KANAL TOTAL: Unique is chic

1. November 2004
Zur Zeit ist es hip, IT-Veranstaltungen am Zürcher Flughafen Unique abzuhalten. Auch ich musste mich kürzlich an so einen Event begeben. Beinahe scheitert mein Besuch schon am Empfang, denn ich habe meinen Pass vergessen. Zwei Uniformierte mit Pistole im Halfter schauen mich angewidert an. Ihre Blicke verraten, dass ihnen eigentlich schon die normalen Passagiere auf die Nerven gehen und sie nicht auch noch IT-Spezis und Journalisten am Hals haben wollen. Dank meines lindgrünen Ausländerausweises lassen mich die beiden Wachposten dennoch passieren. Die Handfeuerwaffe in meiner Aktentasche übersehen sie grosszügig.

Der Weg zum «Channel Day» der Firma X ist unendlich. Ich latsche durch lange, menschenleere Gänge, vorbei an Pappwänden auf denen gross und unmissverständlich das Logo des Veranstalters prangt. Mir kommen ein paar verlorene Urlauber im Safarilook entgegen.
Endlich erreiche ich den Eingang: Eine Spanplattentür, hinter der man eher eine Grossbaustelle denn einen Herstelleranlass vermutet. Der Vorraum ist zigarrenrauchgeschwängert. Eine dralle Kubanerin mit einladendem Ausschnitt rollt billige Zigarren für sich langweilende Geschäftsherren. Am Stand gegenüber hocken Männer in grauen Anzügen verkrampft auf Melkschemeln und ziehen an Gummizitzen einer Pappkuh. Zu gewinnen gibt es eine Reise, wahrscheinlich die einzige Chance, hier wieder rauszukommen. Ansonsten scheint es ein ganz normaler Channel Day zu sein, nur eben ohne Channel. Denn die Anwesenden würde man leicht in einer Propellermaschine der Crossair unterbringen. Der Channel-Roundtable fällt aus, der Referent ist nie eingetroffen. Hat er seinen Flieger verpasst? Ist er an den beiden Wachposten gescheitert? Irrt er auf dem falschen Terminal herum? Man weiss es nicht.

Ersatzweise werde ich zu einem One-to-One-Interview genötigt, dass ich auf einer Passagiercouch lümmelnd abhalten muss. «Was gibt es Neues für Ihre Channelpartner?» frage ich. «Der Flug nach Madrid geht von Gate B27 statt B33», tönt es aus den Lautsprechern. «Das ist wirklich eine gute Sache», entgegne ich. «Mister Suharto auf dem Weg nach Kuala Lumpur bitte zum Informationdesk.» Im Hintergrund kreischt eine Bohrmaschine, nebenan spielen zwei mongolische Schafhirten Karten. Ein Osama-Bin-Laden-Verschnitt im langen, weissen Nachthemd kratzt sich ungeniert an den Weichteilen, wahrscheinlich drückt der Sprengstoffgürtel.

Der Flughafen ist ein denkbar ungeeigneter Ort für Business-Events. Unweigerlich verspürt man den Drang, eine Maschine zu kapern, fünf Millionen Dollar zu erpressen und sich in den Urwald von Papua Neuguinea abzusetzen. Da braucht man dann auch keinen Pass mehr. Und IT noch viel weniger.

Susann Klossek

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