«IT Reseller»: Herr Grigull, mit Blick auf das Thema digitale Souveränität: Ist das Risiko für Unternehmen in den letzten Monaten tatsächlich gestiegen oder hat sich schlicht die Aufmerksamkeit erhöht?
Andreas Grigull: Das ist eine gute Frage, die aber letztlich nur die Unternehmen selbst beantworten können, wie sie ihr individuelles Risiko einschätzen. Ich habe aber schon immer gesagt, dass es aus Gesichtspunkten des Risikomanagements schlicht nicht sinnvoll ist, alle Eier in einen Korb zu legen. Das Risiko für den Geschäftsbetrieb ist viel zu hoch – und die amerikanischen Hyperscaler sind am Ende eben ein Korb. Daher braucht es Alternativen. Und eine glaubhafte Alternative erhält man nicht durch eine theoretische Wechselmöglichkeit, sondern indem man diese europäische Alternative bereits aufbaut, betreibt und praktische Erfahrungen sammelt. Sollte dann etwas passieren, können Unternehmen ihre Daten auch wirklich von A nach B bewegen. Und diese Argumentation findet immer mehr Widerhall. Oder anders gesagt: Aktuell werden wir von vielen grossen Unternehmen angesprochen, die fragen, ob es neben den US-amerikanischen Hyperscalern nicht auch etwas aus Europa gibt.
Wir sprechen also vom Parallelbetrieb beziehungsweise Multi-Cloud-Konzepten und nicht dem gänzlichen Wechsel in eine europäische Cloud?Richtig. Ich glaube, kein Unternehmen dieser Grössenordnung kann einen kompletten Wechsel von einer Lösung auf die andere durchführen. Als Vertriebler würde ich das natürlich begrüssen (lacht). Aber ich könnte es ehrlich gesagt keinem Unternehmen empfehlen. Entscheidend sind Alternativen und Wahlfreiheit. Daher setzen wir bei
OVH Cloud auch auf offene Standards und wo immer möglich auf Open-Source-Lösungen. Beispielsweise wird unsere Public Cloud komplett auf Open Stack betrieben. Wer also zu uns kommt, könnte auch genauso leicht wieder wechseln.
Lässt sich im Fall von OVH Cloud denn von digitaler Souveränität und IT made in Europe sprechen? Immerhin werden sicher auch in Ihren Rechenzentren US-amerikanische Server zum Einsatz kommen. Tatsächlich ist OVH Cloud ein besonderer Player in diesem Umfeld. Denn wir bauen unsere Server komplett selbst, um die patentierte Wasserkühlung direkt auf den Prozessor zu bringen. Natürlich nutzen auch wir Chips und RAM aus der restlichen Welt. Aber die Platinen bauen wir selbst und sogar die Racks, da Standard-19-Zoll-Racks bei uns nicht funktionieren würden. Und da unsere Racks wiederum nicht in Standardrechenzentren mit Warm-Kalt-Gang passen, bauen wir auch unsere Rechenzentren selbst. Hinzu kommt der erwähnte Einsatz von Open-Source-Lösungen. Verglichen mit anderen europäischen Anbietern ist bei uns also die grösstmögliche Unabhängigkeit sichergestellt.
Es ist also notwendig, bis auf Hardwareebene runterzugehen, um diese Unabhängigkeit sicherstellen zu können?Das muss letztlich jeder für sich selbst beurteilen. Wir machen das natürlich nicht nur aus Souveränitätsgesichtspunkten, sondern auch aus Energieersparnis und Kostengründen. Uns ermöglicht dieser Weg, eine funktionierende, kostengünstige und möglichst nachhaltige Cloud zur Verfügung zu stellen. Unser PUE-Wert liegt bei 1,26 und das ist gemessen im Sommer in Zentraleuropa und nicht im Winter in Arkansas.
Über die reine Cloud hinaus, auch mit Blick auf Anwendungen: Inwiefern ist es denn heutzutage überhaupt möglich, einen grossen Teil der Unternehmens-IT aus Europa zu beziehen? Das ist möglich. Nehmen wir als Beispiel mal das Bundesland Schleswig-Holstein in Deutschland. Schleswig-Holstein hat kürzlich die Entscheidung getroffen, komplett auf Microsoft zu verzichten, auch bei der Bürosoftware. Das ist für manche Nutzer sicher unangenehm, weil natürlich jeder mit Microsoft Office gross geworden ist. Das ist eine Umstellung, aber es ist möglich, ganz klar. Und bei den Core Services – Datenbanken, Compute, Storage, AI und Quantum –, ist das Angebot in Europa tatsächlich viel, viel besser. Die meisten wissen nur noch gar nicht, dass wir das auch aus Europa leisten können.
Europäische Anbieter sind im direkten Vergleich – einerseits performancetechnisch, andererseits auch kostentechnisch – also wettbewerbsfähig?Kostentechnisch schlagen wir als
OVH Cloud die Hyperscaler teilweise deutlich. Haben wir in Europa schon sämtliche Features, die die Hyperscaler haben? Nein. Aber wir sind definitiv auf dem Weg dorthin. Um OVH Cloud als ein Beispiel für diese Innovationskraft zu nennen: Wir sind gerade dabei, eine Landing Zone bei uns zu implementieren und umzusetzen, um es gerade für Grossunternehmen und Konzerne so einfach wie möglich zu machen, unsere Cloud zu nutzen.
Als Gegenargument kann man jedoch ins Feld führen, dass es gerade Microsoft Unternehmen erlaubt, sich in einem einheitlichen Ökosystem zu bewegen – von der Applikation über das Betriebssystem bis hin zur Cloud-Infrastruktur. Die Hyperscaler versuchen natürlich, es dem Kunden so bequem wie möglich zu machen. Aber gleichzeitig auch so schwer wie möglich zu wechseln. Für Unternehmen ist das also mit Aufwand verbunden. Aber wenn man sich die Kostenentwicklung der Hyperscaler der letzten Jahre anschaut, dann sprechen wir von 20 bis 30 Prozent Steigerungen der Preise. Und aktuell ist noch kein Ende absehbar. Will man also langfristig oder mittelfristig nicht einen Grossteil des Budgets dafür aufbringen und sich aus dieser bequemen Abhängigkeit lösen, dann muss man eine Alternative suchen.
Profitiert OVH Cloud davon bereits? Auch von der aktuellen Aufmerksamkeit für das Thema?Uns erreichen wie angesprochen vermehrt Anfragen von Grossunternehmen und Behörden. Aber Verträge in diesem Umfeld werden nicht von heute auf morgen geschlossen. Das benötigt etwas Zeit. Wir sehen aber definitiv, dass aktuell eine Welle des Interesses und der Aufmerksamkeit anschwillt, die wir bearbeiten und nutzen, um uns als europäischen, souveränen Cloud-Anbieter ins Spiel zu bringen.
Und wie sieht es im mittelständischen Bereich und bei Ihren Vertriebspartnern aus?Auch bei unseren Partnern ist das Interesse an unseren Services deutlich gewachsen. Das sehen wir mehr und mehr. Aus dem schlichten Grund, weil sie mit uns Ausschreibungen gewinnen, weil wir einen guten Preis bieten und eine hervorragende Qualität liefern. Bei Mittelständlern ist das Bild etwas vielschichtiger. Hier sind die IT-Ressourcen natürlich oft begrenzt: knappe Personalkapazitäten und fehlendes Know-how machen einen Wechsel sicherlich nicht ganz einfach. Wir sprechen von zwei oder drei Administratoren, die vielleicht gerade auf AWS oder Azure migriert sind. Daher ist man schneller skeptisch, alles ganz neu aufzusetzen. Von Vorteil in unseren Gesprächen ist es aber dann oft, dass wir bei OVH Cloud offene Standards nutzen, weil Open Stack bereits in vielen Unternehmen im Einsatz ist und sie damit vertraut sind.
Wird diese Entwicklung künftig dennoch kommen? Kann gerade der Preis ein Hebel im Mittelstand sein?Ich glaube, gerade in der Schweiz ist der reine Kostenfaktor nicht so ausschlaggebend. Letztlich muss aber Preis-Leistung stimmen und ich habe das Gefühl, dass wir uns an einem Kipppunkt befinden, an dem viele Unternehmen sagen: «Oh, das steht aber nicht mehr so richtig im Verhältnis zueinander.» Daher bin ich davon überzeugt, dass auf kurz oder lang ein Umdenken stattfinden wird.
Sind Sie in diesem Kontext zufrieden mit Ihrem Vertriebskanal und Ihren Partnern? Geben diese schon genug Gas?Natürlich kann man sagen: «Da geht immer mehr» (lacht). Ich glaube auch, dass wir noch besser werden können. Allerdings sehen wir bei Partnern teilweise ein ähnliches Phänomen wie im Mittelstand. Viele haben AWS-Spezialisten, Azure-Spezialisten oder vielleicht jemanden für Google. Und dann sind die Ressourcen ausgeschöpft. Das kann sich nur mit dem Kundenbedarf ändern. Wir müssen also zunächst einmal die Kundenbasis entwickeln, damit sich auch die Partner anpassen. Für sie muss ein klarer Mehrwert sichtbar sein. Hier bewegt sich aber schon etwas, der Name
OVH Cloud fällt immer häufiger und wir haben viele Partner im deutschsprachigen Raum, mit denen wir grosse Kundenprojekte zusammen stemmen. Daher bin ich zufrieden – auch wenn immer mehr geht.
Und wie ist der aktuelle Stand in der Schweiz? Vor rund zwei Jahren haben Sie den Markt gezielt mit einer Local Zone in den Fokus gerückt. Grundsätzlich haben wir bereits viele Schweizer Kunden und sind sehr zufrieden damit, wie sich der Schweizer Markt für uns entwickelt. Aber natürlich versuchen wir auch hier das Geschäft voranzutreiben. Wir haben keine eigenen Vertriebler in der Schweiz vor Ort und verlassen uns bisher ganz auf unsere Partner. Das könnte sich natürlich ändern, wenn wir einen grossen Schweizer Referenzkunden gewinnen, der eine gewisse Signalwirkung hat. Ohne Frage ist die Schweiz ein sehr, sehr relevanter Markt für uns.
Gleichzeitig ist die Stärkung europäischer IT-Lösungen nicht nur Aufgabe der Branche, sondern auch ein politisches Thema. Haben Sie Wünsche an die Politik?Ich fang mal andersrum an: Wissen Sie von einer chinesischen Regierung, die europäische Cloud-Anbieter beauftragt für ihre Services? Wissen Sie von einer amerikanischen Regierung, die andere Cloud-Anbieter beauftragt? Das machen nur die Europäer, und das ist schon ein gewisser Missmatch. Und wenn wir das als Spielfeld betrachten, dann reicht es mittlerweile nicht mehr, dass europäische Behörden und auch Grossunternehmen nur auf der Zuschauertribüne sitzen. Wir müssen eine aktive Beteiligung haben. Und dann können wir gemeinsam Lösungen für europäische Kunden entwickeln. Dabei brauchen wir aber auf jeden Fall Unterstützung, Feedback und natürlich auch Umsätze, um diesen europäischen Muskel zu stärken und das Spielfeld zu unseren Gunsten zu verändern.
Woran scheitert das bisher? So wie Sie es erklären, müsste es eigentlich ein Selbstläufer sein. Ehrlich gesagt habe ich keine Erklärung dafür. Es unterscheiden sich teilweise die öffentlichen Aussagen von Behörden und Instituten und das, was am Ende gewählt wird. Sie wollen innovativ sein und entscheiden sich für AWS, Google oder Azure. Vielleicht auch aus Sorge, dass eine europäische Lösung nicht innovativ sein könnte. Diese Denke muss sich ändern, das müssen wir durchbrechen.
Sehen Sie dabei auch eine Verantwortung bei der europäischen IT-Branche, sich stärker zu verzahnen, stärker zusammenzuarbeiten, um Microsoft und Co. ein gemeinsames Ökosystem entgegenzusetzen?Grundsätzlich arbeiten wir alle auf offenen Standards. Das heisst, dass jeder auf Open-Stack-Basis ohnehin schon eng verzahnt ist. Aber mein Appell wäre, dass nicht jeder Politiker versucht, seinen Bezirk und lokale Rechenzentren zu stärken, in denen jemand ein paar Server stehen hat und sich Cloud-Provider nennt. Wir müssen stärker als Europa denken und europäische Champions hervorbringen, die den Amerikanern auch tatsächlich Paroli bieten können.
Ist das noch möglich? Bei Themen wie Cloud und auch KI sehen viele den Zug für Europa schon abgefahren. Gerade bei KI sehe ich das überhaupt nicht. Mit Mistral haben wir einen führenden AI-Anbieter aus Frankreich, DeepL ist als Übersetzungssoftware mit deutschem Firmensitz ganz weit vorne, und und und. Wir haben ganz viele Möglichkeiten. Und mit Blick auf
OVH Cloud: Wir machen aktuell eine Milliarde Umsatz, wollen jetzt auf zwei Milliarden gehen. Wann sind wir denn gross genug? Wenn wir eine Milliarde im Monat machen? Wenn wir eine Milliarde am Tag machen? Reine Umsatzgrösse ist nicht so relevant. Es zählen die Dienste und Fähigkeiten, die man offerieren kann. Und hier stehen wir ehrlich gesagt gar nicht so schlecht da.
Europa kann den US-Konzernen also schon heute die Stirn bieten?Absolut. Man kann nicht nur, man sollte!
(sta)