IT Reseller



Microsoft: "Stillstand ist keine Option"

von Marcel Wüthrich


7. Juli 2018 - Die Ankündigung Microsofts, ab 2019 eigene Rechenzentren in der Schweiz zu betreiben, hat für einige Aufregung bei den Schweizer Microsoft-Partnern gesorgt. Wir haben in der Person von Upgreat-CTO Stefan Muggli einen Vertreter dieser Partner an einen Tisch mit Microsoft-CTO Marc Holitscher gesetzt, um über die Bedeutung des Schrittes und die Konsequenzen für Kunden und Partner zu sprechen.

"Swiss IT Reseller": Herr Muggli, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie das erste Mal gehört haben, dass Microsoft mit eigenen Datacentern in die Schweiz kommt?

Stefan Muggli: Ich war erstaunt, habe nicht mit diesem Schritt gerechnet. Ich habe mich gefragt, wie sich das Partnermodell wohl verändert, was der Schritt für diejenigen Partner bedeutet, die zuletzt viel in ihre eigenen Datacenter investiert haben. Und ich habe mich gefragt, was die Motivation Microsofts ist, mit eigenen Datacentern in die Schweiz zu kommen.

Marc Holitscher: Dass sich Microsoft entschieden hat, in der Schweiz Datenzentren zu bauen, geht eindeutig auf ein Kundenbedürfnis zurück. Insbesondere aus dem Umfeld der regulierten Industrien – Banken, Versicherungen und dem Public Sektor – war der Wunsch nach einem Microsoft-Datacenter mit garantierter Datenspeicherung in der Schweiz in den letzten Jahren laufend ein Thema. Diesen Wunsch haben wir entgegengenommen und eine Wirtschaftlichkeitsberechnung an unser Mutterhaus in Redmond weitergeleitet. Wir freuen uns nun sehr darüber, dass man dort zum Schluss gekommen ist, dass unser Business Case funktioniert.

Stefan Muggli: Diese Motivation kann ich nachvollziehen. Ich weiss allerdings, dass bestehende Partner von Microsoft – wir gehören zum Glück nicht dazu, da wir zuletzt vor allem auf eine Buy- anstelle einer Make-Strategie gesetzt haben – zum Teil zweistellige Millionenbeträge in Datacenter investiert haben. Für diese Partner ist der Entscheid Microsofts, nun selbst auf Schweizer Boden zu setzen, sicher ein Affront.

Marc Holitscher: Geschäftsmodelle verändern sich im Kontext der technischen Entwicklung konstant. Das, was man als Unternehmen über Jahre gemacht hat, ist mit Blick in die Zukunft vielleicht nicht mehr der Königsweg. Für mich ist die Cloud letztlich nur ein weiterer Schritt in der technischen Evolution, wie IT-Dienstleistungen bereitgestellt werden können, die Basis für weiterführende Lösungen und Dienste unterschiedlichster Ausprägung. Man kann technologischen Fortschritt nicht aufhalten. Ich bin aber auch der festen Überzeugung, dass es in der Schweiz für die unterschiedlichsten Bereitstellungsmodelle von Cloud-Services einen Markt gibt.

"Swiss IT Reseller": Trotzdem: Wie viele Gedanken hat Microsoft Schweiz an all die Partner verschwendet, die in den letzten Jahren Millionen in eigene Datacenter und damit einhergehend in Microsoft-Cloud-Dienste investiert haben?

Marc Holitscher: Wir haben unsere Partner-Organisation vor ziemlich genau einem Jahr neu strukturiert, und dabei den Bereich "Build with" besonders hervorgehoben. Gemeint ist damit das Bestreben von Microsoft, neue Business-Modelle und neue Wertschöpfungsketten noch viel stärker gemeinsam mit den Partnern zu definieren. Stillstand ist kein valabler Weg, nicht für uns, nicht für die Partner. Und wenn die Bedürfnisse des Kunden klar in eine Richtung zeigen, dann gilt es, diesen Bedürfnissen gerecht zu werden. Und es ist auch die Aufgabe des Partners, dass er sein Business den Marktbedürfnissen anpasst und sich weiterentwickelt. Wir sind da, um ihn dabei zu unterstützen, denn letztlich machen wir 95 Prozent unseres Geschäfts mit den Partnern.

Stefan Muggli: Was sind denn konkret die Vorteile für die Schweizer Kunden, wenn Microsoft in der Schweiz ein Datacenter baut?

Marc Holitscher: Zum ersten sicher die garantierte Datenhaltung in der Schweiz. Wir versichern dank je einem Datacenter in den Regionen Zürich und Genf, dass die gespeicherten Daten die Schweiz nicht verlassen. Zusätzlich wird die Latenz für kritische Anwendungen deutlich verringert, und man wird ganz allgemein von der Reichweite unserer Hyper-Scale-Cloud profitieren können. Es wird künftig möglich, aus der Schweiz heraus Microsoft-Services aus Dublin und Amsterdam deutlich reibungsloser zu integrieren.

Stefan Muggli: Kann Microsoft den Kunden denn die Anwendung von Schweizer Recht garantieren, – garantieren, dass absolut keine Daten die Schweiz verlassen?

Marc Holitscher: Wir werden beim Betrieb der Cloud-Services sehr transparent bezüglich der Sicherheits- und Compliance-Thematik sein. So wollen wir den Kunden befähigen, eigenständig eine Risikobeurteilung vorzunehmen. Wir werden uns aber davor hüten, für den Kunden rechtliche Empfehlungen oder Beurteilungen irgendwelcher Art zu machen. Nur der Kunde selbst kennt sein Geschäftsumfeld, sein Risiko, seine internen Weisungen und Direktiven. Ich sehe hier auch eine fantastische Möglichkeit für Partner, denn viele Kunden fahren eine Multicloud-Strategie, werden auch in Zukunft nicht ausschliesslich auf die Microsoft-Cloud setzen. Allerdings haben die Kunden in der Regel weder die Möglichkeit noch das Wissen und die Kapazität, sich mit den verschiedenen Plattformen in der Tiefe auseinanderzusetzen. Hier kommt der Partner ins Spiel, der sich hier positionieren kann, und ich sehe in der Beratung rund ums passende Cloud-Operating-Modell einen riesigen Bedarf.

Stefan Muggli: Ich möchte nochmals auf die Datenhaltung zurückkommen. Letztlich wird es kaum möglich sein, dass alle Daten in der Schweiz bleiben. Azure Active Directory (AD) ist eine globale Geschichte, und Microsoft wird kaum Azure AD Suisse aufbauen.

Marc Holitscher: Es ist richtig, dass Azure AD aktuell noch Attribute hat, die global gespeichert werden. Wir sprechen hier aber von sehr wenigen Daten – E-Mail-Adressen zum Beispiel oder die Passwort-Hashes. In Gesprächen selbst mit hoch regulierten Unternehmen ist dies selten ein Diskussionspunkt, da wir hier nicht über Kundendaten, sondern über Daten der eigenen Mitarbeiter sprechen. Zu Azure AD kann ich noch anfügen, dass aktuell viel in Bewegung ist. Was die Zukunft bringt, ob es einen Schweizer oder zumindest einen europäischen Ableger geben wird, ist aber noch offen.

Stefan Muggli: Aber man muss festhalten, dass gewisse Daten die Schweiz verlassen.

Marc Holitscher: Und genau darum ist es entscheidend, dass der Kunde durch ein transparentes und belastbares Risiko-Assessment geführt und ein eventuelles Risiko sauber und präzise klassifiziert wird. Hier ist die vertrauensvolle Funktion des Partners zentral, der den Kunden nicht nur technisch mit Added Value und Managed Services begleitet, sondern auch im Kontext mit Security-Risiko-Assessments und Beratung zum Cloud-Operating-Modell. Das zeigt auch: Mit einer gewissen Offenheit und Kreativität seitens des Partners sind die Möglichkeiten auf unserer Cloud-Plattform sehr gross.

Stefan Muggli: Das sehe ich durchaus. Wichtig ist hierbei einfach, dass man seine Argumentation beim Kunden anpasst. Man argumentiert dann nicht mehr damit, dass man Zugriff auf die Hardware hat, sondern dass man die Daten unter Kontrolle hält, sie vielleicht selbst zusätzlich noch verschlüsselt oder die Zertifikate beisteuert.

Marc Holitscher: Absolut. Und was man in der Cloud-Diskussion nie vergessen darf: Nur weil man Dienste in die Cloud verlagert, ist man nicht von der Verantwortung rund um diese Dienste befreit, etwa was die Informationssicherheit oder die Datensicherung im internen Betrieb angeht.

Stefan Muggli: Wird eigentlich alles, was Microsoft in seinen Rechenzentren in Amsterdam und Dublin betreibt, auch aus der Schweiz heraus angeboten werden?

Marc Holitscher: Nein. Wir werden in der Schweiz mit einem Kernbestand von Azure-Services beginnen. Mit der Zeit werden dann weitere Azure-Komponenten verfügbar, nicht zuletzt aufgrund des Feedbacks aus dem Markt. Wir rufen hier unsere Partner dazu auf, ihre Einschätzung mit uns zu teilen, welche Azure-Services priorisiert werden sollen. Sie sind unser Ohr am Markt. Wir wollen das Angebot gemeinsam mit den Kunden und Partnern entwickeln. Ebenso werden wir Office 365 und Microsoft Dynamics 365 aus der Schweizer Cloud anbieten.

Stefan Muggli: Wird Skype for Business aus der Schweiz heraus angeboten werden? Denn hier spüren wir seitens der Kunden im Zuge der All-IP-Umstellung eine hohe Nachfrage, und wir haben uns entschieden, Skype for Business bei einem lokalen Anbieter einzukaufen, würden dies natürlich aber gerne direkt aus der Microsoft Cloud beziehen.

Marc Holitscher: Ich wurde mit dieser Frage erst kürzlich konfrontiert, und leider kann ich dazu nichts sagen, weil ich schlicht nicht weiss, wie die Pläne hier aussehen. Aber: Wenn ich nun von verschiedener Seite diesen Bedarf vernehme, dann habe ich die Möglichkeit, den Punkt in die Diskussionen mit unserem Mutterhaus mit aufzunehmen. Und ich verspreche Ihnen, das zu tun.

Stefan Muggli: Ich bin mir sicher, das Interesse ist hier gross. Nicht zuletzt auch seitens derer, die aktuell daran sind, Skype Services aufzubauen. Ich sehe hier Parallelen zu damals, als Schweizer Provider mit Hosted Ex­change begonnen haben, und dann Microsoft mit Office 365 gekommen ist, womit die Provider-Angebote im Prinzip obsolet wurden.

Marc Holitscher: Es ist eine Tatsache, dass sich Technologien über die Zeit zu Commodity entwickeln. Diese Entwicklung schafft aber immer auch Kapazitäten für Neues. Wenn ich als Provider keine Exchange-Dienste mehr betreiben muss, habe ich Zeit für neue, höhergelagerte Dienste. Stillstand ist keine Option.

"Swiss IT Reseller": Also muss die Empfehlung an alle Partner, die Microsoft-Dienste aus der eigenen Cloud anbieten, eigentlich lauten, sofort alle Investitionen zu stoppen?

Marc Holitscher: Wie gesagt, die Markt- und die Kundensituation sind sehr vielfältig, und auch nach unserem Eintritt in den Schweizer Datacenter-Markt wird es Kunden geben, die ihr Datacenter On-Premise oder bei einem reinen Schweizer Partner wissen wollen. Das Cloud-Business ist keine Monokultur, und es wird auch in Zukunft Möglichkeiten für die Partner geben. Diese muss man allerdings ­erkennen.

Stefan Muggli: Wir stellen uns heute schon bei jedem Service, den wir anbieten wollen, die Frage nach "Make or Buy". Kommt hinzu, dass die Ausgangslage als Dienstleister heute im Prinzip für alle sehr ähnlich ist. Alle kriegen Office 365 für 9.90 Franken pro Monat. Also muss man sich sehr genau überlegen, wo man Mehrwert bieten kann. Möglichkeiten gibt es hier viele.

Marc Holitscher: Ich glaube auch, dass das Gros der Partner diese Möglichkeiten sieht. Die Mehrheit der Partner hat die Datacenter-Ankündigung positiv aufgenommen. Und auch Kunden, die bislang skeptisch waren bezüglich Cloud, zeigen nun, da sie Microsoft-Dienste aus einem Schweizer Rechenzentrum beziehen können, Interesse. Und: Wir verzeichnen schon jetzt eine grosse Nachfrage von ausländischen Firmen an Dienstleistungen, die aus der Schweiz heraus erbracht werden. Diese Kunden werden die Hilfe von lokalen Partnern benötigen, und wir geben sie selbstverständlich an unsere Schweizer Partner weiter. Der Markt wird wachsen, dessen bin ich mit sicher, und damit auch der Anreiz für Partner, sich noch weiter auf Szenarien mit hoher Wertschöpfung zu spezialisieren.

Stefan Muggli: Wir haben darüber gesprochen, dass gewisse Daten die Schweiz verlassen. Gibt es abgesehen von hochkomplexen Trust Center eigentlich eine einfache Möglichkeit Einsicht darin zu erhalten, welche Daten das sind?

Marc Holitscher: Im Bereich Office 365 ist es klar aus den Verträgen ersichtlich. Für Azure muss ich Sie tatsächlich auf das Trust Center verweisen. Hier wird es künftig für die Schweiz eine Übersicht geben, aus der ersichtlich wird, wo welche Kundendaten abgelegt werden.

Stefan Muggli: Können Sie schon eine Aussage zur Preisgestaltung des Schweizer Angebots machen?

Marc Holitscher: Nein, dazu ist es noch wesentlich zu früh. Die Preiskalkulation wurde noch nicht gemacht und steht aktuell auch noch nicht auf der Agenda. Sagen kann ich einzig so viel, dass man bei Azure verschiedene Preiskalkulationen je nach Land sieht, während Office 365 im Wesentlichen überall gleich teuer ist. Ist sehe nicht, warum das in der Schweiz anders sein sollte.

Stefan Muggli: Wird es möglich sein, meine Mailbox, die aktuell beispielsweise in Amsterdam liegt, einfach in die Schweiz zu verschieben, um so die Latenz zu verbessern? Denn insbesondere Latenz ist ein grosses Thema rund um Cloud-Dienste, so wie sie Microsoft aktuell erbringt.

Marc Holitscher: Ja, das wird möglich sein. Und wir wissen, dass Latenz ein Thema ist, und erwarten hier deutliche, je nach Anwendung gar entscheidende Verbesserungen.

Stefan Muggli: Das sind gute Neuigkeiten. Wird es denn auch so sein, dass ich auch bei Microsoft-Services, die ich nicht aus der Schweiz beziehe, über das Schweizer Rechenzentrum und den Microsoft Backbone geroutet werde?

Marc Holitscher: Ja, das ist so geplant – entweder über uns oder auch über einen Partner. Wir haben zahlreiche Partner, die direkte Verbindungen an unsere regionalen Datenzentren unterhalten, das wird hierzulande nicht anders sein.

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