Der PC-Markt Schweiz 2020

von Marcel Wüthrich

3. April 2021 - 2020 konnte der Schweizer PC-Markt um 1,5 Prozent zulegen. Damit fiel das Wachstum geringer aus als in vielen anderen europäischen Ländern. Wir haben mit IDC-Analystin Malini Paul über die Gründe dafür gesprochen und darüber, warum die Nachfrage nach PCs und insbesondere Notebooks in der Schweiz hoch bleibt.

Im vergangenen, von der Coronapandemie geprägten Jahr wurden in der Schweiz 1,55 Millionen PCs verkauft, was einem Wachstum von 1,5 Prozent im Vergleich mit dem Vorjahr entspricht. Dies geht aus Zahlen hervor, die die Marktforscher von IDC «Swiss IT Reseller» zur Verfügung gestellt haben.

Mit dem 1,5-Prozent-Wachstum liegt die Schweiz deutlich hinter dem globalen Marktwachstum fürs Jahr 2020 zurück, das IDC mit 12,9 Prozent beziffert. Und auch in West­europa hat der PC-Markt in Ländern wie Deutschland oder Grossbritannien deutlich stärker zugelegt als hierzulande. Malini Paul, Research Manager bei IDC Western European Personal Computing Devices, und damit auch verantwortlich für die Zahlen in der Schweiz, erklärt den Hauptgrund dafür: «Die Notebook-Adaption in der Schweiz im Vergleich mit dem umliegenden Europa war bereits vor der Pandemie deutlich weiter fortgeschritten. Während also die Pandemie in anderen Ländern einen grossen Bedarf an Notebooks auslöste, war dieser Bedarf in der Schweiz zumindest zum Teil bereits gedeckt, was sich nun in den Zahlen für 2020 widerspiegelt.» Daneben führt Malini Paul aber noch einen weiteren Faktor für das geringere Schweizer Marktwachstum im letzten Jahr ins Feld – das Support-Ende von Windows 7, das im Januar 2020 in Kraft getreten ist. «In der Schweiz haben Unternehmen auf dieses nahende Support-Ende frühzeitig reagiert und entsprechend Geräte geordert. Darum hat die Schweiz im zweiten und dritten Quartal 2019 auch einen starken, zweistelligen Anstieg der Nachfrage verzeichnet, während dieser Effekt in anderen Ländern erst 2020 eintrat.»


Ein aussergewöhnliches Jahr

Marktführer im Schweizer PC-Geschäft war auch 2020 HP Inc. mit 564’000 verkauften Rechnern und einem Marktanteil von 36,4 Prozent. Allerdings musste HP Inc. letztes Jahr ein Absatzminus von 1,4 Prozent hinnehmen. Anders Lenovo auf dem zweiten Platz: Lenovo konnte im letzten Jahr 11,1 Prozent mehr Rechner verkaufen, und kommt mit 349’000 abgesetzten Einheiten auf einen Marktanteil von 22,5 Prozent. Recht deutlich zurückgegangen sind dafür die Verkäufe bei Apple auf Rang drei, und zwar um 7,8 Prozent auf 206’000 Rechner, während sich Acer auf Rang vier als grosser Gewinner des Jahres hervortut mit einem Absatzplus von 20,1 Prozent auf 137’000 Einheiten. Mit diesem Ergebnis konnte sogar Dell vom vierten auf den fünften Platz verdrängt werden. Dell auf ebendiesem fünften Platz verkaufte 7,4 Prozent weniger PCs als im Vorjahr und kommt so auf einen Marktanteil von 8,7 Prozent, 0,1 Prozent weniger als Acer.

Dass 2020 allerdings ein aussergewöhnliches Jahr war, zeigt die Analyse von Malini Paul. Sie sagt nämlich, dass sowohl das Jahreswachstum von 1,5 Prozent wie auch die Ergebnisse der einzelnen Hersteller nicht unbedingt die reale Marktnachfrage wiedergeben. Der Grund dafür ist einfach: Lieferengpässe, mit denen alle Hersteller nicht nur in der Schweiz, sondern global zu kämpfen hatten. «Tatsache ist: Die Nachfrage in der Schweiz war grösser als das Angebot, und die Nachfrage war sicherlich deutlich höher als das effektive Wachstum von 1,5 Prozent», so die IDC-Analystin, die bezogen auf die Performance der einzelnen Hersteller anfügt: «Hersteller haben gewisse Regionen bevorzugt behandelt. Die Gründe dafür sind vielfältig und beispielsweise in bestimmten Deals oder Lieferabkommen zu suchen. Aus diesem Grund gibt es Hersteller, die in einem Land sehr stark performt haben, und in einem anderen Land geschrumpft sind. Oft hat das mit Priorisierung zu tun.» Entsprechend vorsichtig sind auch die Ergebnisse der einzelnen Produzenten zu werten.

Die Absätze entwickelten sich übers Jahr 2020 gesehen zudem auch sehr unterschiedlich. Im zweiten Quartal, als die Pandemie im vollen Umfang in Europa ankam, war die Nachfrage über alle Segmente hinweg hoch – IDC weist der Schweiz für die Monate April, Mai und Juni ein Wachstum von 21 Prozent aus. Im zweiten Halbjahr – ­alles in allem war der Markt von Juli bis Dezember um 7 Prozent rückläufig – aber gab die Nachfrage im Private-­Sektor nach. Und auch im Education-­Segment war die Nachfrage im dritten Quartal rückläufig, um dann im vierten Quartal wieder anzuziehen.


Consumer-Business boomt

Dass die Schweiz überhaupt Wachstum im PC-Markt ausweisen kann, lag 2020 am Consumer-Geschäft, wo die Verkäufe im Vergleich zum Vorjahr um 14,5 Prozent auf 618’000 Einheiten hochschnellten. Demgegenüber ging der Absatz im Commercial-Geschäft zurück, und zwar um 5,5 Prozent auf 932’000 Einheiten.

Unter dem Rückgang im Commercial-­Geschäft hat vor allem Marktführer HP Inc. gelitten. HPs Absatz sank um 9,1 Prozent, der Marktanteil ging auf (immer noch sehr hohe) 45,2 Prozent zurück. Dafür performte HP Inc. sehr gut im Consumer-Geschäft – wenn auch auf tieferem Niveau. HPs Consumer-­Geräteabsatz legte um 31,8 Prozent zu, der Marktanteil wuchs von 20,1 auf 23,1 Prozent. Damit liegt HP Inc. 2020 nur noch einen guten Prozentpunkt hinter dem Schweizer Consumer-Marktführer Apple, dessen Consumer-Geräte­absatz 2020 um 3,5 Prozent und der Commercial-Verkauf um 17,5 Prozent zurückgingen. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Apple im PC-Geschäft weltweit um fast 27 Prozent zulegen konnte. Laut Malini Paul weist Apple in gewissen Regionen darum negative Wachstumszahlen aus, weil der Mac-Hersteller mit Lieferengpässen kämpfte. «Apple hat – wie andere Hersteller auch – gewisse andere Regionen dem europäischen Markt vorgezogen. Das gilt insbesondere für das US-Geschäft, das mit Priorität behandelt wurde. Die Tatsache, dass der Absatz von Apple in der Schweiz rückläufig war, hat in unserem Verständnis einzig und allein mit der Supply-Situation zu tun», sagt Paul. Besserung zeichne sich hierbei nicht ab – im Gegenteil. «Die Popularität von Apples neuem M1-Chip könnte dafür sorgen, dass die Liefersituation von Apple bis mindestens Mitte dieses Jahres weiter schwierig bleiben könnte», fügt Malini Paul an.

Die einzigen beiden Hersteller, deren Absätze sowohl im Consumer- als auch im Commercial-Segment zugenommen haben, sind Lenovo und Acer – wobei dieses Wachstum im Falle von Acer zum einen gering, und zum anderen auf tiefem Stückzahlen-Niveau ausfiel. Laut Malini Paul hat die Tatsache, dass die beiden Hersteller gesamthaft so gut performten, in erster Linie mit Verfügbarkeit und der Priorisierung von bestimmten Deals zu tun. Bei Acer spielt zusätzlich der Fokus auf das Consumer-Geschäft mit hinein. Die Analystin erklärt: «Im Consumer-­Geschäft ist es verhältnismässig einfach, bestimmte Konfigurationen, die verfügbar sind, in den Markt zu drücken. Im Commercial-Geschäft hingegen ist die Nachfrage viel spezifischer und damit in Zeiten von Engpässen schwieriger zu befriedigen. Nicht zuletzt deshalb hat das Consumer-Segment und haben Hersteller, deren Fokus auf diesem Segment liegt, auch deutlich besser performt.»

Dell ist insofern ein Spezialfall, als dass die Texaner im PC-Geschäft schon seit geraumer Zeit auf Profitabilität fokussieren. «Das hat zur Folge, dass Dell immer wieder auch grosse Deals liegen lässt, wenn sie zu preisaggressiv sind und damit die Profitabilität nicht gegeben ist.» Dafür nehme Dell auch in Kauf, Marktanteile zu verlieren – nichtsdestotrotz kann Malini Paul die Strategie nachvollziehen, denn das PC-Geschäft sei in der Tat profitabel für Dell, und sie sehe keine Anzeichen, dass Dell von diesem Fokus abrückt.

Apropos Profitabilität: Zu erwarten gewesen wäre, dass der Durchschnittspreis pro Gerät 2020 deutlich gesunken ist, dadurch, dass vor allem das Consumer-Segment zu Gunsten des Commercial-Sektors zulegen konnte. Dem ist aber nicht unbedingt so, wie Malini Paul erklärt, denn: «Die Engpässe haben sich vor allem im Lower-­end-Segment gezeigt, während die Nachfrage im Premium-Segment zu relativ grossen Teilen gestillt werden konnte.» Entsprechend sind auch die Durchschnittspreise mit einem Minus von 2 Prozent nicht signifikant gesunken. 2019 ging der Durchschnittspreis pro Gerät noch um 7 Prozent nach oben.


Starke Top 5

Eine Besonderheit des Schweizer Marktes ist, dass die Top-5-Hersteller rund 90 Prozent unter sich ausmachen, während es EMEA-weit und global lediglich rund 75 bis 80 Prozent sind. Angesprochen auf diesen Umstand erklärt Malini Paul, dass dafür mehrere Faktoren verantwortlich seien. Einer davon sei der Markteintritt neuer Player wie Samsung oder Huawei ins Notebook-­Geschäft, die in der Schweiz wie im Falle von Samsung entweder nicht verfügbar seien oder einfach nicht die Marktdurchdringung erreichen wie in anderen Ländern. Ein anderer Grund sei, dass in anderen Ländern der EMEA-Region beispielsweise die Öffentliche Hand aus politischen Gründen oder aus dem Glauben heraus, einen besseren Service zu erhalten, stärker auf lokale Hersteller setzt als dies in der Schweiz der Fall ist. Gleichzeitig hätten sich in einigen europäischen Ländern lokale Hersteller auf die Belieferung der Öffentlichen Hand inklusive der Service-­Dienstleistungen spezialisiert. Und nicht zuletzt unterscheide sich der Schweizer Markt von anderen europäischen Märkten durch die enorme Nachfrage nach Notebooks – was lokalen Herstellern insofern weniger entgegenkommt, weil diese oft primär im Geschäft mit Desktops aktiv seien.

Diese Affinität des Schweizer Marktes auf Notebooks zeigt sich auch daran, dass der Notebook-Absatz 2020 um 9,3 Prozent zulegte, während der Desktop-Verkauf um 15,5 Prozent zurückging. Mit 1,147 Millionen verkauften Notebooks im Vergleich zu 403’000 verkauften Desktops machen mobile Geräte somit inzwischen 74 Prozent der verkauften PCs in der Schweiz aus.


Einbruch bleibt aus

Für das laufende Jahr blickt man bei IDC optimistisch auf den PC-Markt – auch denjenigen in der Schweiz. «Für 2021 rechnen wir damit, dass der Schweizer PC-Markt stärker als 2020 wächst. Wir gehen von einem Plus von 4 bis 5 Prozent aus», sagt Malini Paul, und ergänzt: «Wir beobachten aktuell mehrere grössere Projekte im Bereich der Öffentlichen Hand, bei grossen Unternehmen und vor allem auch im Education-­Umfeld. Dadurch eröffnen sich zahlreiche Gelegenheiten für die Hersteller.» Laut der IDC-Analystin stehen diese Projekte oder das Wachstum generell weniger mit der Pandemie im Zusammenhang, sondern resultieren aus regulären Erneuerungszyklen und Digitalisierungsprojekten, die ohnehin anstehen würden. «Viele Projekte etwa im Bildungsumfeld bestanden bereits vor Corona, haben durch die Pandemie aber den Anschub bekommen, der nötig war, damit sie ins Rollen gekommen sind.»

Aufgeschlüsselt nach Segmenten werde sich das Consumer-Segment auch 2021 positiv entwickeln, wenn auch nicht in dem Ausmass wie 2020. «Wir rechnen fürs Consumer-Geschäft für 2021 mit einem Plus von 5 Prozent.» Dafür profitiert das Commercial-­Segment vom Wachstum im Government-­Bereich, das IDC auf gegen 31 Prozent beziffert. Ebenfalls starkes Wachstum sieht IDC im Enterprise-Umfeld mit einem Plus von 13 Prozent, während sich das SMB-PC-Geschäft deutlich langsamer entwickeln wird, was in ­einem Gesamtwachstum im Commercial-Geschäft von ebenfalls rund 6 Prozent resultiert. Aber: «Als grosses Fragezeichen über all den Prognosen schwebt die Frage, wie sich die Liefersituation entwickelt. Wir gehen bei unseren Annahmen davon aus, dass sich die Supply-Situation im zweiten Halbjahr entspannt, doch die Situation ist sehr volatil und kann von Monat zu Monat ändern.»

Was zu guter Letzt die Formfaktoren angeht, rechnet die IDC-Analystin damit, dass Notebooks das Marktwachstum weiter antreiben werden. Dabei würden zunehmend dünnere und flexiblere Geräte nachgefragt – Geräte mit einer Dicke von weniger als 18 bis 21 Millimeter oder mit einem 360-Grad-Scharnier. Ebenfalls erwähnt Malini Paul den Gaming-Bereich, der im Notebook-Business für Nachfrage auch nach dickeren Geräten sorgt. «Wir sehen viele Gaming-Einsteiger, die sich Consumer-Geräte kaufen, mit denen sie sowohl spielen als auch arbeiten können.»

Fürs Desktop-Business sehe man derweil eine leichte Erholung gegen Ende des Jahres, wenn sich der Staub rund um die Pandemie etwas gelegt hat. Pauls Begründung hier: «Wir gehen davon aus, dass sich bis dahin gewisse Unternehmen entschieden haben, ihre Mitarbeitenden permanent von zuhause aus arbeiten zu lassen, und dass sich dazu der Desktop als das passendere Arbeitsgerät hervortut. Solche Entscheidungen könnten das Minus im Desktop-Business allenfalls etwas abschwächen.» Ebenfalls etwas Auftrieb im Commercial-Desktop-­Segment könnten zudem All-in-Ones kriegen, während im Consumer-Umfeld Gaming zunehmend ein Faktor ist, der für positive Zahlen relevant wird. Laut Malini Paul machte Gaming am gesamten Schweizer Consumer-Geschäft 2020 rund 17 Prozent des Marktes aus und ist im vergangenen Jahr um 20 Prozent gewachsen – stärker also als der hiesige Consumer-Markt als Ganzes.

Optimismus ist zu guter Letzt auch über 2021 hinaus angesagt. IDC rechnet nämlich nicht damit, dass nach der Pandemie der grosse Einbruch im PC-Geschäft kommt. «Der Markt wird nicht auf das Niveau vor Corona zurückgehen, zumindest nicht sofort», sagt Malini Paul. «Für 2022 rechnen wir für die Schweiz zwar mit einem Minus von 2,2 Prozent im Vergleich mit 2021, womit die Absätze aber nach wie vor über 2020 liegen.» Und selbst für 2023 gehe man davon aus, dass sich der Markt positiv entwickelt. «Denn die Pandemie hat wie erwähnt Projekte und Entwicklungen angestossen, die die Nachfrage nachhaltig hoch bleiben lassen.»

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