Vertriebsflash: Der Lauteste ist der Schwächste

Wer seit längerer Zeit als Vertriebsmitarbeiter in der Informatikbranche arbeitet, der weiss, dass die Schweizer IT-Szene in etwa so überschaubar wie ein grosses Dorf ist. Man trifft sich regelmässig an Fachmessen und Veranstaltungen, isst in den gleichen einschlägig bekannten Restaurants oder geniesst das Feierabendbier in jenen Bars, wo sich auch die Vertriebskollegen der Konkurrenz tummeln. Bei solchen Anlässen und den sich daraus ergebenden Gesprächen machen dann jeweils die neuesten Klatschgeschichten die Runde. So erfährt man zum Beispiel, welcher Verkäufer gerade seinen Job gewechselt hat, bei welcher Firma die höchsten Saläre bezahlt werden, oder welcher Vertriebsmitarbeiter im letzten Jahr den höchsten Bonus garniert hat. Besucht man über Jahre solche Hot Spots so realisiert man schnell, dass sich dort meist immer die gleichen Leute tummeln. Das Einzige, was sich im Turnus von zwei bis drei Jahren bei den Protagonisten ändert, sind die Firmennamen auf ihren Visitenkarten. (ms)

Solche Communities haben durchaus ihre Vorteile, erfährt man doch auf dem Latrinenweg häufig weit brisantere Dinge als über die offiziellen Kanäle. Doch aufgepasst: Wer so bekannt ist wie ein bunter Hund, läuft irgendwann Gefahr, selbst zum Spielball von Gerüchten und Neidattacken zu werden. «Der Lauteste im Raum ist immer auch der Schwächste.» In diesem Ausspruch, den ich vor einiger Zeit im Kinofilm «American Gangster» gehört habe, steckt viel Wahres drin. Der Drogendealer Frank Lucas spricht diese Worte zu seinem Bruder, welcher anlässlich einer Party durch sein schrilles Outfit die Neugierde der anderen Besucher auf sich zieht und dadurch – ohne es zu merken – seine Tarnung als biederer Geschäftsmann aufgibt. (ms)

Was mich betrifft, so gehe ich ganz bewusst kaum noch an Szeneveranstaltungen und meide wenn möglich Lokale, wo ich weiss, dass sie häufig von IT-Mitarbeitern besucht werden. Persönlich geht es mir dabei auch darum, jene Personen in der Öffentlichkeit zu schützen, für die ein zufälliges Zusammentreffen mit mir unvorteilhaft oder zumindest sehr peinlich werden könnte. Belustigt erinnere ich mich in diesem Zusammenhang an folgende Situation: Da sassen in einem Zürcher Inlokal am Nachbars­tisch ein mir bestens bekannter Verkaufschef zusammen mit seinem mir nicht weniger bekannten Mitarbeiter. Was beide voneinander nicht wussten war, dass sie schnellstmöglich das Unternehmen verlassen wollten und mir dabei mehrfach eingebläut hatten, dass keinesfalls publik werden dürfe, dass sie aktiv auf Jobsuche waren. (ms)

Ein starkes Netzwerk zu besitzen und dieses aktiv zu pflegen, ist wichtig und sinnvoll. In schwierigen Situationen, wie beispielsweise einem Jobverlust, können die so gewonnenen Kontakte helfen, wieder einen neuen Job zu finden. Doch aufgepasst: Jemand, der innerhalb der IT-Szene sehr bekannt ist, der sollte bei öffentlichen Anlässen peinlichst darauf achten, nicht ins Fettnäpfchen zu treten. Denn bei solchen Leuten wirken sich einmal publik gemachte Schwächen in der Regel fatal aus, wird doch der hohe Bekanntheitsgrad auf einmal für sie selbst zum Bumerang. (ms)


Markus Schefer

Markus Schefer ist selbständiger Personal- und Unternehmensberater und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Basel für das Fach «Verkauf». markus@scheferpersonal.ch (ms)

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