IT Reseller



Vertriebsflash: Im Vorhof der Hölle

von Markus Schefer

Es war sein erster Arbeitstag und Paul Blumer, der neue IT-Lösungsverkäufer, klingelte wie vereinbart pünktlich und hochmotiviert um 7.45 Uhr an der Tür seines neuen Arbeitgebers. Er wartete. Doch nichts geschah. Nachdem er über 20 Minuten vor verschlossenen Türen stand und sich bereits fragte, ob er sich wohl im Datum geirrt hat, schlurfte der erste Mitarbeiter heran. «Grüezi. Mein Name ist Paul Blumer. Ich bin der neue IT-Verkäufer!», sagte er und streckte dem Techniker freundlich grinsend die Hand entgegen. Dieser schaute ihn entgeistert an und sagte: «Ich habe gar nicht gewusst, dass wir einen neuen Mitarbeiter eingestellt haben.»
Selbst Paul Blumer, der es sich als ehemaliger Kickboxer gewohnt war, Schläge einzustecken, musste leer schlucken. Kurz dachte er an seinen Kollegen, der ihm dringend davon abriet, hier eine Stelle anzutreten. Denn das Arbeitsklima sei etwa so kühl wie das Wetter am Nordpol. Auch Paul Blumer war in den ersten zwei Interviews aufgefallen, dass sein potentiell neuer Chef nicht unbedingt ein herausragender Kommunikator war. Andererseits dachte er sich, dass der erste Eindruck manchmal ja auch täuschen könne.
Nachdem ihn der Techniker am Empfang vorbeigeführt hatte, liess er Paul Blumer in der Nähe des Kaffeeautomaten wortlos stehen. Blumer setzte sich auf einen Stuhl und harrte der Dinge, die da kommen. Das Problem dabei: Es kam nichts! Aber dann, nach über einer Stunde des Wartens, stand er auf einmal leibhaftig in der Tür. Mit zerzausten Haaren trottete der Geschäftsführer herein, sah Paul Blumer und meinte: «Ah, du fängst ja heute an. Komm mit. Ich zeig dir deinen neuen Arbeitsplatz.» Danach führte er ihn – ohne sich für seine Verspätung zu entschuldigen – an einen grossen Tisch, der übersät war mit Broschüren, Computerersatzeilen und sonstigem Krimskrams. «Kannst hier mal Ordnung schaffen!», meinte eure Lordschaft und schwebte auch schon wieder von dannen.


Frust und Demotivation

Paul Blumer machte sich also daran, das Chaos aufzuräumen. Als er damit fertig war, versuchte er unter dem Tisch den Kabelsalat zu entwirren, und seinen eigens von zu Hause mitgebrachten Laptop ans Netzwerk anzuschliessen. «Machen wir alles später. Ist jetzt nicht so wichtig!», grunzte der Chef ihm zu, als er Blumers Absichten durchschaute. Es dürfte wohl niemanden überraschen, dass weder der Vorgesetzte noch einer der Arbeitskollegen sich die Mühe machten, Paul Blumer um 12 Uhr zum Lunch auszuführen. Und dass der Chef am Nachmittag plötzlich aufstand und zu Paul Blumer sagte: «Ich gehe jetzt zum Kunden. Aber mitnehmen kann ich dich natürlich noch nicht. Zuerst musst du dich mal ins Produktportfolio einarbeiten!», war bloss ein weiteres Highlight an diesem unvergesslichen ersten Arbeitstag. «Willkommen im Vorhof zur Hölle!» dachte sich Paul Blumer, als er sich durch den Feierabendverkehr quälte und sich den Tag nochmals durch den Kopf gehen liess. Zu Hause angekommen spülte er sich seinen Frust mit ein paar Bier herunter. Danach ging es ihm zumindest für den Moment wieder etwas besser.
Wer glaubt, diese Geschichte sei frei erfunden, den muss ich leider eines Besseren belehren. Genau so hat sich der erste Arbeitstag eines IT-Verkäufers abgespielt, der mir darüber im Detail Bericht erstattete. Und auch die folgenden Tage und Wochen, in denen Blumer in dieser Firma ausharrte, bis er dann von sich aus nach zwei Monaten die Notbremse zog und seinem arroganten Chef die Kündigung auf den Tisch knallte, waren ein gelebtes Beispiel dafür, wie man die Motivation und die Freude eines Angestellten innert kürzester Zeit zerstören kann.


Die ersten Tage sind entscheidend

Persönlich ist es mir immer wieder schleierhaft, wie wenig Gewicht manche Unternehmen dem ersten Arbeitstag und den ersten Arbeitswochen beimessen, die für einen Angestellten doch so wichtig sind. Da ist zum Beispiel kein Einführungsprogramm vorhanden. Da hat man es versäumt, dem Angestellten einen funktionierenden Arbeitsplatz einzurichten. Da wurde das Team nicht darüber informiert, dass ein neuer Mitarbeiter anfängt. Oder da befindet sich der Chef gerade in den Ferien, wenn der Neue beginnt und niemand wurde darüber instruiert, wie nun mit dem Mitarbeiter zu verfahren sei. Man könnte dem entgegenhalten, dass dies alles doch gar nicht so wichtig ist. Aber das ist ein Trugschluss. Denn genau darauf schauen Mitarbeiter in der Anfangsphase. So wie der Angestellte selbst sich bewähren muss, so muss sich nämlich auch die Firma gegenüber dem Mitarbeiter bewähren. Es sind darum genau diese vielen kleinen, vordergründig unwichtigen Dinge, die sich am Ende wie ein Puzzle zu einem Gesamtbild zusammensetzen und beim Mitarbeiter entweder einen positiven Eindruck erzeugen oder in ihm das Gefühl wecken, als austauschbare Arbeitskraft ein unbedeutender Teil einer kühlen Maschinerie zu sein.

Meine Feststellung ist, dass sich die meisten Angestellten schon nach kürzester Zeit eine Meinung über den neuen Arbeitgeber bilden. Wir sprechen hier nicht von Monaten, sondern von Tagen oder höchstens ein paar Wochen. Wenn ein Kandidat, den ich platziert habe, mir darum schon vor Ablauf des ersten Monats erzählt, dass er sich bei der neuen Stelle nicht wirklich wohl fühlt, so sind dies für mich meist sehr ernst zu nehmende Alarmzeichen. Denn in aller Regel bleiben solche Angestellten meist nicht lange bei der Firma. Hat sich ein Mitarbeiter nämlich erst einmal ein Urteil über sein neues Unternehmen gebildet, so lässt sich dieses Bild im Nachhinein fast nicht mehr korrigieren.

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