Miserable Arbeitsbedingungen bei Digitec Galaxus

Miserable Arbeitsbedingungen bei Digitec Galaxus

(Quelle: Digitec)
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16. Mai 2022 - Sechs Mitarbeitende von Digitec Galaxus sollen beim „Sonntags Blick“ über die Arbeitsbedingungen beim Online-Händler ausgepackt haben. Sie berichten von hohem Leistungsdruck, Überwachungsregime, gesundheitlichen Folgen und privaten Einschränkungen.
Digitec Galaxus hat sich unter anderem durch seine schnellen Lieferfristen einen Namen gemacht. Beispielsweise erhalten Kunden, die bis 19 Uhr bestellen, die Ware oft bereits am nächsten Tag. Diese kurzen Lieferfristen scheinen allerdings mit einem hohen Preis einherzugehen: der Gesundheit der Angestellten. "Sonntags Blick" hat Recherchen betrieben und sechs Mitarbeitende des Logistikcenters ausfindig gemacht, die über unzumutbare Arbeitsbedingungen klagen. So heisst es, die Kundenzufriedenheit stehe über allem, weshalb der Leistungsdruck der Mitarbeitenden laufend gestiegen sei.

Eine Mitarbeitende erklärt im Bericht des "Sonntags Blick", dass die Zahl der Artikel, die stündlich gescannt werden müssen, von 70 auf 205 gestiegen sei. Dies zwar teils aufgrund von Prozessanpassungen, allerdings definitiv auch aufgrund gesteigerter Anforderungen. Gestützt wird diese Aussage dem Bericht zufolge auch durch die Unternehmenszahlen. Lag der Umsatz pro Kopf 2017 noch bei 995'000 Franken, so wuchs er bis 2021 auf 1'205'000 Franken. Wer das Scan-Ziel erreicht, werde mittels Ampel-System geprüft. Die Ampel leuchte grün, wenn mehr als 205 Artikel pro Stunde gescannt werden. Falle diese Zahl unter 195 bleibt, blinke sie rot. Mitarbeitende, welche über drei bis vier Monate nicht genügend performt haben, hätten schon Kündigungen erhalten.

Kollabierende Mitarbeitende

Des weiteren herrsche im Logistikcenter in Wohlen ein Überwachungsregime. Die Schichtleiter würden die Mitarbeitenden durch ihre Bürofenster beobachten und bei kurzen Unterbrechungen der Arbeit – beispielsweise aufgrund eines zwei- bis dreiminütigen Austauschs mit einem Kollegen – zurechtweisen, heisst es. Telefonieren sei teils verboten, um auf die Toilette oder in eine Raucherpause zu gehen, müsse man sich bei Vorgesetzten abmelden. Und: Bis vor einigen Wochen hätten die Mitarbeitenden im Wareneingang ausstempeln müssen, um ihre Trinkflasche aufzufüllen.

Aufgrund des enormen Wareneingangs habe eine Woche schnell mal sechs Arbeitstage. Ob am Samstag gearbeitet wird oder nicht, werde dabei oft kurzfristig entschieden, worunter das Privatleben der Angestellten leide. Im Pick Tower, wo die Pakete zusammengestellt werden, sei der Druck besonders hoch. Die Mitarbeitenden rennen in dieser Abteilung und es komme gerade an heissen Tagen immer wieder vor, dass jemand zusammenklappe.

Digitec Galaxus bestätigt gegenüber dem "Sonntags Blick" für das Jahr 2020 30 dokumentierte Fälle von Übelkeit, Kreislauf- oder Blutdruckproblemen. Man nehme diese Fälle sehr ernst und habe Massnahmen zu deren Vermeidung ergriffen. Allerdings seien die Zahlen der letzten Jahre für einen Logistikbetrieb und die Grosse Zahl der Mitarbeitenden tief.

Temporäre Verträge

Um die Spitzen in den Tagen um den Black Friday und Weihnachten herum abfangen zu können, arbeitet Digitec Galaxus jeweils mit rund 200 bis 300 Temporär-Angestellten. Diesen werde teils eine Fixanstellung in Aussicht gestellt, wenn sie sich besonders bemühen – dies obschon eine solche Anstellung alles andere als sicher sei. Wer sich keinen Fixvertrag sichern kann, verlässt das Unternehmen per Januar wieder. Die Temporär-Arbeitenden stellen für die Festangestellten des Unternehmens eine Herausforderung dar: Sie sind flexibel einsetzbar und beschweren sich aufgrund ihrer Situation nicht über die Arbeitsbedingungen. Digitec Galaxus erklärt zu diesen Vorwürfen, dass rund 400 Temporäre (55 %) inzwischen einen fixen Arbeitsvertrag hätten.

Hinsichtlich der Arbeitsatmosphäre im Logistikcenter gibt sich Digitec Galaxus optimistisch. Die aktuelle Mitarbeiterumfrage habe gezeigt, dass die Zufriedenheit im Marktvergleich hoch sei und gegenüber Vorjahr gestiegen sei. Dieser Aussage misstrauen die Mitarbeitenden, mit denen "Sonntags Blick" gesprochen hat, jedoch. Sie weisen darauf hin, dass die Umfrage teils in Anwesenheit der Teamleiter ausgefüllt worden sei, wodurch manche Mitarbeitende eingeschüchtert gewesen seien.