Lieferung 32 Minuten ab Bestelleingang

von Marcel Wüthrich

6. Juli 2019 - Das Start-up Annanow nutzt Taxis, Velokuriere oder auch Privatpersonen für Lieferservices. So kann das Unternehmen auf 100’000 Kuriere zurückgreifen, die auf einfache Weise auch für Kleinsthändler bereitstehen.

Die Liefergeschwindigkeit ist heute für einen Händler, der seine Waren zum Kunden nach Hause oder ins Unternehmen liefert, ein Schlüssel zum Erfolg. So erstaunt es nicht, dass das Start-up Annanow bei E- und Retailern aktuell für Aufsehen sorgt – immerhin behauptet das Unternehmen, eine Lieferung durchschnittlich 32 Minuten nach Bestelleingang beim Kunden zu haben. Nicht umsonst also arbeiten grosse Ketten wie Manor, Jumbo oder Media Markt bereits mit Annanow zusammen, und zahlreiche weitere Händler und Retailer – die Competec-Gruppe etwa – ist mit dem Unternehmen in Verhandlung.

Einfache Integration auch für kleine Händler

Annanow setzt bei seinem Service auf das Uber-Prinzip, auch wenn Daniel Gradenegger, Serial-Entrepreneur sowie Initiator und einer der vier Gründer von Annanow, über diesen Vergleich nur bedingt glücklich ist. "Uber hat einen etwas zweifelhaften Ruf, weil die Fahrer nicht sozialkonform entschädigt werden. Doch genau dieser Aspekt ist bei uns zentral, denn wir wollen etwas Nachhaltiges schaffen, und dazu gehört auch, Sozialabgaben für unsere Kuriere zu bezahlen."

Jedes Unternehmen und jede Privatperson kann bei Annanow zum Kurier werden, aktuell zählt man deren 100’000. Beim Gros davon handelt es sich um kommerzielle Anbieter – Taxiunternehmen zum Beispiel oder Velokuriere. Der Anteil an privaten Kurieren hält sich aktuell noch in Grenzen und liegt bei rund 10 Prozent – man habe sich hier bislang auch bewusst zurückgehalten, um zuerst Erfahrungen mit professionellen Kurieren zu sammeln.

Kuriere erhalten bei einem Lieferauftrag von Annanow via App eine Benachrichtigung – der erste Kurier, der den Auftrag annimmt, kann ihn ausführen. Dafür erhält er 80 Prozent der Liefergebühren, bei denen sich Annanow am Taxipreis orientiert. Das heisst: Kurzdistanzen kosten bei Produkten, die in Autos passen, 9.90 Franken pro Lieferung, womit man unter dem Preis für ein A-Post-Paket über 2 Kilo liegt, das 10.70 Franken kostet.

Die Integration von Annanow auf Händlerseite soll gerade für kleinere Händler ein Kinderspiel sein, noch nicht einmal ein Online-Shop ist ­nötig. Geht eine Bestellung telefonisch ein, muss der Händler lediglich die Annanow-Händler-App oder ein Web-Interface aufrufen – "ein Browser oder ein Smartphone genügen, um loszulegen", so Gradenegger. Der Kunde, der bestellt, bekommt bei einer Bestellung eine SMS mit der Aufforderung, seine Daten inklusive Zahlungsmethode einzugeben. Einmal eingegangen, erhält der Händler wiederum Mitteilung, dass die Zahlung erfolgt ist, worauf innerhalb von 15 Minuten automatisiert der Kurier vor Ort ist, um die Bestellung entgegenzunehmen und auszuliefern.

Für Händler mit Online-Shop sowie für grös­sere E- und Retailer gibt es derweil weiterreichende Möglichkeiten, Annanow in die eigenen Systeme zu integrieren und dem Kunden als Lieferoption anzubieten – unter anderem über APIs für Kassen und ERPs oder Plug-ins für verschiedene Onlineshops wie Magento oder Hybris.

Annanow könne für jeden Händler ein Thema sein, unabhängig seiner Grösse und der Art der Produkte, die er verkauft, ist Daniel Gradenegger sicher. In dem Kontext kommt er nochmals auf das Thema Nachhaltigkeit zu sprechen, weil man insbesondere auch kleinen Läden und Händlern helfe, von der Digitalisierungswelle nicht überrollt zu werden und dem Lädelisterben – das er zum Teil mit Sorge beobachte – vorbeuge. "Dank Annanow kann eine Bäckerei plötzlich am Sonntagmorgen einen Zopf und Gipfeli liefern – wie ein Pizzakurier. Dadurch erschliessen sich ganz neue Kundensegmente. Und wir helfen ihm auch dabei, sein Angebot sichtbar zu machen."


Lieferdienst mit Versicherung und Payment

Wichtig zu erwähnen ist auch noch, dass Anna­now nicht nur aus einem Lieferdienst besteht, sondern auch eine Versicherung und einen Payment-Dienst umfasst. Dabei handelt es sich jeweils um separate digitale Layer, die unabhängig voneinander gebucht werden können. "Das Potential von Annanow liegt allerdings in der Kombination dieser drei Bereiche. Denn eine Lieferung beinhaltet nebst der physischen Abwicklung der Logistik immer auch zwei weitere Komponenten: Eine Versicherung, ohne die vertraut Ihnen niemand ein Produkt an, sowie eine Finanztransaktion, da sowohl Produkt wie auch die Lieferung bezahlt werden wollen", so Daniel Gradenegger.

In Zukunft soll Annanow weiter ausgebaut werden. So denkt das Start-up beispielsweise über eine Tracking-Funktion nach. "Diese Funktion sollen Händler dann in ihre eigenen Apps integrieren können, so dass der Kunde, der bestellt, unmittelbar seine Lieferung verfolgen kann. Mit dieser Gamification kann dann der Händler seine eigene App aufwerten, denn sind wir ehrlich – bei den meisten Händlern gibt es für den Kunden heute kaum einen Grund, dessen App zu nutzen."

Ebenfalls sei man daran, mit grösseren Händlern im Bereich Lagerlogistik enger zusammenzuarbeiten – zum einen, um die Liefergeschwindigkeit weiter zu erhöhen, zum anderen, um die Effizienz zu steigern. Elementar bei der Liefergeschwindigkeit sei nämlich die Distanz, führt Gradenegger aus. Diese Distanz reduziere man, indem man anstelle eines Zentrallagers auf verteilte Lager setzt oder noch besser lokale Geschäftsflächen zu Lagern macht. "Mehrere grosse Händler sind bereit, zusammen mit uns in dieser Richtung zu arbeiten. Unsere Idee geht hier in die Richtung, dass Filialen oder auch Einzelhändler uns ihren Lagerbestand mitteilen, und wir diese Daten mit dem Daten der Zentrallager verknüpfen, um so genau zu wissen, wo was vorrätig ist."

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