Fachkräftemangel ist noch lange nicht vom Tisch

von Luca Cannellotto

4. April 2020 - Microsofts Initiative gegen den Fachkräftemangel in der Schweizer IT-Branche hat an Elan eingebüsst. Es zeichnet sich ein Mangel an Ressourcen und an Willen ab, die entscheidenden Schritte zu unternehmen. Eine Spurensuche.

Seit Microsoft Schweiz im Herbst 2018 seine Initiative gegen den Fachkräftemangel in der IT-Branche lanciert hat, konnte das Unternehmen mit seinen Partnern etliche Erfolge verbuchen. So waren die mehrfach ausgetragenen Job Scouting Days stets gut besucht, und zahlreiche arbeitsuchende Informatiker konnten auf diesem Wege eine neue Stelle finden. In der April-Ausgabe 2019 von «Swiss IT Reseller» zog Microsoft denn auch eine durchwegs positive Bilanz. Rund ein Jahr später ist die Initiative jedoch ins Stocken geraten.

Tobias Steger, Kommunikationsverantwortlicher bei Microsoft Schweiz, begibt sich auf Ursachensuche und findet deutliche Worte: «Was ganz generell auffällt ist, dass es vielfach am letzten Quäntchen Willen mangelt, den letzten Schritt zu machen. Zwar möchten viele Partner ihre Organisation ausbauen und weiterentwickeln, oft fehlt aber neben dem Tagesgeschäft die Zeit, entsprechende Strategien zu erarbeiten und konkrete Massnahmen umzusetzen. Ich sehe den gleichen Effekt bei den Unternehmen und dem Up- und Reskilling ihrer Mitarbeitenden. Heute zweifelt auch auf Unternehmensseite wohl niemand mehr daran, dass die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeitenden einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren für die Digitale Transformation ist. Trotzdem stellen viele Unternehmen ihren Mitarbeitenden weder Zeit noch Tools zur Weiterbildung zur Verfügung.» Bei Microsoft hingegen hat man das bestehende Aus- und Weiterbildungsprogramm in den letzten 18 Monaten sogar intensiviert. Alle Mitarbeitenden werden systematisch geschult, vor allem in neuen Themen wie Cloud, AI und Data. Viele Kolleginnen und Kollegen hätten zunächst den Mehraufwand gescheut, dann jedoch erkannt, dass die damit erreichten Zertifikationen einen realen Wert haben, so Steger. «Doch sobald Ressourcen und Gelder investiert werden müssen und man versucht, konkrete Massnahmen umzusetzen, dann spürt man, dass der Fachkräftemangel für viele Unternehmen plötzlich nicht mehr so dringlich ist», bedauert Steger. Diese Hindernisse müsse man durchbrechen, denn bei Microsoft ist man sich sicher, dass im Arbeitsmarkt grosse Veränderungen anstehen, weil Cloud-Technologien neue Betriebsmodelle entstehen lassen, die neue Skills benötigen.

Laut Steger stehen nun in erster Linie die Unternehmen in der Verantwortung. Viele würden über gut ausgebildete Fachkräfte verfügen, die man konstant weiterbilden müsse, damit sie den Anschluss nicht verpassen: «Die Unternehmen müssen ihnen die Möglichkeit geben, sich während der Arbeitszeit neue Kompetenzen anzueignen, mit Fokus auf die Cloud.» So könnten die bestehenden Mitarbeitenden weiter beschäftigt werden, auch wenn sich die Bedürfnisse des Unternehmens veränderten. Dadurch, ist Steger überzeugt, könnte wenigstens ein Teil der Entlassungen verhindert werden. Er sagt unumwunden, dass die Initiative mittlerweile hinter dem ursprünglichen Fahrplan zurückliegt, gibt aber auch zu bedenken, dass es inmitten eines kulturellen Wandels schwierig sei, sich an Fahrpläne zu halten. Doch der Fachkräftemangel bleibt real. «Kein Unternehmen kann heute einem Mitarbeiter eine Stelle auf Lebzeiten garantieren, aber es kann die Verantwortung dafür übernehmen, dass die eigenen Fachkräfte arbeitsmarktfähig bleiben», bringt es Steger auf den Punkt.

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