Symantec ignoriert die KMU-Partner

von Matthias Wintsch

5. September 2020 - Nach dem Kauf von Symantec durch Broadcom kommen seit Anfang 2020 wiederholt Informations­brocken an die Oberfläche, die für Symantec-Partner nichts Gutes verheissen. «Swiss IT Reseller» rollt den Fall auf.

Es ist durchaus üblich, dass im Rahmen eines Mergers die Strategie des geschluckten Unternehmens der des Mutterkonzerns angepasst wird. Was bei der Übernahme von Symantec durch den Chip-Riesen Broadcom im Winter 2019 passiert ist, wirft aber Fragen auf. Zu viele Fragen. «Swiss IT Reseller» ist diesen nachgegangen und versucht, Licht ins Dunkel zu bringen.


Die Übernahme

Eine kurze Rekapitulation: Im Juli 2019 werden Gerüchte laut, dass Broadcom die Übernahme von Symantec in Betracht zieht. Nach einigem Hin und Her einigt man sich darauf, dass Broadcom die Enterprise-Sparte von Symantec kauft. Das beinhaltet aber nicht nur die Enterprise-Kunden und -Partner, sondern alles, auch das gesamte B2B-KMU-Segment. Der Kaufpreis wird auf stolze 10,7 Milliarden US-Dollar festgesetzt und die beiden Unternehmen vollziehen die Übernahme gegen Ende 2019.

Anfang 2020 kommt es zu ersten Unstimmigkeiten: Aus anonymer Quelle erfährt «Swiss IT Reseller», dass im Bereich Operations wenig bis nichts funktioniert, ein kleiner Symantec-Partner aus der Schweiz bestätigt die Vorwürfe weitgehend. Lizenzierungen funktionieren nicht mehr, der Support wird als mangelhaft bezeichnet und es gibt Entlassungen bei Symantec Schweiz. Auch prominente und langjährige Mitarbeitende verlassen das Unternehmen (siehe «Swiss IT Reseller» Ausgabe 01-02/2020).


Versiegte Kommunikation

Schwerig wird die Situation, vor allem für die Partner, durch die Ungewissheit. Niemand weiss, wie es mit Symantec, dem Vertrieb und den Kunden weitergeht. Kommunikation vonseiten ­Broadcom findet praktisch nicht statt. Einzig eines scheint klar: Dass sich Broadcom von nun an offenbar stark auf die Enterprise-Kunden fokussieren will. Security-Ikone Candid Wüest, der mehr als ein Jahrzehnt bei Symantec Schweiz an vorderster Front tätig war und das Unternehmen Anfang 2020 verlässt, kommentiert im Januar 2020: «Die neue, fokussierte Topkundenstrategie deckt sich nicht vollständig mit meinen persönlichen beruflichen Zukunftsvorstellungen.»

Es wird also bereits vermutet, was sich später verdichten soll: Dass Broadcom offenbar kein grosses Interesse daran hat, die mittleren und kleinen Kunden und Partner so zu bedienen, wie es bisher der Fall war. Was das genau heisst, weiss aber immer noch niemand so richtig.

Doch nicht nur gegenüber den Partnern ist die Kommunikation dürftig, auch die Presse erfährt nichts. Die Kommunikationsabteilungen von ­Symantec sind geschlossen, verwiesen wird auf Broadcom. Doch der Konzern äussert sich entgegen ersten Beteuerungen letztlich nicht zum vorliegenden Sachverhalt und den Vorwürfen.


Probleme lösen sich nicht von selbst

Im Sommer 2020 meldet sich eine weitere Person bei «Swiss IT Reseller», es handelt sich dabei um einen ehemaligen Mitarbeiter aus dem Symantec-­Team in Deutschland, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Vorwürfe sind mannigfaltig. Erstens gebe es grosse Differenzen zwischen Symantec-Mitarbeitern und Broadcom, das Klima sei schlecht und man entledige sich vieler Mitarbeitenden mittels «grosser Abfindungspakete». Die Kommunikation innerhalb der Firma sei «mangelhaft wie nicht existent».

Zweitens: Die Strategie, die Broadcom mit Symantec verfolgt, wird nur durch das Zusammensetzen von Puzzleteilen ersichtlich. Der ehemalige Mitarbeiter erklärt, dass die rund 30’000 Partner weltweit auf gerade einmal 200 reduziert werden sollen, Broadcom wolle zukünftig nur noch die Topkunden bedienen. Eine brisante Aussage, die von Broadcom allerdings ebenfalls unkommentiert stehen gelassen wird.

Drittens: Die Integration von Symantec in die Broadcom-Strukturen. Diese sei im Prinzip gänzlich ausgeblieben, es fehle an einer klaren Marktstrategie und aufgrund der vielen Abgänge an ausführenden Personen.

Und nicht zuletzt erläutert die Quelle auch, dass alle Zeichen darauf hindeuten, dass Symantec Deutschland, das nach dem Kauf in die Broadcom-Tochter CA Deutschland integriert wurde, wohl keine Zukunft hat. Denn CA Deutschland werde «so bald wie möglich» geschlossen, wie der ehemalige Mitarbeiter mit Bezug auf die interne Kommunikation von Broadcom berichtet. Die Account-Betreuung der reduzierten Kundschaft solle später aus Polen erfolgen. Ein weiteres Anzeichen dafür, dass eine breite Symantec-­Partnerlandschaft keine Zukunft mehr hat.


An die Wand gefahren

«Persönlich finde ich es erschreckend und traurig, wie schnell Broadcom eine gut positionierte Security-Firma mit komplexem, hochtechnologischem Portfolio derart an die Wand fahren konnte. Dass hierzu noch nichts in der Presse zu finden ist, empfinde ich als Affront gegenüber allen Mitarbeitenden, Kunden und Partnern», schliesst der ehemalige Mitarbeiter.

Diese die Belegschaft und eine allfällige Schliessung betreffenden Vorwürfe konnten durch weitere Quellen nicht bestätigt werden. Und auch von offizieller Seite her ist nichts in Erfahrung zu bringen: Trotz mehrfachen Kontaktversuchen auf unterschiedlichen Kanälen hüllt sich Broadcom zum Thema Symantec in absolutes Schweigen.

Zwei Schweizer Symantec-Partner bestätigen jedoch viele Punkte, die das Chaos im Vertrieb und bezüglich Operations betreffen. Ebenfalls häufen sich die Signale, dass die strenge Fokussierung auf Top Accounts zutreffend ist


Bleiben die kleinen Partner an Bord?

«Ich kann nicht abschliessend sagen, ob Broadcom uns mittlere und kleine Partner loswerden will. Es fühlt sich aber definitiv so an», kommentiert etwa Alex Strupler, CEO des Schweizer Symantec-Partners Arbos IT.

Auch ein zweiter Symantec-Partner aus der Schweiz, der anonym bleiben möchte, bestätigt diese Vorwürfe weitgehend: «Aus der Sicht der kleineren Partner ist das Vorgehen eine Frechheit, die wurden einfach alleine gelassen und wissen schlicht nicht, was sie machen sollen. Das ist eine Katastrophe. Broadcom sagt denen einfach: Take it or leave it.» Er fügt aber relativierend hinzu, dass eine gewisse Fokussierung der Partnerlandschaft in seinen Augen bereits vor dem Merger wünschenswert gewesen wäre.

Weiter merkt er an, dass seinen Informationen zufolge Broadcom die Grosskundenstrategie bewusst verfolge, weil die Grosskunden den ­Löwenanteil des Umsatzes ausmachen. «Die Lösungen sind gut, Symantec ist bei den ganz Gros­sen drin», kommentiert er. «Die kleineren Partner fallen da durchs Sieb, das ist Broadcom wahrscheinlich auch egal und sie rechnen mit dieser Einbusse.»


Ein missglückter Merger

«Ich habe sicher schon 20 Mergers erlebt – dieser hier war einer der schlechtesten», so der anonyme Symantec-Partner weiter. Das Zusammenführen der Systeme von Symantec und Broadcom sei gescheitert. «Mindestens ein halbes Jahr waren Wartungsverträge und Lizenzen nur schwer zu bekommen.»

Mittlerweile herrsche aber wieder etwas mehr Klarheit. Wie er erklärt, wurden die Kunden in die drei Kategorien Commercial (klein, Ansprechpartner nur über den Handel), Digital (mittel, Ansprechpartner nur digital) und Enterprise (direkte Betreuung durch Broadcom) aufgeteilt. «Perpetual Licences mit Wartung gibt es bei Digital und Commercial aber nicht mehr. Das ist heute einfach eine Subscription, Lizenzen wurden also zu Mietmodellen. Und dazu gab es gar keine Kommunikation. Der ursprüngliche Kauf der Lizenzen wurde schlicht ignoriert», wie der Partner ausführt. Mehrere Beiträge auf Online-Foren bestätigen dies.


Support an der Schmerzgrenze

Alex Strupler von Arbos IT ist durch die Geschehnisse nach der Übernahme hochgradig frustriert: Die KMU-Instanzen von Kunden wurden von Broadcom auf die Enterprise-Plattform migriert, was für den kleinen Partner viele Stunden Mehraufwand und Engineering-Arbeiten nach sich zieht. «Arbeit, die ich niemandem verrechnen kann», so Strupler. Von einem Symantec-Kontakt erfährt er denn auch, dass sich die Symantec-Produkte für KMU schon bald nicht mehr gewinnbringend verkaufen lassen werden. Der Support, der neuerdings in Indien vom Software-Riesen HCL übernommen wird, sei ebenfalls unbefriedigend. Broadcom informiere zwar stellenweise über Veränderungen, aber nichts funktioniere, so Strupler. «Von zehn oder mehr Support-Fällen wurde keiner gelöst. Gerade mal ein Support-Mitarbeiter hat sich überhaupt die Mühe für eine Remote-Schaltung gemacht.» Auch hier bestätigen mehrere Beiträge in Online-Foren den Sachverhalt. Strupler hat ausserdem versucht, sich sein Geld für laufende Lizenzen mit nun veränderter Leistung zurückerstatten zu lassen – ohne Erfolg.

Diese Vorwürfe werden in Internet-Foren wie Reddit mehrheitlich bestätigt. Betroffene Reseller bekunden Probleme, überhaupt an Lizenzen oder gar Offerten zu kommen und beschreiben den Support von Broadcom als ungenügend.


Stringent und arrogant

Bezüglich der Strategie und Kommunikation spricht der anonyme Partner von einem «stringenten, arroganten Auftritt» von Broadcom. «Symantec hat auch vor Broadcom nicht reibungslos funktioniert. Letztlich war es in meinen Augen schon wichtig, dass jemand Symantec übernimmt. Über die Art und Weise lässt sich aber streiten.»

Broadcom handelt also konsequent und verfolgt eine klare Grosskundenstrategie, wie etwa auch aus einem Earnings Call für das zweite Quartal mit «Yahoo Finance» hervorgeht. Leider wurde dies aber weder den Partnern noch den Kunden oder der Presse jemals proaktiv mitgeteilt. «Die kleinen Partner mit kleinen Kunden trifft es besonders. Die Kommunikation ist eine Schweinerei», urteilt der anonyme Schweizer Partner.

Wie er auch anmerkt, hätten sich zwar einige Dinge im Bereich Operations wieder verbessert und die Kommunikation fange wieder an, zu fliessen, mehrheitlich handelt es sich aber um Produkt-­Kommunikation und es gibt noch immer keine Aussagen zu Partnerstatus oder Kundenbeziehungen.


Wie weiter?

Was die interne Kommunikation, die Mitarbeiterverhältnisse und Kündigungen angeht, schweigen die meisten Beteiligten. Den Aussagen des anonymen ehemaligen Symantec-Mitarbeiters und den Kündigungen im Januar zufolge, liegt es aber auf der Hand, dass auch dort einiges im Argen liegt. Einzig der anonyme Symantec-Partner weiss: «Der Mitarbeiterfrust ist genau gleich gross wie bei den Partnern. Es ist auch intern die Hölle!»

Für die KMU-Partner scheinen die Zeichen deutlich zu sein: Alex Strupler von Arbos IT wird nach dieser frustrierenden und auch kostspieligen Phase wohl abspringen und empfiehlt auch seinen Mitbewerbern, dringend auf einen anderen Hersteller zu wechseln. «Ich würde auch nicht empfehlen, jetzt gross bei Symantec einzukaufen», kommentiert der andere Partner und fügt an: «Ich bin aber gespannt, ob die Pläne von Broadcom aufgehen.»

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