Artensterben erfasst ERP-Spezialisten

10. März 2008 - ERP-Hersteller haben besonders Mühe, qualifiziertes Personal zu finden und längst nicht jedes Schweizer Informatikproblem lässt sich mit Indern lösen. Hersteller greifen deshalb für die Rekrutierung zu ungewöhnlichen Mitteln.

Frage: Wie gross ist der Mangel an Fachkräften bei Schweizer ERP-Herstellern? Antwort: Man weiss es nicht so genau. Denn nur schon die Erhebungen über alle in der Schweiz tätigen Informatiker schwanken zwischen 110’000 und 230’000. Aus den Erhebungen des Stellenportals der Personalberatung Oprandi & Partner lässt sich klar ablesen: Es werden in keiner anderen Branche so viele Fachkräfte gesucht wie in der Informatik. Unter den drei meistgesuchten Posi­tionen fungieren IT-Projektmanager mit 186, Berater mit 185 und SAP-Spezialisten mit 131 Stellenangeboten. Doch welche Projekte gilt es zu managen und zu beraten?
Alfred Breu, Präsident der Zürcher Lehrmeister­vereinigung Informatik (ZLI), hat sich eingehend mit dem Informatikerschwund befasst. Angesprochen auf den ERP-spezifischen Fachkräftemangel kennt auch er keine genaueren Zahlen: «Konkrete Aussagen zu einem bestimmten Sektor zu machen, ist ausserordentlich schwierig. Wir wissen mit den heutigen Erhebungen noch nicht einmal genau, wie viele Informatiker in der Schweiz arbeiten, geschweige denn, wie viele Stellen offen sind.»
Das Problem besteht vor allem in der schwierigen Abgrenzung: Wer genau gilt alles als Informatiker? Die Problemstellung lässt sich mühelos auf die brancheninterne Strukturerhebung übertragen: Wer ist eigentlich ein ERP-Spezialist? «Das ist eine Definitionssache», sagt Breu, «es kommt darauf an, ob man den Projektleiter im ERP-Bereich auch als ERP-Spezialisten betrachtet oder nicht.» Falls ja, wäre ERP der Spitzenreiter bezüglich Spe­zialistenknappheit. Somit lässt sich das Problem der IT-Branche direkt auf die ERP-Branche übertragen. Und da sieht Breu momentan schwarz: «Jährlich haben wir in der Schweiz 10’000 Abgänge aller Art in der IT-Branche. Dem stehen 1600 IT-Lehrlinge und 300 IT-Hochschulabsolventen gegenüber.» An den Zürcher Fachhochschulen haben 170 ein Informatikstudium abgeschlossen, das sind in etwa so viele, wie Credit Suisse alleine gerne anstellen würde. Oder anders ausgedrückt: Momentan fehlen der Schweiz jährlich 8000 IT-Spezialisten mehr.


ERP-Entwicklung ist kreative Arbeit

Wie lässt sich die prekäre Situation in den Griff kriegen? Breu sagt, die Branche habe den Nachwuchs selbst sträflich vernachlässigt: «Es gibt in der IT zu wenig Lehrstellen, ohne Lehrstellen gibt es keine IT-Hochschulabgänger. Zudem wird auch in Gymnasien kaum mehr IT-Unterricht betrieben.» Das sei aber nur einer von mehreren Gründen für den Arbeitskraftmangel. Ein anderer sei das schlechte Image der Informatik bei Jugendlichen. «Informatiker haben bei jungen Leuten immer noch den Ruf des schrullig-schlabbrigen, Pizza essenden Freaks» erklärt Breu. Obwohl das überhaupt nicht mehr zutreffe.
Viele Jugendliche hätten zudem das Gefühl, eine Anstellung im Marketing sei kreativer als eine Anstellung als Informatiker. «Dabei ist gerade die Mitentwicklung eines ERP-Systems höchst kreativ und zu einem grossen Teil mitverantwortlich für den Markterfolg eines Unternehmens.» Ausserdem müsste man jungen Leuten mal klarmachen, wie sicher eine Karriere in der Informatik sei: «Wer auch nur ein bisschen seriös arbeiten kann und einen gewissen Ehrgeiz hat, hat in der IT eine Karriere auf sicher», ist Breu überzeugt.


Mehr Inder braucht das Land?

Nicht alle Branchenbeobachter sind indessen davon überzeugt, dass sich der Fachkräftemangel im ERP-Bereich über mehr Lehrlinge auffangen lässt, auch nicht langfristig. Pascal Sieber vom Beratungsunternehmen Sieber & Partners hat in den letzten zwei Quartalen eine zusätzliche Zuspitzung auf dem Arbeitsmarkt festgestellt, die Knappheit nehme zu, man beschäftige wieder vermehrt Quereinsteiger. Avaloq beispielsweise nehme derzeit fast jeden, der nicht zwei linke Hände habe.
Dass ERP-Anbieter direkt von den sinkenden Zahlen bei den Lehrabgängern betroffen sind, glaubt Sieber nicht: «Ich kenne keine ausgebildeten Informatiker, die in die Softwareentwicklung gehen.» ERP-Anbieter müssten vielmehr auf Gymnasiasten hoffen, die eine IT-Ausbildung an der ETH oder ein betriebswirtschaftliches Studium an einer Universität absolvieren und danach als Projektleiter in die IT einsteigen. Die Codierarbeit könne man schliesslich ohne Probleme nach Indien auslagern, das sei in der USA schon gang und gäbe. Die Branche müsse sich deshalb vermehrt um Kontakte mit China oder Indien bemühen, wo Horden von IT-willigen Arbeitskräften ausgebildet würden.


Wie ERP-Anbieter das Problem sehen

Branchenbeobachter sind sich also nicht einig, wie man die Lücke im Arbeitsmarkt langfristig schliessen soll. Wie gehen ERP-Anbieter mit der Krisensituation um? Marc Ziegler, Mitglied der Geschäftsleitung bei Sage, kennt das Problem: «Wir haben im Moment 25 freie Stellen, bei 380 Angestellten.» Sage sucht primär Leute für die Softwareentwicklung und die Projektleitung. Ob Fachhochschul-, Uni- oder ETH-Absolventen besser sind, kann Ziegler nicht beantworten: «Vor allem wollen wir die Stellen wenn möglich mit Schweizern besetzen. Wir wollen für den lokalen Markt möglichst lokal produzieren.» Die Rekrutierung fand bisher vor allem über Zeitungsinserate statt. Man werde aber vermehrt näher an mögliche Kandidaten herantreten und beispielsweise an der Orbit eine Stellenbörse an ihrem Stand aufbauen. Auch an einer Veranstaltung der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft macht Sage jetzt Werbung.
Eine einfallsreiche Stellenausschreibungskampagne hat der ERP-Anbieter Bison Schweiz letzthin ausprobiert: Für drei Wochen hängte er an stark befahrenen Strassen in der Zentralschweiz Plakate auf, die auf freie Stellen aufmerksam machten. Laut Heinz Ranner, Leiter Marketung und Kommunikation, hat sich das gelohnt: «Die Aktion wurde offenbar gut gesehen, wir haben kurz darauf einen erhöhten Bewerbungseingang verzeichnen können und auch einige Leute eingestellt.» Auch Bison rekrutiert von Fachhochschulen, Universitäten und ETH gleichermassen, der Mensch und seine Fähigkeiten seien wichtiger als der Abschluss.


Auch Russland ist im ERP-Business

Er sei letzte Woche erschrocken, als er an der Cebit bemerkte, wie gefragt IT-Spezialisten sind. Erstmals habe es in Halle 6 einen separaten Job-Corner gegeben, so prekär sei die Lage. Doch Bison sucht nicht in Deutschland: «Wir versuchen unsere Mitarbeiter durch gute Weiterbildungsmöglichkeiten zu halten. Zudem haben wir 20 Lehrlinge im Betrieb, die hoffentlich nach der Lehre bei uns bleiben». Das sei besser als Quereinsteiger umzuschulen, wo der Aufwand dann doch meistens zu gross sei. Für die Codierarbeit setzt man auch bei Bison aufs Ausland: «Wir haben eine Kooperation in St. Petersburg. Dahin sourcen wir gewisse Arbeiten aus. Wir haben gute Erfahrungen mit Russland gemacht. Indien ist hingegen nicht so wichtig für uns.» (Claudio de Boni)

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