Kanal Total: Mobile ist geil

9. Mai 2005
Wer nicht mobil ist, hat schon verspielt. Manager im feinen Zwirn hocken in der Werbung mit Laptops auf Sprungtürmen im Freibad und fusionieren mal schnell ihr Unternehmen mit der Konkurrenz. Wer seine Verabredungen nicht im PDA speichert oder zumindest ein Fotohandy im Hosensack vibrieren hat, gehört nicht mehr dazu. Früher hat ein Mars genügt, um mobil zu sein.
Um mitreden zu können, habe ich mir kürzlich ein UMTS-Handy zugelegt. Ich erkenne zwar nicht wirklich, wer da am anderen Ende leicht zeitversetzt herumhampelt, aber der Neid derer, die nur sinnlos verwackelte Fotos hin- und herschicken können, ist mir jedenfalls sicher.
Auch Fernsehen kann ich jetzt mit meinem Handy und endlich all die Sendungen miterleben, die ich normalerweise als arbeitender Gutbürger verpasse: Vera am Mittag zum Beispiel oder Richterin Barbara Salesch. Wie konnte ich nur bisher ohne Daily Talks leben? Und wenn ich am Ende des Monats meine Handyrechnung präsentiert bekomme, werde ich vielleicht sogar mal bei Oliver Geissen eingeladen. Thema der Sendung: «Hilfe, ich habe mich prostituiert, um meine Telefonrechnung zu bezahlen.»
So ein Handy hat ja unglaublich viele Funktionen, wovon ein Normalsterblicher nie etwas wissen wird. Man kann sogar seine Gebühren im Parkhaus damit begleichen: Einfach die Parkplatznummer und HC387HU7947XZOII75011XX
762JAPW90N89683HGÖW7240 eingeben, «o.k.» drücken, fertig. Neben mir ein Mann mit einer Palette Cola – eigentlich wollte er nur eine Packung Camel aus dem Automaten – kichert sichtlich schadenfreudig: «Sie wissen aber schon, dass Sie gerade Ihr Auto zur Versteigerung auf Ebay freigegeben haben?» «Ja sicher, was glauben Sie denn», zische ich leicht verwirrt und rufe schnell meinen Anwalt an, um die Transaktion rückgängig zu machen. Der lacht hysterisch auf. Zum Glück kann ich wenigstens sein dämliches Grinsen auf dem Display nicht so genau erkennen!

Susann Klossek

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