KANAL TOTAL: Nichts passiert

11. April 2005
Kürzlich nahm ich an einer Pressereise zur BBC in London teil. Das BBC-Gebäude in Form eines Halbkreises versprüht den Charme eines Durchgangsbahnhofs in Polen. Die beiden englischen Jungs, die uns Journalisten begleiten sollen, sehen aus, als hätten sie die Nacht durchgekifft und gegen vier Uhr morgens aufgrund einer Wette mal kurz eine PR-Agentur gegründet.
Die Meute der versammelten IT-Weltpresse wird zuerst in die «Top of the Pops»-Bar gepfercht, wo die grossen Popstars angeblich vor und nach ihren Auftritten ihre Drinks schlürfen. Der etwa 30 Quadratmeter grosse Raum hat so gar nichts glamouröses und erinnert eher an einen DDR-Partykeller in den Siebzigerjahren. Auf dem zerfledderten Ledersofa, wo einst Madonna ihr heiliges Gesäss plaziert haben soll, lümmelt jetzt ein dicklicher spanischer Journalist.
Es ist eng und stickig, hin und wieder versagt die Beleuchtung, die Kekse sind sandig und der Kaffee schmeckt nach abgestandenem Spülwasser. Ab und an schlurft ein BBC-Handlanger wie ein Junkie auf Methadon durch die gelblichen Flure.
Dann folgt die Pressekonferenz. Zugegeben, die Show ist gut, wenn da nicht dieser nordenglische Subproletariats-Dialekt wäre. Hinzu kommen die technischen Kompliziertheiten eines Outsourcing-Projektes, von denen ein IT-Journalist ja nicht wirklich etwas versteht. Glücklicherweise stellen die amerikanischen Kollegen dann ein paar schlaue Fragen, God save America!
Danach erleben wir, wie so eine «Top of the Pops»-Sendung entsteht. Das Leben ist ein grosser Beschiss, sag ich nur. Eine Brit-Pop-Band wird auf die winzige Bühne drapiert. Die pubertären einmeterfünfzig grossen Jungs mit Wischmopp-Frisur halten zum Schein die Blasinstrumente an ihr Liverpool-Schmollmündchen, während ihre Sängerin ein bisschen zum Playbackband quietscht und hüpft. Schnell die Kamera eingestellt, ein bisschen Lichteffekt, ein bisschen Nebelschwaden aus Trockeneis, später noch 400 Zuschauer 200 mal vervielfältigt – und fertig ist das Riesenlivemusikevent.
Danach zeigt man uns die Serverräume, schliesslich geht’s hier ja um einen Outsourcing-Auftrag. Ein unendliches Labyrinth mit Millionen von Kabeln tut sich vor uns auf. Kaum zu glauben, dass hier irgendjemand noch die Übersicht haben soll. Hat wahrscheinlich auch keiner. Ich verspüre grosse Lust, einen der Kabelstränge aus dem Gerät zu ziehen, einfach mal, um zu sehen, was passiert. Nichts passiert. Und das war’s dann auch schon.

Susann Klossek

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