Es geht um Kontrolle
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Es geht um Kontrolle

Mit dem Ruf nach mehr digitaler Souveränität rücken auch die Angebote ­Schweizer Cloud-Provider stärker in den Fokus. Die Nachfrage steigt, vor allem in stark regulierten Bereichen. In Folge wächst auch das Potenzial für IT-Dienstleister und Managed Service Provider. Sie müssen beraten, bewerten und orchestrieren. Denn eine Entscheidung für Cloud-Services aus der Schweiz muss keine Abkehr von den Angeboten der US-amerikanischen Hyperscaler bedeuten.

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/10


Die Cloud war lange Zeit ein Versprechen: mehr Flexibilität, tiefere Kosten und praktisch un­begrenzte Rechenleistung. Mit diesen Vorteilen haben im Speziellen die US-amerikanischen Hyper­scaler gelockt und ihre Cloud-zentrierten Strategien mit hoher Geschwindigkeit vorangetrieben. Doch angesichts geopolitischer Spannungen sind für Kunden abermals Fragen nach Abhängigkeit, Sicherheit und Handlungsfähigkeit in den Fokus gerückt. Sich mit diesen auseinanderzusetzen, wird zur geschäftskritischen Notwendigkeit. Denn längst geht es nicht mehr nur um regulatorische Vorgaben. Was geschieht, wenn ein Anbieter bestimmte Dienste nicht mehr bereitstellt? Ist mein Unternehmen dann noch handlungsfähig? Und wie schnell lassen sich Daten und Workloads im Notfall zu einem anderen Provider verschieben? Und wer unterstützt dabei? Die vergangenen Monate haben anhand drastischer Beispiele aufgezeigt, dass all diese Fragen nicht nur blosse Theorie sind. Mehr digitale Souveränität ist in Wirtschaft und Behörden gefragt, Alternativen müssen her oder zumindest im Detail geprüft werden.


In dieser komplexen Gemengelage erhalten vor allem die regionalen Cloud-Provider Rückenwind. Sie können Unternehmen und öffentlichen Institutionen ein höheres Mass an digitaler Souveränität ermöglichen, indem sie die rechtliche, organisatorische und technische Kontrolle über Daten und IT-­Infrastrukturen in der Schweiz vereinen. Im Gegensatz zu internationalen Anbietern unterstehen unabhängige regionale Provider in der Regel nicht unmittelbar ausländischen Rechtsvorschriften, die einen behördlichen Zugriff auf Kundendaten ermöglichen könnten. Zudem haben sie die Möglichkeit sicherzustellen, dass nicht nur die Daten selbst, sondern auch Backups, Metadaten und Administrationszugriffe innerhalb der Schweiz verbleiben. Durch die räumliche Nähe und individuell vereinbare Vertragsbedingungen erhalten Kunden darüber hinaus mehr Einfluss auf den Betrieb, die Sicherheitsmassnahmen und die Verwaltung ihrer Daten.

Eine Frage der Geschäftskontiuität

«Wir beobachten zunehmend die Erkenntnis, dass technologische Abhängigkeit eine Frage der Geschäftskontinuität ist und nicht lediglich eine politische oder regulatorische Frage», berichtet Raphel Auphan vor diesem Hintergrund. Auphan ist Chief Operating Officer beim Genfer Provider Proton. «Besonders deutlich sehen wir dies bei Organisationen, die mit sensiblen Informationen umgehen, sowie bei Unternehmen, die sich keine länger andauernde Unterbrechung ihrer Kommunikation und Geschäftsabläufe leisten können.» Für Schweizer IT-Dienstleister sieht Auphan daher vor allem Chancen bei KMU, regulierten Branchen, professionellen Dienstleistungen, im Gesundheitswesen, bei Finanzdienstleistern, öffentlichen Institutionen sowie bei Unternehmen mit wertvollem geistigem Eigentum oder sensiblen Kundendaten, das Thema digitale Souveränität aktiv anzugehen.


Gleichzeitig unterstreicht der Proton-COO, das entsprechende Massnahmen nicht nur für Regierungen oder hochklassifizierte Anwendungen relevant sind. Vielmehr sollte sich jedes Unternehmen fragen, welche Teile seines Technologie-Stacks kritisch sind und wo übermässige Abhängigkeiten bestehen. Daraus ergibt sich ein wichtiger Schluss: Digitale Souveränität muss nicht per se Isolation und ­Abschottung bedeuten, sondern steht primär für die Fähigkeit, wählen zu können. «Letztlich würde ich Souveränität als die Fähigkeit definieren, die tatsächliche Kontrolle über die eigenen Daten und die eigene Technologie zu behalten – auch in der Krise», so Auphan. Denn selbst wenn sich die Daten physisch in Europa befinden, aber die Infrastruktur, das Unternehmen, die rechtliche Kontrolle oder kritische Software-Abhängigkeiten ausserhalb Europas liegen, müsse man sich fragen, wie viel Kontrolle man wirklich hat.

Digitale Souveränität ist keine Abschottung

Ähnlich vielschichtig definiert Urs Rhyner, Head of Business Development & Sales beim auf Banken und Versicherungen spezialisierten Service Provider ­Inventx, den Begriff: «Für uns umfasst digitale Souveränität vier Dimensionen: Daten-Souveränität, technologische Souveränität, Kompetenz-Souveränität und operative Souveränität. Es geht also nicht nur darum, ob die Daten in der Inventx-eigenen Community Cloud oder bei einem Hyperscaler verarbeitet werden.» Entscheidend sei viel mehr, wer letzten Endes die Kontrolle über die eingesetzten Technologien hat, welche Abhängigkeiten eingegangen werden und ob die benötigten Kompetenzen für den Betrieb langfristig verfügbar sind. Auch Rhyner unterstreicht vor diesem Hintergrund: «Für uns bedeutet Souveränität nicht Abschottung, sondern Innovation zu ermöglichen und gleichzeitig Kontrolle, Sicherheit und regulatorische Compliance sicherzustellen.»

Mehr digitale Souveränität anzustreben ist daher keine Abkehr von den Angeboten der Hyperscaler beziehungsweise grosser internationaler Cloud-Anbieter. Nicht zuletzt, da eine komplette Migration nur für die wenigsten Unternehmen stemm- und finanzierbar ist. Stattdessen geht es um Risiko­management, eine granulare Verteilung von Diensten und Workloads sowie den Aufbau von Alternativen und die Planung einer Exit-Strategie für den Worst Case. «Die Frage für den Kunden lautet: Was passiert, wenn ein geopolitisches Ereignis, eine regulatorische Änderung, drastische Preiserhöhungen, Sanktionen, ein Ausfall oder eine Änderung der Geschäftspolitik plötzlich den Zugang zu einem kritischen Service beeinträchtigen?», erklärt Raphel ­Auphan von Proton. «Wenn Sie ein europäisches Unternehmen sind, das sensible Kundendaten, geistiges Eigentum oder kritische Geschäftsprozesse verarbeitet, ist es strategisch wichtig zu wissen, wer letztlich die Infrastruktur kontrolliert. Sie brauchen Technologiepartner, denen Sie uneingeschränkt vertrauen können – und genau hier können sich Schweizer und europäische Cloud- und IT-Anbieter differenzieren.»


Dieses Verständnis stärkt auch die Rolle der IT-Partner. Sie müssen zusehends über die reine Infra­struktur hinausdenken und ihre Kunden dabei unterstützen, jene Risikobewertung mit Blick auf den gesamten Technologie-Stack vorzunehmen. Dabei sollten auch Fragen rund um rechtliche Zuständigkeiten, Data Governance und Geschäftskontinuität mit einbezogen werden. «Ausserdem müssen sie in der Lage sein, Systeme auf Wahlmöglichkeiten auszulegen. Eine resiliente Architektur sollte nicht davon ausgehen, dass ein Anbieter immer verfügbar sein wird.» Zudem verweist der Proton-COO auf eine wichtige Aufgabe des IT-Channels: Denn nach wie vor benötigen viele Schweizer respektive europäische Technologieunternehmen und damit Cloud-­Provider Kunden und Skalierung. IT-Dienstleister können mitwirken, diesen Markt zu schaffen und zu stärken, indem sie Unternehmen vermitteln, dass der Kauf regionaler Technologie nicht einfach eine Frage von Compliance oder Beschaffung ist. «Er kann vielmehr eine Investition in Resilienz, Wahlmöglichkeiten und die europäische Digitalwirtschaft sein.»

Portfoliostrategie überdenken

Der Schweizer IT-Channel ist somit zentral dabei, regionale Cloud-Angebote weiter zu stärken, ihre Reichweite und Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Für diesen Zweck müssen IT-Dienstleister jedoch ihre Portfoliostrategien überdenken und sich für weitere, gegebenenfalls kleinere regionale Provider öffnen. Die Wirtschaftlichkeit spielt dabei selbstverständlich eine entscheidende Rolle. Ein reiner Vergleich der Preise für Rechenleistung und Speicher greift aber zu kurz. Entscheidend sind die Kosten über den gesamten Lebenszyklus eines Service, einschliesslich Migration, Netzwerkanbindung, Lizenzierung, Support und laufendem Betrieb. Beispiele wie ein Case des Schweizer Cloud-Providers Naveum (mehr lesen Sie im Interview mit Tom Lüssi) zeigen dabei, dass Angebote von AWS, Microsoft, Google und Co. auf lange Sicht längst nicht immer die preisliche Nase vorn haben. Und auch in technologischer Hinsicht müssen sich Schweizer Cloud-Provider nicht hinter den Hyper­scalern verstecken. Insbesondere bei klassischen Infra­strukturleistungen wie virtuellen Maschinen, Storage, Netzwerken und Backup können sie für viele Unternehmensanwendungen vergleichbare Lösungen bereitstellen. Moderne Virtualisierungstechnologien, leistungsfähige Hardware und automatisierte Bereitstellungsprozesse sind längst keine ­exklusiven Domänen der internationalen Cloud-Konzerne mehr. Unterschiede zeigen sich allerdings bei der Skalierbarkeit, der geografischen Verfügbarkeit und insbesondere beim Umfang der angebotenen Plattformdienste. Während die Hyperscaler ein breites Ökosystem aus spezialisierten Datenbank-, Analyse-, KI- und Entwicklungsdiensten bereitstellen, konzentrieren sich Schweizer Anbieter häufig auf ein kleineres Portfolio. Für IT-Dienstleister ergeben sich daraus aber zusätzliche Integrations- und Betriebsmöglichkeiten.


Gleichzeitig sollten regionale Cloud-Provider und ihre Partner aber nicht versuchen, nur die Hyper­scaler zu kopieren. «Viel wichtiger ist es, deren Möglichkeiten zu nutzen und mit souveränen Cloud- und Managed Services zu ergänzen und so Mehrwert für das Business der Kunden zu schaffen», so Rhyner. Die zentrale Aufgabe liege darin, die Vorteile von souveränen Cloud-Angeboten und Public-Cloud-Services zu verbinden. Entscheidend sei dabei, die notwendige Kontrolle zu erhalten und Abhängigkeiten transparent aufzuzeigen. «Genau darin können sich Schweizer IT-Dienstleister langfristig differenzieren.»

«Souveränität braucht ein Ökosystem»

Die Aussichten sind somit vielversprechend. Wer sich auf diese anspruchsvolle Orchestrierung versteht, kann sich als geradezu unerlässlicher Partner in einem wachsenden Markt positionieren. So berichtet beispielsweise Tom Lüssi, CEO von Naveum, von einer steigenden Zahl an Anfragen im Kontext digitale Souveränität, auch aus dem Ausland. Lüssi verweist zudem darauf, dass speziell die Nachfrage nach Private-Cloud-Angeboten aktuell schnell steige. «Ein regionaler Anbieter von Private-­Cloud-Lösungen, der sich sehr stark auf Security und Transparenz fokussiert, der hat im Moment wirklich sehr gute Zukunftsaussichten. Davon profitieren auch seine Partner» (das gesamte Interview lesen Sie ab Seite 38). Denn die wenigsten Unternehmen können und wollen Experten in allen Bereichen der Infrastruktur, der Sicherheit und des Datenschutzes sein. «Souveränität braucht ein Ökosystem», so Auphan. «Man benötigt Technologieanbieter, aber ebenso Integratoren, MSPs, Berater und Reseller, die dafür sorgen, dass diese Technologien bei den Kunden tatsächlich funktionieren.»

Die Schweizer Cloud biete in diesem Kontext hohe Kontrolle, ein definiertes Betriebskonzept, Mitsprache beim Service-Katalog, eine lokale Support-­Organisation und mehr Möglichkeiten zur Individualisierung, erklärt Rhyner. Die Public Cloud zeichne sich hingegen durch einen effizienten Zugang zu Innovationen, Standardisierung, hohe Skalierbarkeit und ein umfassendes Service-Angebot aus. «Unser Mehrwert liegt also nicht darin, einen Hyperscaler nachzubauen. Entscheidend ist, beide Welten für unsere Kunden sicher zu verbinden und über alle Anwendungen hinweg ein optimales Betriebskonzept zu ermöglichen.»


Indem IT-Dienstleister ihr Portfolio diversifizieren und verstärkt auch auf regionale Cloud-Provider setzen – ohne Hyperscaler-Lösungen auszuschliessen –, können sie Unternehmen letztlich dabei unterstützen, Alternativen, Wahlfreiheit und somit Kontrolle zu schaffen. Souveränität muss dabei als Teil der Geschäftsstrategie verstanden werden, wie der Inventx-Manager unterstreicht, und nicht nur als technische Frage der IT. Unternehmen dürften bei Cloud-Entscheidungen nicht nur Kosten und Funktionalität betrachten, sondern auch technologische und operative Abhängigkeiten sowie die damit verbundenen Lock-in-Effekte. Digitale Souveränität ist in Summe also keine Eigenschaft eines einzelnen Cloud-Produkts, sondern das Ergebnis einer bewusst gestalteten IT-Architektur und einer entsprechenden Betriebsstrategie. Eine komplexe Aufgabe, die kompetente Partner voraussetzt. (sta)


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