Brot und Spiele sind zurück! Eigentlich waren diese «panem et circenses» nie weg. Sie haben lediglich ein Rebranding erfahren. Früher gab es Brot, Wagenrennen und ein gut gefülltes Kolosseum. Der Kaiser wusste: Solange das Volk kaut, jubelt und darüber diskutiert, welcher Gladiator die grössere Leuchte ist, stellt erstaunlich selten jemand die unangenehme Frage, was der Kaiser eigentlich den ganzen Tag macht. Ein geniales Geschäftsmodell. Halte die Leute zufrieden und beschäftigt. Oder zumindest so beschäftigt, dass sie gar nicht merken, dass sie unzufrieden sind. Denn wenn die Bevölkerung plötzlich zu viel Zeit zum Nachdenken hat, wird es für Könige und Kaiser traditionell unangenehm.
Heute sind wir natürlich viel weiter. Unser Kolosseum passt in die Hosentasche. Tiktok, Instagram, Linkedin, X, Facebook und der Rest der digitalen Gladiatorenschule liefern rund um die Uhr Brot und Spiele. Das Brot bestellen wir per App, die Spiele wischen wir mit dem Daumen nach oben. Und jeden Morgen öffnet das digitale Rom seine Tore. Influencer A hat Influencer B entfolgt. Ein CEO hat auf Linkedin geschrieben, dass er nach einem inspirierenden Gespräch mit seinem dreijährigen Sohn verstanden habe, wie Leadership wirklich funktioniert. Irgendjemand empört sich über eine Werbung. Jemand anderes empört sich über die Empörung. Danach empört sich eine dritte Gruppe darüber, dass man sich überhaupt noch empört. Perfekt. Während alle auf der Tribüne sitzen, kann hinter den Kulissen gearbeitet werden.
Und genau hier wird es für Unternehmer interessant. Denn was im Grossen für Weltreiche funktioniert, funktioniert im Kleinen erstaunlich gut für KMU. Auch Firmen haben ihr Kolosseum – Meetings etwa. Wenn niemand genau weiss, was zu tun ist, wird ein Meeting organisiert. Wenn danach immer noch niemand weiss, was zu tun ist, wird ein Follow-up organisiert. Dann gründet man eine Taskforce. Anschliessend erstellt jemand eine Powerpoint-Präsentation mit 47 Folien und KI, auf deren letzter Seite steht: «Next Steps». Welche Next Steps? Natürlich ein weiteres Meeting.
Ein weiterer Klassiker sind interne Projekte mit klingenden Namen wie «Project Phoenix», «Vision 2030» oder «Customer Excellence Journey». Je englischer der Name, desto wichtiger fühlt es sich an. Ob dadurch irgendwann mehr Kunden kaufen, ist eine andere Frage. Und genau deshalb ist Fokus im Unternehmen so wichtig. Denn Ablenkung fühlt sich oft verdächtig nach Arbeit an. Das ist das Gefährliche. Niemand sitzt im Büro und denkt: «Heute verschwende ich acht Stunden.» Nein, wir beantworten E-Mails. Wir diskutieren Logos. Wir optimieren Präsentationen. Wir vergleichen Software. Wir erstellen Reports, die niemand liest. Wir sitzen in Sitzungen über Sitzungen und schreiben anschliessend eine Zusammenfassung für jene, die nicht teilnehmen konnten, weil sie in einer anderen Sitzung waren. Am Abend sind alle müde. Nur der Umsatz hat davon erstaunlicherweise nichts mitbekommen.
Die wichtigste Frage lautet deshalb nicht: Was könnten wir noch machen? Sondern: Was passiert eigentlich, während wir mit Spielen beschäftigt sind? Welche Entscheidungen werden getroffen, während wir scrollen, liken, kommentieren und uns über den Aufreger des Tages empören? Welche Fakten werden geschaffen, ohne dass wir mitreden können oder überhaupt merken, dass gerade etwas passiert? Genau darin liegt die Kraft von Brot und Spielen. Aufmerksamkeit wird gebunden. Während vorne in der Arena das Geschehen tobt, können hinten die Spielregeln verändert werden. Das gilt in der Politik genauso wie im Unternehmen. Wenn alle über Nebensächlichkeiten diskutieren, werden Budgets verschoben, Strategien beschlossen und neue Tatsachen geschaffen. Fokus bedeutet deshalb nicht nur, das Richtige zu tun. Fokus bedeutet auch, zu erkennen, wo gerade wirklich etwas passiert. Also: Brot geniessen, Spiele anschauen, aber zwischendurch den Blick von der Arena nehmen und sich fragen: Was macht der Kaiser eigentlich gerade?
Joerg Schwenk
Joerg Schwenk verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung im Schweizer Fachhandel und ist spezialisiert auf Onlinemarketing sowie Digitalvertrieb. In seiner Kolumne vermittelt er seine Einschätzungen, Erfahrungen und Ansichten rund um den ICT-Channel und freut sich auf Ihre Kontaktnahme beziehungsweise die Vernetzung auf Linkedin.
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