Die Auswirkung von Corona auf die Distribution

von Luca Cannellotto

4. April 2020 - Die Corona-Pandemie umspannt mittlerweile den gesamten Globus und beeinflusst die Warenströme und Lagerbestände von Herstellern und Distributoren – ein Lagebericht.

Die Schweiz ist derzeit wie die meisten Länder dieser Welt in sich gekehrt. Die Behörden und die Bevölkerung sind hauptsächlich damit beschäftigt, den Ausbruch der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 einzudämmen. Dennoch steht die Welt nicht komplett still, die Versorgung der Menschen mit Gütern aller Art bleibt eine wichtige Priorität. Das gilt auch für die IT-Branche. Drei Distributoren haben sich bereit erklärt, Einblick in ihren Umgang mit dieser aussergewöhnlichen Krise zu gewähren.

Für Händler und Konsumenten steht im Moment die Frage im Raum, inwiefern gewisse Komponenten und Produkte überhaupt noch lieferbar sind, und wo Knappheiten entstehen könnten. Dazu Andreas Dietschweiler, Leiter Beschaffung bei der Offix Gruppe: «Zu Beginn waren vor allem die bekannten Engpassprodukte wie Desinfektionsmittel und Schutzmasken knapp an Lager. Mittlerweile sind jedoch auch andere exponierte Artikel wie Druckertinten und weitere Produkte, die für das Home Office benötigt werden, betroffen.» Bei Secomp sind die Lagerbestände hingegen noch weitgehend intakt, wie CEO Roland Silvestri versichert: «Im Moment sind wir noch nicht mit Engpässen konfrontiert. Dies könnte jedoch passieren, wenn die Krise noch länger andauert. Es ist eine Frage der Zeit und des Verhaltens unserer Kunden und Zulieferer. Wenn alles normal weiterläuft, sollten wir sechs Monate mit unseren Lagerbeständen abdecken können. Besonders betroffen sind Produkte und Komponenten aus Asien und vor allem aus China. Von dort beziehen wir etwa 50 Prozent unseres Sortiments. Wie diese Zahlen bei unseren Herstellern aussehen, kann ich nur schwer einschätzen. Ich bin froh, dass wir ein hohes Lager führen. Unser umfangreiches Zentrallager in Deutschland sowie das Lager in Bassersdorf geben uns Sicherheit.» Und auch bei Wortmann ist die Lage noch weitgehend normal: «Wir haben glücklicherweise schon im Vorfeld genügend Vorräte angelegt, zum einen aufgrund des auslaufenden Supports für Windows 7,zu anderen wegen des chinesischen Neujahrsfestes. Die Lager sind also noch gut gefüllt, doch haben die Bestände auch abgenommen, weil die Nachfrage in letzter Zeit gross war. Knapp sind momentan vor allem solche Produkte, auf denen elektronische Bauteile verbaut sind, also Motherboards, Netzteile und dergleichen», erklärt Einkaufsleiter Tom Knicker.


Engpässe bei Lieferungen

Vereinzelt Probleme gibt es jedoch bei Lieferungen von Produkten und Komponenten durch die Hersteller, vor allem aus Asien. «Wir erhalten nun vermehrt Informationen, dass die Waren am Zoll aufgehalten werden. Es gibt aber auch Verzögerungen, da sich kilometerlange Staus an der Grenze bilden. Die ersten kleineren Schweizer Firmen haben die Produktionen geschlossen, Asien produziert nun aber wieder. Produkte sind also vorhanden, jedoch ist die termingerechte Lieferung zu uns aufgrund der Transportkapazitäten nicht immer möglich», so Dietschweiler. Secomp verzeichnet noch keine Veränderungen, doch es sei eine Frage der Zeit, meint Silvestri. Eine Prognose abzugeben, sei deshalb schwierig. Tom Knicker sieht das Problem vor allem in der Auslastung der Transportwege: «In Asien sind die Menschen zu 70 bis 80 Prozent wieder bei der Arbeit, aber viele Waren werden noch nicht in genügenden Mengen produziert. Hinzu kommt, dass vieles, was zuvor via Seefracht verschickt wurde, nun mit Luftfracht zu uns kommt. Diese ist aufgrund der hohen Nachfrage und der knappen Kapazitäten aber wesentlich teurer geworden. Wir haben bei den Bestellungen aber nicht nur auf den Preis geachtet, sondern auch auf die Verfügbarkeiten, weshalb unsere Lager noch gut bestückt sind.»

Auch die Preisentwicklung ist ein Thema, das Händler und Kunden interessieren dürfte, denn in Zeiten der Knappheit steigen die Preise tendenziell an. Tatsächlich kommt es aber auch auf das Produkt an, wie Andreas Dietschweiler erklärt: «Die Preise sind generell noch stabil. Bei einzelnen Artikeln wie Desinfektionsmitteln oder WC-Papier werden die Preise aber teilweise drastisch erhöht.» Noch keine Veränderung sieht man laut Roland Silvestri bei Secomp: «Wächst die Nachfrage über das Angebot hinaus, sind sehr wahrscheinlich Preissteigerungen die Folge. Doch auch hier ist die Lage momentan ruhig. Unsere Hersteller haben noch keine Anpassungen gemacht. Solange wir also zu den gleichen Konditionen wie bis anhin einkaufen, bleiben auch unsere Preise unverändert.» Tom Knicker sieht hingegen jetzt schon einen Preisanstieg: «Einige Preise sind sicher gestiegen, ich schätze, um etwa 3 bis 5 Prozent. Das hat auch mit den höheren Beschaffungskosten aufgrund der schwierigen Transportsituation zu tun. Wir wälzen diese Mehrkosten aber noch kaum auf die Händler ab. Die Nachfrage hat jedoch merklich nachgelassen, da PCs für viele Konsumenten jetzt weniger Priorität haben. Momentan sorgt man sich eher um Lebensmittel. Es ist in der jetzigen Situation aber schwierig zu sagen, wie sich die Preise weiter entwickeln werden, denn es ist kaum vorherzusehen, wie lange die aktuelle Krise noch anhalten wird.»


Blick in die Kristallkugel

In die Zukunft zu blicken, ist in der jetzigen Situation enorm schwierig, Andreas Dietschweiler versucht es trotzdem: «Es gibt aktuell Hamsterkäufe für bestimmte Artikel. Diese Panik wird eventuell noch etwas ansteigen. Danach kehrt Normalität ein und die Reserven werden wieder abgebaut. Die generelle Verfügbarkeit wird lediglich durch die Hamsterkäufe vielleicht in den nächsten vier bis sechs Wochen kurzfristig ein Problem darstellen, längerfristig jedoch kaum. Gewisse Produkte aus Asien könnten – bedingt durch die mangelnde Kapazität der Frachtführer – länger unter einer Verknappung leiden. Wir erwarten höchstens eine kurzfristige Preiserhöhung bei Artikeln, die besonders von einer Verknappung betroffen sind, jedoch keine generelle Preissteigerung. Es hängt nun aber stark an der Politik, ob die Verfügbarkeit des täglichen Bedarfs kritisch wird oder nicht. Sollten die Produktionen geschlossen werden, wird es mit Sicherheit einschneidendere Einschränkungen geben.»

Roland Silvestri findet, die Lage sei schwer einzuschätzen: «Das Worst-Case-Szenario wäre, dass wir Bestellungen nicht nachkommen können. Ein Grund dafür könnte sein, dass wir keine Ware mehr haben, oder aber, wenn sich eine Person im Betrieb mit dem Virus anstecken würde. In diesem Fall könnte der Bund entscheiden, dass das Unternehmen deshalb geschlossen werden muss. So weit wollen wir jedoch nicht denken. Es läuft alles wie gewohnt. Was der Handel allgemein erwarten muss, ist früher oder später die Knappheit von bestimmten Waren.» Tom Knicker schliesslich erinnert an die globale Gesundheitslage: «Viele Händler haben genügend Aufträge, können diese derzeit aber nicht abwickeln. Somit stellt sich für viele die Frage nach der Finanzierbarkeit. Generell muss man abwarten, welches Szenario nun eintritt. Die Eindämmung des Virus sollte momentan für alle oberste Priorität haben.»

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