IT Reseller



«Windows 8 konnte den PC- Markt 2012 nicht aufmischen»

von Angelica Filippi

1. März 2013 - Die Schweizer PC-Branche blickt auf ein unfruchtbares Geschäftsjahr 2012 zurück. Chrystelle Labesque, Research Manager bei IDC, geht gegenüber «Swiss IT Reseller» etwas genauer auf die Hintergründe ein und gibt einen Ausblick auf die weitere Entwicklung des Schweizer PC-Markts.

1,761 Millionen verkaufte Einheiten und damit ein Absatzeinbruch um 12,9 Prozent, so lautet die ernüchternde Gesamtbilanz der Marktforscher von IDC für den Schweizer PC-Markt im Fiskaljahr 2012. Wurde im vorangegangenen Jahr im Desktop-Segment zwar bereits ein Rückgang von 6,6 Prozent verzeichnet, so konnte man 2011 doch immerhin im mobilen Bereich um 5,4 Prozent zulegen und damit den Absatz mit einem Plus von 0,9 Prozent stabil halten. 2012 sind die Zahlen nun deutlich ins Minus gerutscht. So muss beim Desktop-PC gegenüber dem Vorjahr ein Absatzeinbruch von 9,6 Prozent auf 660'000 verkaufte Einheiten verkraftet werden, und im mobilen Bereich sind die Zahlen gar um 14,8 Prozent auf 1,101 Millionen Einheiten gesunken. Gesamthaft gesehen kommt das Consumer-Segment dabei mit einem Minus von 12 Prozent etwas besser weg als der Business-Bereich, der um 13,8 Prozent rückläufig ist. «Swiss IT Reseller» hat sich mit Chrystelle Labesque, der für die Schweiz zuständigen IDC-Analystin, unterhalten und sie nach den Hintergründen für die Schwäche des hiesigen PC-Markts gefragt.


Mobiler Bereich bleibt tragend

Chrystelle Labesque führt den Absatzrückgang unter anderem auf die schwierige wirtschaftliche Lage zurück und erklärt, dass dadurch auch die öffentlichen Dienste zunehmend unter finanziellen Druck geraten. Dies habe zur Folge, dass die Investitionen relativ tief ausfallen. Zudem hat der Tablet-Boom vor allem im mobilen Consumer-Bereich seinen Tribut gefordert. Insgesamt wurden laut Labesque in der Schweiz 2012 767'000 Tablets abgesetzt, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 84 Prozent entspricht.
Im Business-Umfeld lassen sich die sinkenden Verkaufszahlen derweil dadurch erklären, dass viele Unternehmen gerade erst auf Windows 7 migriert haben und daher im Moment keine neuen Geräte benötigen. Labesque ist aber überzeugt: «Der PC ist nicht tot. Wir sehen zwar, dass die Zahlen bei den Desktop-Verkäufen rückläufig sind, doch der Bedarf ist nach wie vor da – unter anderem auf Grund von Sicherheitsüberlegungen im Unternehmen.» Sie räumt aber auch ein, dass sich der Markt tatsächlich je länger je mehr in Richtung mobiler Geräte verschiebt. Auf die Frage, weshalb dann der mobile Bereich höhere Einbussen ausweist als das Desktop-Segment, antwortete Labesque, dass die Netbooks in den letzten Jahren für eine erhöhte Nachfrage gesorgt haben. Dieses Segment hat jedoch vor rund 18 Monaten an Schub verloren, was nun auch die Zahlen im mobilen Bereich ins Negative abrutschen lässt. Ausserdem verweist die Analystin auf das Verkaufsvolumen der beiden Segmente: «Auch wenn der mobile Bereich den grösseren Absatzeinbruch erlitten hat, so werden doch noch immer mehr mobile Geräte an den Mann gebracht als Desktop-PCs.» Dementsprechend wurden 2012 im Business-Bereich 458'000 (-15,3%) und im Consumer-Bereich 643'000 (-14,4%) mobile Rechner abgesetzt, während im Business Bereich nur 430'000 (-12,1%) und im Consumer-Bereich 229'000 (-4,5%) Desktop-PCs einen Käufer fanden.


Geräte zu spät lanciert

Richtet man den Blick nur auf das vierte Quartal 2012, fällt auf, dass der Absatz im mobilen Bereich im Vergleich zum Desktop noch einmal deutlich schlechter abschliesst als übers Gesamtjahr hinweg. Das bedeutet in Zahlen ausgedrückt, dass der Verkauf von mobilen Geräten im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresquartal um 20,7 Prozent eingebrochen ist, während der Desktop-PC 8 Prozent verloren hat. Was aber besonders ins Auge sticht, ist, dass das Consumer-Segment mit 19,6 Prozent stärker nachgegeben hat als das Business-Segment, wo ein Minus von 12,9 Prozent ausgemacht werden kann. Das kommt reziemlich überraschend, ist das vierte Quartal doch bekannt dafür, die Endkunden-Absätze dank den Festtagen anzukurbeln. «Die Kannibalisierung der Umsätze durch die Tablets liess sich im vierten Quartal besonders deutlich feststellen, da in diesem Quartal das Angebot an preisgünstigen Modellen höher war als in den vorangegangenen Quartalen», weiss Labesque. «Des weiteren hat Windows 8, von dessen Einführung man sich einen Boost für das vierte Quartal erhofft hatte, die Erwartungen nicht erfüllt. Dies liegt daran, dass entsprechende Touch-Geräte, die das Windows-8-Erlebnis attraktiv machen, erst spät auf den Markt geworfen wurden – viele Modelle hat man vor Ende November oder Anfang Dezember gar nicht erwerben können. Somit konnten diese Modelle den Markt im vierten Quartal nicht wie erwartet aufmischen.»


Lenovo wächst ungebremst

Bei all diesen negativen Zahlen überrascht es, zu sehen, dass Lenovo als einziger der fünf marktführenden Hersteller auch in diesem eher lauen Geschäftsjahr um 8 Prozent zulegen konnte. Alle anderen Hersteller haben rückläufige Zahlen auszuweisen – allen voran HP mit einem Minus von 20,7 Prozent und Dell mit einem Minus von 20,2 Prozent. Auf Grund dieser Resultate hat Lenovo den Konkurrenten Dell stückzahlenmässig knapp überholt – bei den Chinesen gingen 143'000 und bei den Texanern 142'000 PCs über die Schweizer Ladentheken –, und liegt jetzt mit einem Marktanteil von 8,1 Prozent gleichauf. Labesque erklärt sich den Erfolg von Lenovo folgendermassen: «Lenovo hat viele Produktneuheiten auf den Markt geworfen, was von den Verbrauchern positiv aufgenommen wurde. Ausserdem verfolgt Lenovo die Strategie zu wachsen und orientiert sich auch sehr konsequent an dieser. Ein weiterer Faktor, der in der Schweiz eventuell etwas weniger zu Tragen kommt als in anderen Ländern, ist die Übernahme von Medion, die im Consumer-Bereich für Marktentwicklung sorgen konnte.» Nichtsdestotrotz rechnet die Analystin auch für die Schweiz mit einem weiteren Wachstum von Lenovo: «In der EMEA-Region belegt Lenovo bereits den zweiten Platz auf der Herstellerrangliste. Ein solches Resultat erzielt man nicht von einem auf den nächsten Tag sondern Schritt für Schritt. Somit besteht für Lenovo dank seiner Konsequenz bei der Strategieverfolgung viel Poten­tial, auch in der Schweiz weiter zu wachsen.»


Viertes Quartal fällt aus dem Rahmen

Bei näherer Betrachtung der übrigen Hersteller bemerkt man, dass Apple, das sich hiezulande mit einem Marktanteil von 15,3 Prozent erneut auf dem zweiten Platz positionieren konnte, im vierten Quartal mit einem Minus von satten 29,2 Prozent im PC-Geschäft massiv schlechter gewirtschaftet hat als übers Gesamtjahr hinweg. 2012 wurde Apple nämlich mit einem Rückgang von «nur» 11,8 Prozent in der Apple-affinen Schweiz neben Lenovo am wenigsten arg geschüttelt. Das schwache vierte Quartal ist laut Labesque dadurch zu erklären, dass der Konzern aus Cupertino Probleme mit der Verfügbarkeit seiner All-in-One-Desktop-PCs (iMacs) hatte, was sich negativ in den Verkaufszahlen niederschlug.
Des weiteren fällt auf, dass HP im Gegensatz zu Apple im vierten Quartal besser davon zu kommen scheint als übers Gesamtjahr gesehen. Hier verweist Labesque wiederum auf das Jahr 2011: «Im vierten Quartal 2011 hat HP massiv unter der reduzierten Verfügbarkeit von Festplatten gelitten. Daher erscheinen die Verkaufszahlen für das vierte Quartal 2012 so positiv.» Es sei jedoch schwer zu beurteilen, ob HP gegen Ende Jahr im Vergleich zum Gesamtjahr wirklich besser gewirtschaftet habe oder ob die besseren Resultate hauptsächlich mit dem zuvor erwähnten Umstand zusammenhängen. Nichtsdestotrotz rangiert der Hersteller mit einem Marktanteil von 30,3 Prozent nach wie vor mit grossem Abstand zur Konkurrenz auf dem ersten Platz. Den dritten Platz belegt Acer, das über einen Marktanteil von 11,7 Prozent verfügt.


Keine baldige Besserung in Sicht


Für das laufende Geschäftsjahr 2013 sehen die Aussichten wenig rosig aus, wenn man nur Notebooks und Desktop-PCs anschaut. Zwar rechnet man bei IDC damit, dass der Gesamtmarkt – inklusive Tablets – im laufenden Jahr um 15 Prozent auf 2,9 Millionen Geräte wachsen soll. Für den klassischen PC-Markt ohne Tablets allerdings geht die IDC-Analystin davon aus, dass dieser sich in den kommenden zwei Quartalen nicht erholen wird, da auch auf Seiten der Wirtschaft keine Verbesserung in Sicht ist und die Investitionen der Unternehmen und der öffentlichen Verwaltung dementsprechend nach wie vor sehr vorsichtig getätigt werden. Zudem werde das Tablet weiterhin den Notebook-Absatz im Consumer-Markt torpedieren – auch wenn Labesque der Ansicht ist, dass Tablets die Notebooks noch nicht vollständig ersetzten können: «Es ist schlicht unmöglich, auf einem Tablet auf die gleiche Weise zu arbeiten wie auf einem Notebook. Das Tablet wird heute daher hauptsächlich für den Konsum von Inhalten und nicht für die Bearbeitung komplexer Aufgaben verwendet.» Sie fügt jedoch an, dass durch die Einführung von Windows 8 und dementsprechenden Geräten wie dem Surface Pro – bei IDC gehören alle Hybrid-Geräte, bei denen sich die Tastatur komplett abtrennen lässt, zur Kategorie der Tablets – sich dieser Umstand bald ändern könnte. Wie schnell dieser Prozess von statten gehen wird, hängt ihrer Einschätzung nach von der Preisgestaltung der Geräte ab.

In der zunehmenden Etablierung von Windows 8 sieht Labesque aber auch Chancen für den PC-Markt, denn ein Einsteiger-Notebook sei im Vergleich zu den heutigen Convertibles noch immer preiswerter, weswegen sich Windows-8-Interessierte anstelle eines Tablets für einen mobilen PC entscheiden könnten. Zudem werde es sicherlich einige Zeit in Anspruch nehmen, die Leute daran zu gewöhnen, komplexere Aufgaben auch auf einem Tablet statt einem Notebook auszuführen. «Laut den Erhebungen von IDC hat sich Windows 8 zwischen Dezember und Anfang Januar gut entwickelt. Wenn sowohl die Hardware- und Software-Hersteller als auch die Reseller Aufklärungsarbeit betreiben, um den Verbrauchern die Vor- und Nachteile des Betriebssystems etwas näher zu bringen, werden diese ihre Skepsis gegenüber Windows 8 und damit die ‹Wait and See›-Einstellung ablegen. Zudem können die Geräte, nun da sie endlich verfügbar sind, auch ge­testet und eventuell bei der nächsten Erneuerungsphase der Unternehmen berücksichtigt werden», erklärt Labesque. Zusätzlich ist die Analystin davon überzeugt, dass nicht nur die neuen Hybrid-Modelle, sondern auch die Ultrabooks dem Markt Auftrieb verleihen können. Auch bei diesen Geräten hänge der Erfolg jedoch massgeblich von der Preispolitik ab. Durch die schlechte Verfügbarkeit von Touch-Panels sei es jedoch kurzfristig schwierig, am Preis zu schrauben. «Das Angebot und das Interesse – auch auf Seiten der Unternehmen – ist aber auf jeden Fall vorhanden», meint sie.

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