So hat Corsair just angekündigt, die umweltschonenden Kartonboxen seiner High-end-DRAM-Riegel durch versiegelte, manipulationssichere Plastikverpackungen zu ersetzen. Diese werden nicht nur vorfreudigen Moddern mit stumpfen Bastelscheren das Leben erschweren, sondern vor allem Retouren-Betrügern, die statt der begehrten Speicherware immer öfter Elektroschrott an die Händler zurückschicken. Wo Komponentenpreise explodieren, wird RAM plötzlich zum Luxusgut.
Noch etwas relevanter als der Abschied vom Karton dürfte für den Channel jedoch sein, dass der Verfügbarkeitsengpass und damit steigende Preise immer weitere Kreise ziehen. IT-Dienstleister wie Bechtle warnen ihre Kunden bereits mit eindringlichen Worten («Achtung!») vor Ausfällen in der Beschaffung und empfehlen, Vorräte anzulegen, vorausschauend zu planen: «Was gestern lieferbar war, kann morgen schon fehlen. Die Speicherknappheit bestimmt zunehmend den Takt vieler Projekte.»
Bei einer allzu langfristigen Planung machen mittlerweile aber die Hersteller einen Strich durch die Rechnung – wortwörtlich. Denn nach HPE hat auch Cisco angekündigt, die Geschäftsbedingungen für Partner zu ändern. Neu schaffen sich die beiden Anbieter nicht nur den üppigen Spielraum, die Preise bestimmter (von der Speicherkrise besonders betroffener) Produktbereiche auch noch kurzfristig anpassen zu können. Auch die Gültigkeit von Offerten wird reduziert, und die Option, Bestellungen komplett zu stornieren, verlängert. Hinzu kommt, dass Cisco wohl zusätzlich Promotions und Rabatte im Compute-Bereich gestrichen hat. Und nachdem die beiden IT-Schwergewichte nun vorlegen, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch andere Hersteller nachziehen.
Neu ist dieses Vorgehen zwar nicht, vergleichbare Massnahmen hat die Branche bereits während der Covid-Pandemie gesehen. Dennoch sind sie alles andere als Channel-freundlich. Sie verschieben Risiko sowie Markt- und Preisvolatilität stark einseitig in Richtung der Partner – und machen sie im Zweifel zum Sündenbock der Kunden. Hinzu kommt die ganz praktische Dimension, dass langfristige Projekte immer schwerer planbar, der Angebotsprozess immer komplexer wird. Das in einer Zeit, in der Unternehmen grössere IT-Investitionen ohnehin lieber auf die lange Bank schieben.
Die Vorstösse der Hersteller sorgen im Channel daher nicht nur für Unmut, sondern verschärfen die Effekte der ohnehin anspruchsvollen Situation weiter. Zudem werfen sie die berechtigte Frage auf: Bleibt es bei kurzfristigen Gegenmassnahmen oder entwickelt sich hier ein neuer Standard?