«IT Reseller»: Herr Panichella, warum hat sich Europa3000 initial für einen Verkauf und einen Zusammenschluss mit einer grösseren Unternehmensgruppe entschieden?
Alfonso Panichella: Die Entscheidung war kein kurzfristiger Schritt. Sie war Ausdruck einer langfristigen strategischen Ausrichtung. Unser Ziel war es, Europa3000 nachhaltig weiterzuentwickeln und zukunftssicher aufstellen zu können. Denn der ERP-Markt verändert sich rasant – technologisch, regulatorisch und hinsichtlich der Kundenerwartungen. Um hier dauerhaft Investitionskraft, Innovationsgeschwindigkeit und Stabilität zu gewährleisten, ist eine starke unternehmerische Einbettung ein entscheidender Faktor. Mit der Einbindung in die
Selectline Group schaffen wir diese Grundlage, um unsere Lösungen strategisch weiterzuentwickeln und gleichzeitig unsere Nähe zum Schweizer Markt zu bewahren.
War eine etwaige negative Geschäftsentwicklung der letzten Jahre ein Grund für die Entscheidung? Nein, überhaupt nicht. Europa3000 ist in vielen Bereichen sehr stark aufgestellt und hat zuletzt zahlreiche Innovationen auf den Weg gebracht. Beispielsweise wurde der Kernel der Lösung grundlegend modernisiert. Aber wenn man eine Software heutzutage umfassend modernisieren will, dann braucht man Investitionen – und dafür starke Partner.
Warum ist die Entscheidung dann letztlich für die deutsche Selectline-Gruppe gefallen?Die Selectline Group ist für uns ein idealer Partner, weil sie unternehmerische Stärke mit klarer Mittelstandsorientierung verbindet. Sie vereint mehrere Softwarehäuser unter einem gemeinsamen strategischen Dach, mit dem Ziel, langfristig zu investieren und nachhaltiges Wachstum zu ermöglichen. Diese langfristige Perspektive in Kombination mit einer dezentralen Struktur lokaler Einheiten war letztlich ausschlaggebend. Entscheidend war für uns aber nicht nur die wirtschaftliche Perspektive, sondern auch die kulturelle Passung und das gemeinsame Verständnis von Kundennähe sowie Produktqualität.
Und wie steht es um das Thema Swissness? Immerhin gehört Europa3000 ab sofort zu einem deutschen Mutterhaus. Swissness ist für uns ein sehr wichtiger Bestandteil unserer Marktposition. Europa3000 ist seit vielen Jahren eng mit dem Schweizer Markt verbunden, und diese lokale Verankerung bleibt auch künftig ein zentraler Faktor. Gleichzeitig eröffnet die Zugehörigkeit zu einer internationalen Gruppe neue Möglichkeiten.
Europa3000 wird also auch unter neuem Dach als eigenständiges Unternehmen agieren?Europa3000 wird weiterhin mit einer starken lokalen Verankerung im Schweizer Markt agieren. Gleichzeitig ergeben sich durch die Zusammenarbeit innerhalb der Gruppe neue Möglichkeiten der Kooperation. Beispielsweise Produkte oder Module, die andere Softwarehäuser bereits umgesetzt haben, oder auch Entwicklungen, die wir weitergeben können. Wir erwarten uns von der Zusammenarbeit zusätzliche Investitionskraft, technologische Weiterentwicklung und einen strukturierten Zugang zu gruppenweitem Know-how. Für unsere Kunden und Partner ergibt sich wiederum eine verlässliche Perspektive in einem zunehmend konsolidierten Marktumfeld.
Stichwort Konsolidierung: Geht nicht Markt- und Produktvielfalt verloren, wenn sich immer mehr Anbieter in Unternehmensgruppen zusammentun?Konsolidierung ist eine natürliche Entwicklung in reifenden Märkten. Entscheidend ist jedoch, wie sie gestaltet wird. Wenn unter einem Dach gezielt investiert wird und Marken ihre Spezialisierung behalten, kann Vielfalt sogar gestärkt werden – durch Innovationen, Investitionen und Stabilität. Für mittelständische Kunden ist aber insbesondere Zukunftssicherheit ein zentrales Thema. Ein starker Gruppenverbund bietet hier klare Vorteile.
Sicherlich können Sie in diesem Verbund auch auf zentrale Bereiche zurückgreifen, Personalabteilung oder Marketing. Ergeben sich daraus organisationale beziehungsweise personelle Veränderungen für Europa3000?Aktuell steht für uns vor allem die strategische Integration in die Gruppe im Vordergrund. Dabei prüfen wir gemeinsam, in welchen Bereichen eine Zusammenarbeit sinnvoll ist. Wir können auf zentrale Ressourcen zurückgreifen, wo es Sinn macht. Bei
Europa3000 liegt das Know-how und wir wissen, was unsere Kunden wünschen. Im Vordergrund stehen vielmehr die Integration auf strategischer Ebene sowie der Aufbau gemeinsamer Synergien in Bereichen wie Produktentwicklung, Technologie und Administration. Wie sich Strukturen im Detail weiterentwickeln, wird im Rahmen des Integrationsprozesses sorgfältig und schrittweise geprüft.
Selectline ist bereits mit anderen Marken in der Schweiz aktiv, auch im Bereich ERP. Besteht nicht das Risiko von Überschneidungen innerhalb der Gruppe?Die Gruppe verfolgt ein Portfolio-Modell, bei dem spezialisierte Marken mit klarer Positionierung agieren. Ziel ist daher die strategische Ergänzung. Gerade im ERP-Umfeld unterscheiden sich Zielgruppen, Branchenfokus und Lösungsarchitekturen oft deutlich. Aus unserer Sicht überwiegt daher klar die Chance auf Know-how-Transfer und gemeinsame Innovationskraft.
Es werden also in Zukunft nicht Vertriebsmitarbeiter von zwei Unternehmen der Gruppe plötzlich um einen Kunden werben?Wir stimmen uns innerhalb der Gruppe sehr gut ab, um klare Positionierungen und Verantwortlichkeiten sicherzustellen. Hinzu kommt, dass Partner nun Zugriff auf mehrere Lösungsoptionen aus dem Selectline-Portfolio haben. Das ist natürlich ein Riesenvorteil.
Und was bedeutet der Zusammenschluss darüber hinaus für Ihre Vertriebspartner?Die Zusammenarbeit ist nicht nur für uns ein klarer Zugewinn, sondern auch für unsere Partner. Sie werden sehen, dass wir eine neue Innovationskraft haben und einen Partner, der umfassende Erfahrung einbringt, nicht nur in unserem Markt, sondern auch in anderen Ländern. Von diesem Know-how können auch unsere Partner nur profitieren, genau wie von zusätzlichen Geschäftsmöglichkeiten.
Ist Ihre Empfehlung an Partner also, sich auch das restliche Selectline-Portfolio anzuschauen?Ja, absolut. Ich habe bereits mit mehreren Partnern gesprochen und sie finden die Zusammenarbeit sehr positiv. Natürlich müssen Partner dann entsprechendes Know-how aufbauen. Aber wenn sie das möchten, haben sie jetzt die Chance dazu.
Mit wie vielen Partnern arbeiten Sie aktuell in der Schweiz zusammen?Heute sind es 16 Partner. Wir werden aber weitere Partner suchen. Enorm wichtig ist uns dabei, dass sie das entsprechende Know-how mitbringen und die Lösungen kennen, um den Kunden ideal zu betreuen. Daher werden wir auch verstärkt Webinare und Trainings anbieten.
Gleichzeitig bleibt auch der Direktvertrieb bestehen? Genau, dieser macht rund 20 Prozent unseres Geschäftes aus. Der Rest läuft rein über unsere Partner. Eine klare Abgrenzung zwischen direkt und indirekt nach Grösse des Kunden gibt es dabei nicht. Oftmals ist das historisch gewachsen, gleichzeitig sind wir in jeglicher Hinsicht sehr flexibel.
Wie darf man sich denn die kommenden Wochen nun bei Ihnen vorstellen? Was sind die nächsten Schritte im Integrationsprozess?Im Fokus stehen die strategische Abstimmung auf Gruppenebene, die Identifikation von Synergiepotenzialen, die Abstimmung in Produkt- und Technologiefragen sowie die transparente Kommunikation gegenüber Kunden und Partnern. Ziel ist eine nachhaltige Integration, die Stabilität sichert und gleichzeitig strategische Entwicklung ermöglicht. Bisher bin ich wirklich begeistert, wie effektiv und schnell dieser Prozess vorangeht. Beispielsweise können wir schon jetzt auf das Marketing oder das Produktmanagement zurückgreifen. Das habe ich in anderen Unternehmen bisher so noch nicht erlebt, da hat es dann teils sechs Monate gedauert, bis erste Schritte unternommen werden konnten. Das finde ich sehr positiv. Es bewegt sich etwas, und das ist gut für uns, das ist gut für den Markt und das ist gut für die Partner. Für diese werden wir ab Mitte März dann auch verschiedene Webinare durchführen, um sie auf den neusten Stand zu bringen und Perspektiven aufzuzeigen.
Herr Panichella, hat Europa3000 in Zusammenarbeit mit Selectline jetzt die nötige Power, um in einem anspruchsvollen, auch durch grosse internationale Player geprägten Wettbewerbsumfeld auf Augenhöhe agieren zu können?Die Kombination aus unserer Markt- und Branchenkenntnis sowie den Ressourcen und Lösungen innerhalb der Gruppe eröffnet Europa3000 zusätzliche Perspektiven. Das ist auf jeden Fall ein grosses Potenzial für
Europa3000, für die Kunden und für die Partner.
(sta)