Acts Zugriff auf meine Daten. Wenn man als Unternehmen hingegen mit einem Schweizer oder einem europäischen Anbieter zusammenarbeitet, hat man die Sicherheit und den Schutz, dass hier keine Daten rausgezogen und genutzt werden.

Wie steht es aber um US-Unternehmen, die selbst Open-Source-Lösungen anbieten?
Dank Open Source kann ich den Code reviewen und auditieren lassen, ich sehe also, ob es Backdoors in einer Software gibt. Hundertprozentige Sicherheit habe ich aber natürlich nie. Aber wenn ich die Lösungen auf eigener Infrastruktur betreibe, sehe ich auch, ob Datenströme nach aussen gehen oder andere vergleichbare Funktionen greifen. Diese Transparenz schafft Open Source.


Ist es als IT-Dienstleister grundsätzlich aufwendiger, auf Open Source zu setzen, als die hochpolierten Lösungen von der Stange zu vertreiben?
Bei Microsoft erstelle ich mir einen Login, ziehe einmal die Kreditkarte durch den Schlitz und habe das Produkt. Das macht es auch Resellern ziemlich einfach. Als Open Circle müssen wir hingegen für jeden Baustein prüfen, welche Open-Source-Alternativen es gibt. Nextcloud bildet beispielsweise die Funktionen von Onedrive und Sharepoint ab. Aber das Mail-System über Exchange Online ist dann schon wieder ein neuer Baustein. Hier schauen wir für jeden Einzelfall, welche Open-Source-Lösungen in Bezug auf Lieferkette, Community, Referenzen, Rechtsraum und so weiter passen, um unser Angebot zusammenzusetzen. Gleichzeitig stellen wir sicher, dass die Lösungen hoch skalierbar sind, um nicht der nächste Lock-in für Kunden zu sein. Jeder Kunde soll die Möglichkeit haben, jeden Baustein auch auf eigener Infrastruktur oder bei einem anderen Provider zu betreiben. Nur so ist man digital wirklich unabhängig.
Sind Kunden bereit, dafür gegebenenfalls tiefer in die Tasche zu greifen?
Preislich macht es gar keinen so grossen Unterschied. Denn einerseits fallen im Open-Source-Bereich oftmals Lizenzkosten weg. Stattdessen greifen hier Subscriptions im Rahmen von professionellen Support-Verträgen. Und andererseits ist es meist so, dass Unternehmen im Alltag vielleicht zehn Prozent der Funktionen der Office Suite nutzen, aber für 100 Prozent bezahlen. Bei Open-­Source-Lösungen kann ich viel gezielter vorgehen. Daher denke ich, dass beides preislich plus-minus auf einem ähnlichen Niveau rauskommt.

Also ist Open Source für Sie heute zum Differenzierungsmerkmal geworden? Sehen Sie gerade in der aktuellen Entwicklung eine Business-Chance?
Es ist nicht nur eine Business-Chance für uns und viele andere, es ist vor allem ein Purpose. Wir haben schon immer gesagt, dass wir kein M365-Reseller sein wollen, weil das riesige Abhängigkeiten schafft. Und nur weil es alle anderen machen, müssen wir es nicht auch machen. Für uns ist das also vielmehr eine Bestimmung – und das wollen wir auch anderen IT-Anbietern ermöglichen, die sich für Open Source interessieren. Wir bauen Open-Source-Komponenten und stellen diese hoch skalierbar bereit, damit IT-Dienstleister diese ihren Kunden zur Verfügung stellen können. Hier befinden wir uns aktuell in Gesprächen mit anderen IT-Providern und bauen dieses Geschäft auf – nicht zuletzt, weil in letzter Zeit viele Anfragen dazu bei uns eingegangen sind.


Sie suchen also selbst Vertriebspartner?
Genau. Wenn Unternehmen aktuell auf ihre IT-­Partner zugehen und ihnen sagen, dass digitale Souveränität wichtig ist und dass sie das nicht mit Microsoft abdecken können, dann schauen sich die IT-­Profis ganz von allein um. Und sehr oft landen sie dann bei uns, weil der Aufbau eines Gesamtsystems auf Open-Source-Basis Erfahrung und Know-how braucht.
Ist also noch genügend Raum im Schweizer Markt für IT-Dienstleister, die sich verstärkt auf Open Source konzentrieren wollen?
Solange mehr Arbeit da ist, als Stunden am Tag, um diese abzuarbeiten, bin ich froh um jeden Kollegen, der sich des Themas annimmt. Wir sind hier absolut offen und haben immer Platz bei uns für neue Partner. Dabei spielt auch die Demografie eine Rolle. Viele IT-Gründer gehen aktuell in den Ruhestand und somit gibt es mehr Kunden für weniger Anbieter. Sprich: Die Nachfrage ist enorm.

Was sollte ein Partner mitbringen? Benötigt er selbst Open-Source-Know-how oder liefern Sie das alles mit?
Unser Ansatz ist ähnlich wie bei Microsoft. Jeder Partner hat ein Portal, auf das er Kunden unkompliziert aufschalten und die Lösungen verwalten kann. Und solange Unternehmen Windows und Office noch ohne Microsoft Cloud nutzen können, brauchen ihre Partner auch kein Open-Source-Know-how. Sollte sich das ändern, haben wir zwar Linux und Office-Alternativen in petto, aber dann braucht es auch etwas mehr Fachkenntnis, um die Lösungen zügig und erfolgreich anzuwenden.


Mit Blick auf die derzeitige Microsoft-Strategie ist das eher eine Frage der Zeit.
Ja, Wetten würde ich hier nicht abschliessen. Aber es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits bin ich froh um ein bisschen mehr Zeit. Andererseits sollte ein Umstieg auf Alternativen lieber früher als später erfolgen.

Ist es also Ihr Appell nicht nur an Kunden, sondern auch an andere IT-Dienstleister und potenzielle Partner, sich mit dem Thema Open Source auseinanderzusetzen und das Portfolio von Open Circle zu prüfen?
Ich kann wirklich nur einladen, Gespräche mit uns zu führen. Wir stellen auch gerne Proofs of Concept und Demos bereit, die den Funktionsumfang und etwaige Lücken auf­zeigen. Und wenn das dann für den Kunden Sinn macht, dann sollte man definitiv miteinander sprechen und weiter planen. Genau das wäre also mein Appell, sich diesem Thema nicht zu verschliessen, sondern sich jetzt damit auseinanderzusetzen. Wir helfen gerne dabei.

Souveränitäts-Check für Firmen

Quelle: Open Circle
Open Circle hat im vergangenen Jahr einen digitalen Souveränitäts-Check veröffentlicht. Dieser soll Schweizer Organisationen dabei unterstützen, zu prüfen, wie unabhängig ihre IT-Infrastruktur von einzelnen Anbietern und insbesondere von den US-Tech-Giganten ist. Der kostenlose Online-Check richtet sich an KMU ebenso wie an öffentliche Institutionen und soll Transparenz schaffen in Bezug auf digitale Abhängigkeiten, Sicherheitsrisiken und strategische Ausrichtung. Mit weniger Klicks lässt sich laut Open Circle feststellen, wie gut die eigene Organisation für Cyberangriffe, globale Krisen und Lieferengpässe gewappnet ist, wie stark der Lock-in zu einzelnen IT-Anbietern oder Plattformen ist und wie gut die IT-Strategie auf digitale Unabhängigkeit ausgerichtet ist.

Der Check basiert auf Selbsteinschätzung und soll innerhalb von fünf Minuten eine Einschätzung zur Resilienz der bestehenden IT-Struktur, zu potenziellen Lock-in-Effekten sowie zur Fähigkeit, zwischen Cloud-, On-Premises- und hybriden Lösungen zu wechseln, liefern. Nach dem Ausfüllen erhalten die Teilnehmenden eine Auswertung mit Empfehlungen zur Verbesserung der digitalen Selbstbestimmung.


CEO Stefan Escher betont, dass viele Unternehmen ihre Abhängigkeit von grossen Technologiekonzernen unterschätzen. Der Check sei ein einfacher Weg, um diese Abhängigkeiten zu erkennen und erste Schritte in Richtung mehr Kontrolle über eigene Daten und Systeme zu gewinnen.


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