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Schweizer Luxusproblem Informatikermangel? Von wegen!

3. November 2018 - Von Markus Häfliger

Ich weiss schon, dass in der Schweiz abertausende Informatiker jetzt und in Zukunft fehlen sollen, und dass dies eine Binsenwahrheit ist. Je nach Quellen sind es bis zu 10’000 jährlich. Gemäss dem Berufsbildungsverband ICT Berufsbildung Schweiz sollen es allein in den nächsten acht Jahren 75’000 Fachkräfte sein. Beim Fachkräftemangel der IT, heisst es allenthalben, handle es sich um ein Schweizer Luxusproblem. Denn die "digitale Transformation" und die Entstehung neuer digitaler Geschäftsmodelle seien eben in der Schweiz viel stärker auf dem Vormarsch als in anderen Ländern. Letzteres mag vielleicht stimmen. Ein Luxusproblem ist der Mangel an Informatikern deshalb aber nicht. In der Folge müssen fehlende Fachleute vermehrt in den Unternehmen und Hochschulen ausgebildet oder aus dem Ausland rekrutiert werden. Allerdings ist beides leichter gesagt als getan – und reicht bei weitem nicht aus.


Ein Drittel verlagert sich ins Ausland

Denn erstens können die kleineren und mittleren Unternehmen längst nicht so viele neue IT-Leute ausbilden, wie es bräuchte. Es fehlen ihnen schlichtweg die Ressourcen dazu. Und die grossen Schweizer Konzerne, die es sich leisten könnten, machen (allerdings vor allem aus monetären Gründen) mehr mit Offshoring zigtausender IT-Stellen als mit Ausbildung Schlagzeilen. Wie dem auch sei, bei optimistischer Sichtweise können über beide Kanäle, also Ausbildung und Rekrutierung aus dem Ausland, 50’000 neue Fachkräfte bereitgestellt werden. Zieht man allerdings die neuerlichen Entwicklungen bei den Verhandlungen der Schweiz mit der Europäischen Union in Sachen bilateraler Verträge in Betracht, wäre ich da nicht so sicher. Selbst wenn, was nützen der Schweizer ICT schon ein paar hundert neue Kurzaufenthalterkontingente, die sie erst noch mit anderen Branchen teilen muss? Dass die Kontingentzahlen nun für Fachkräfte über die Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU/EFTA hinaus auch bei anderen Drittstaaten ausgeweitet werden, löst die Problematik auch nicht. Die restlichen Ressourcen, also die Arbeitskraft mehrerer zehntausend IT-Profis, müssen deshalb zwangsläufig ins Ausland ausgelagert werden.


700’000 Franken und mehr für ETH-Absolventen

Nun könnte man sagen, das sei halt der Lauf der Dinge, die Globalisierung verändere eben unsere sozialen und wirtschaftlichen Strukturen. Dass es sich dabei aber um ein Luxusproblem handelt, ist schlicht und einfach Blödsinn. Wenn dann auch noch behauptet wird, IT-Industriekraken wie Google oder Facebook würden mit ihren hiesigen Entwicklungsstandorten die Schweiz aufwerten, ist das ganz einfach zynisch. Diese sogenannte Standortförderung hat ja bekanntlich zur Folge, dass die guten, in der Schweiz ausgebildeten Informatiker zu Google wollen. Sie arbeiten zwar noch in der Schweiz und zahlen hier Steuern, ihre Arbeitskraft fehlt aber der Schweizer Wirtschaft. Mit den diversen neuen Rechenzentren, die von den Grossen hierzulande eingerichtet werden, wird sich das Problem noch verschärfen. Ob Rechenzentrum oder Entwicklungslabor, bekanntlich zahlen die US-Software-Kraken in der Schweiz kaum Steuern. Mit Hilfe findiger Anwälte nutzen sie auf der ganzen Welt Schlupflöcher, um dem lokalen Fiskus zu entgehen. Ausserdem umgarnen sie an den Schweizer Hochschulen nicht nur die Elite für den Entwicklungsstandort Zürich. Mittlerweile ist aus firmennahen und Hochschul-Quellen zu hören, dass beispielsweise Google 700’000 Franken und mehr für die besten Software-Entwickler zahlt, wenn sie im Silicon Valley arbeiten. Von wegen Luxusproblem. Die IT-­Wertschöpfung in der Schweiz sinkt. Das ist das ­Problem.

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