«Wir sind bei digitaler Souveränität ein Frontrunner»
Quelle: IT Reseller

«Wir sind bei digitaler Souveränität ein Frontrunner»

Bechtle rät Unternehmen dazu, ihre digitale Souveränität zu stärken. Der IT-Dienstleister will mit den passenden Werkzeugen und Lösungen unterstützen. Denn die Umsetzung ist in der aktuellen geopolitischen Situation weit mehr als ein Nice-to-have.

Artikel erschienen in IT Reseller 2026/07


«Digitale Souveränität ist heute längst kein theoretisches Thema mehr. Sie ist ein Thema der Wett­bewerbsfähigkeit und Handlungsfähigkeit», unterstrich Martin Kull, Vice President, Bechtle Switzerland, zu Beginn einer Presseveranstaltung Mitte Juni in Zürich. Und wer keine Alternative habe, der habe auch keine Handlungsfähigkeit. Andreas Danuser, Chairman der Inalp Group und Professor an der Berner Fachhochschule BFH, ergänzte: «Früher war digitale Souveränität ein Thema der Wissenschaft und einiger weniger Leute.» Gerade europäische Länder hätten sich in der Vergangenheit hingegen lieber an global verfügbaren Lösungen bedient, als Selbständigkeit anzustreben. «Das ändert sich gerade – nicht zuletzt aufgrund der geopolitischen Lage.»

Die aktuellen geopolitischen Turbulenzen und die Unwägbarkeit der US-amerikanischen Führung haben Effekte gezeigt. Die digitale Souveränität Europas konnte laut Kull und Danuser zuletzt grosse Schritte nach vorne machen, viele Regierungen und Unternehmen seien aufgewacht, die Aufmerksamkeit für das Thema mittlerweile vorhanden. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Ein Beispiel: Laut Schätzungen von Bechtle verfügen derzeit zwei Drittel der Schweizer Unternehmen über keine ausreichende Strategie für einen Ausfall ihrer zentralen Cloud-Provider. «Die Schätzungen verdeutlichen, dass beim Thema Cloud-Sicherheit oft noch eine ­Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft», so Kull, der Bechtle Schweiz seit Ende 2025 leitet. «Es geht hierbei nicht um Panikmache, sondern um eine vorausschauende Planung, mit der sich Organisationen ihre Handlungsfreiheit für die Zukunft sichern.»


Um mehr digitale Souveränität zu erreichen, zählen aber längst nicht nur unternehmenseigene Strategien. Sie umfasst die Sicherstellung von Datenhoheit und Kontrolle über kritische Informationen, die Reduktion technologischer und organisatorischer Abhängigkeiten, die Minimierung geopolitischer ­Risiken sowie die Stärkung der Resilienz digitaler Infrastrukturen. Laut Kull und Danuser braucht es in der Schweiz und ganz Europa daher sowohl in Wirtschaft als auch Politik Bereitschaft sowie Investitionen, um die regionalen IT-Kapazitäten zu stärken und auszubauen. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten müssten reduziert, lokale Produktion und Kontrolle erhöht werden. Das ist allerdings ein langer Weg, nachdem Europa kaum mehr über Hardware-Hersteller, eine wettbewerbsfähige Chip-­Industrie oder auch Hyperscaler auf globaler Augenhöhe verfügt. Daher sind laut dem Vice President Bechtle Switzerland aktuell vor allem punktuelle Lösungen gefragt, um schnell erste Erfolge zu erzielen. «Ich bin aber auch mit Blick in die Zukunft fest davon überzeugt, dass wir uns nicht von US-Technologien verabschieden können», so Kull.

Alles andere wäre verwunderlich für einen IT-Dienstleister, dessen Portfolio zu grossen Teilen von US-amerikanischen und auch asiatischen Produkten bestimmt wird. Entsprechend will Bechtle das Thema digitale Souveränität nicht als Frage der Abschottung verstanden wissen, sondern als Frage der Entscheidungsfreiheit. «Unternehmen müssen jederzeit wissen, wo ihre Daten liegen, von welchen Technologien sie abhängig sind und welche Alternativen ihnen zur Verfügung stehen. Wer seine Abhängigkeiten nicht kennt, kann sie nicht steuern», heisst es in einem Positionspapier.

Bechtle Index of Sovereignty

Bechtle will Kunden dabei helfen, diese Transparenz und Entscheidungsfreiheit zu schaffen. Unter anderem ermöglicht der 2025 entwickelte Bechtle Index of Sovereignty (BIoS), Abhängigkeiten von Platt­formen, Datenflüssen und Betriebsmodellen systematisch zu bewerten und damit den Reifegrad digitaler Souveränität zu ermitteln. Das softwaregestützte Assessment analysiert Datenhoheit, technologische Unabhängigkeit und Kompetenzen entlang der zentralen Geschäfts- und Verwaltungsprozesse. Organisationen verstehen auf diesem Weg besser, wo sie mit Optimierungsmassnahmen angreifen und die grössten Gewinne erzielen können.

Aufbau einer souveränen Plattform

Darüber hinaus haben Bechtle Schweiz und die Inalp Group jüngst eine Partnerschaft geschlossen, die darauf abzielt, die Netzwerk- und Datenspeicherlösungen von Inalp in das Lösungsportfolio des IT-Dienstleisters zu integrieren. Gemeinsam wollen die Partner digital souveräne, sichere und resiliente IT- und OT-Infrastrukturen für Unternehmen und öffentliche Auftraggeber schaffen. Die Kooperation vereint die Beratungs- und Integrationskompetenz von Bechtle mit den spezialisierten Schweizer Technologien der Inalp Group. «Bechtle verfügt über eine starke Marktpräsenz und umfassende Integrationskompetenz. Gemeinsam können wir unsere Technologien schneller verfügbar machen und Kunden gezielt bei der Umsetzung souveräner IT-Architekturen unterstützen», so Danuser.

Martin Kull hat zudem angekündigt, dass Bechtle aktuell eine souveräne Plattform für europäische Organisationen aufbaut. Diese soll uneingeschränkte Transparenz und Kontrolle gewähren. «Die Daten bleiben jederzeit bei uns beziehungsweise beim Kunden», erklärt der Vice President. Weitere Informationen sollen in den kommenden Wochen folgen. Kull hält aber fest: «Wir sind ganz klar ein Frontrunner, wenn es um digitale Souveränität geht.»


Im Alleingang wird aber auch der IT-Riese Bechtle die digitale Souveränität Europas nicht sicherstellen können. Daher plädiert Kull an Politik und Wirtschaft, eng zusammenzuarbeiten, um das Thema gemeinsam voranzutreiben. «Wir sind in Europa technologisch nicht so schlecht aufgestellt, wie es oft heisst», so der Manager. «Wenn wir smart sind, können wir gemeinsam ein Gegengewicht schaffen.» (sta)


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