KANAL TOTAL - Undercover

18. März 2002
50’000 PCs, 5000 Notebooks, 1200 Mehrfach-Server. Dazu Roll-Out, Software-Preloading und was es sonst noch schönes gibt. Nach so einem Auftrag würde sich selbst Carly Fiorina die Finger lecken und sich höchstpersönlich nach Basel zur Präsentation bemühen. Ich unterdessen hänge mich wochenlang ans Telefon, schleiche auf Parties und Anlässen herum, schnüffle, kombiniere und frage, frage, frage: «Was vom Novartis-Megadeal gehört?»
Die Novartis-Sprecherin hüllt sich in Schweigen (deshalb ist sie wohl auch Sprecherin geworden) und wimmelt mich gekonnt ab. Sie leitet mein Anliegen weiter, vielleicht ruft jemand zurück. Vielleicht! Ein bisschen weniger schnoddrig hätte es schon sein dürfen. Ok-ok... ITR ist nicht die NZZ.
Dann endlich treffe ich die richtigen Leute – die Verlierer. Undercover und unter Quellenschutz teilen die mir mit, dass sie den Deal bei diesen Preisen gar nicht wollten. Klar doch! Das sagte mir noch jeder, der einen Deal verloren hat. Das sagt jetzt auch der Dell-Mann. Den Verlierer hätten wir, fehlt noch der Gewinner. Ich bluffe und gratuliere zum Super-Deal. Bingo! Das Resultat einer zweimonatigen Undercover-Recherche findet sich auf Seite 1. So haben wir’s gern.
Fruchtlos hingegen verliefen die Nachforschungen nach einer spurlos verschwundenen Firma im Solothurnischen. Der VAR, der ein ASP sein wollte, ist wie vom Erdboden verschluckt. Gerade wird man von der Homepage noch zur Site eines US Pennystocks umgeleitet, da hat sich alles, inklusive Pennystock, auch schon in Luft aufgelöst.
Der Risikokapitalist, der in besseren Zeiten in den ungenannten VAR investiert hatte, hat verkauft. Er weiss von nix und was er weiss, darf er nicht sagen. Bleibt noch das Konkursamt. Beim Namen meines verschwundenen ASP scheint es der Telefonistin zu läuten. Schnell gibt sie die Kompetenz an ihren Chef ab.
Der sagt, dass er nichts sagt, dass er aber eigentlich schon etwas zu sagen hätte, wenn ich nicht von der Presse wäre. Jetzt bin ich sicher: Die Firma ist hops. Eine Bestätigung wäre jetzt von Vorteil – besonders für die Firma. Sonst geht sie spätestens bei der falschen Hops-Meldung wirklich hops. Wir schweigen.
Christoph Hugenschmidt

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